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ISRAEL Projekt Moses

Sie kehren nach langen Jahrhunderten in der Fremde heim ins Gelobte Land: schwarze Juden aus Äthiopien. *
aus DER SPIEGEL 2/1985

Eines Tages kam ein weißer Mann zu uns ins Dorf und sagte, wir würden nach Israel fliegen. Israel war uns ein Begriff, aber wo das Gelobte Land liegt, wußte niemand.« So erzählte Joseph Alkassar aus Äthiopien die abenteuerliche Geschichte seiner Einwanderung nach Israel.

Alkassar ist ein dunkelbrauner, krausköpfiger Afrikaner - und dennoch ein Jude, einer der schätzungsweise noch 25 000 Menschen starken jüdischen Gemeinde Äthiopiens, von denen jetzt fast zwei Drittel durch das »Projekt Moses« nach Israel gelangten.

Oft nur in Lumpen gekleidet, manchmal barfuß, noch mit dem Staub der Wüste an den Füßen, betraten sie den Boden des Judenstaates - dank einer Luftbrücke mit belgischen Charterflugzeugen, die im Sudan begann und über Rom, Basel oder Brüssel nach Israel führte. Mit Tränen in den Augen küßten sie die Piste des Flughafens Lod und fragten immer wieder: »Ist das wirklich Zion?«

Viele der Ankommenden hatten Augen-, Haut- und Darmkrankheiten, Tuberkulose, Malaria oder andere tropische Leiden und waren bis auf die Knochen abgemagert. Dutzende starben unterwegs oder kurz nach der Landung.

Wie zuvor in Nordafrika, im Irak oder dem Jemen, endet mit dem Exodus der Äthiopier eine jüdische Diaspora, die zu den merkwürdigsten der Welt zählt.

Äthiopische Juden lebten von Alters her in den Provinzen Gondar und Tigres. Sie behaupten, zum verschollenen Stamm Dan zu gehören, der in biblischen Zeiten in Palästinas Küstenebene lebte. In Äthiopien hätten sie auf das Erscheinen des Messias und die dann fällige Rückkehr in die verlorene jüdische Heimat, in »das grüne Land der Freude« (so ein Zuwanderer), gewartet.

Sie waren in Afrika den Gebräuchen des vortalmudischen jüdischen Glaubens treu geblieben und nannten sich »Bet Israel« (das Haus Israels), wurden aber von ihren Nachbarn als Falascha (Fremde) beschimpft.

Um sich der schwarzen Juden zu entledigen, verbreitete der äthiopische Kaiser Theodorus II. im 19. Jahrhundert das Gerücht, der Messias sei bereits in Jerusalem erschienen. Daraufhin wanderte die gesamte Glaubensgemeinschaft Hunderte Kilometer zum Roten Meer, in der Annahme, Gott würde das Meer teilen, wie seinerzeit beim Auszug aus Ägypten, um ihre Heimkehr zu ermöglichen. Doch das Wunder blieb aus. Die Falascha mußten in ihre Dörfer zurückziehen. Ein Drittel der naiven Pilger kam bei dem großen Treck ums Leben.

Es folgten böse Zeiten. Die benachbarten Stämme, meistens Moslems, brandschatzten die Falascha-Dörfer. Sogar unter Haile Selassie, der den Titel »Löwe von Juda« führte und seine Abstammung von Salomon und der Königin von Saba herleitete, litten die schwarzen Juden unter Verfolgung.

Ihre Lage verschlechterte sich weiter, als 1973 Addis Abeba die diplomatischen Beziehungen zu Israel abbrach, und ein Jahr später, als linksradikale Militärs an die Macht gekommen waren. Damals begann der Exodus der schwarzen Juden nach Israel, und der verlief keineswegs reibungslos.

Als die ersten etwa 200 Falascha vor gut zehn Jahren in den Judenstaat einwanderten, stießen sie auf den Widerstand der Rabbinatsbehörden. Sie wollten die Neueinwanderer nicht als »wahre Juden« anerkennen. Erst 1972 verfügte _(In einem Auffanglager mit israelischen ) _(Kindern und ihrer Hebräisch-Lehrerin. )

Oberrabbiner Ovadia Josef, die Falascha seien wirklich Juden im Sinne der Halacha, der religiösen Tradition.

Eine zweite Hürde auf dem Weg nach Zion fiel drei Jahre später, als auch die staatlichen Behörden diese Einstufung akzeptierten. Damit erhielten die Falascha das allen Juden der Welt gesetzlich garantierte unbeschränkte Recht zur Einwanderung nach Israel.

Vor einem Jahr lebten schon 8000 äthiopische Juden in Israel, und der Einwandererstrom nahm zu, seit Dürre und Hunger in Äthiopien die Menschen außer Landes trieben.

Regelungen über die neueste Fluchtoperation wurden im Oktober 1984 von Premier Peres in Washington vereinbart: Die USA gewährten Israel eine besondere Notstandshilfe von bisher fünf Millionen Dollar. Weitere Gelder für das Unternehmen sammelt zur Zeit in den USA Israels Einwanderungsminister Jaakov Zur. Geschätzte Kosten der Gesamtaktion: 300 Millionen Dollar für Flug und Integration in Israel.

Daß die Äthiopier ihre Juden überhaupt ziehen ließen, ist jüdisch-amerikanischen Hilfsorganisationen und israelischen Firmen zu danken, die auch nach dem Abbruch der diplomatischen Beziehungen in Äthiopien tätig geblieben waren. Seit Jahren hilft Israel zudem den Äthiopiern bei der Ausbildung ihrer Armee für den Kampf gegen die Rebellen im Norden des Landes. Außerdem hat Israel Äthiopien Kriegsgerät überlassen, vor allem russische Beutewaffen aus dem Libanon im Wert von 20 Millionen Dollar.

Die Berichte über den neuen Exodus wurden in Israel so lange wie möglich geheimgehalten, um das »Projekt Moses« nicht zu gefährden. Nunmehr bangt Jerusalem, die Auswanderung der letzten Juden Äthiopiens könne gefährdet werden, wenn radikale Araberstaaten Addis Abeba unter Druck setzen. Ohnehin dementierte Äthiopien am Freitag: »Wir haben nichts gewußt. Der Sudan dürfte den Falascha keine Fluchthilfe gewähren«, und verurteilte die Luftbrücke als »finstere Operation«.

Die Aufnahme und Integration der Glaubensbrüder aus Äthiopien macht den Israelis auch innenpolitisch Schwierigkeiten: In Javne etwa meinte der Bürgermeister, ihm fehlten schon Wohnungen und Arbeitsplätze für die Einheimischen. Die geringe Begeisterung der Gemeinden für die Neueinwanderer ist verständlich: Die Flüchtlinge kommen aus archaischen Produktionsverhältnissen in die offene Gesellschaft des modernen Israel.

Die meisten Falascha sind lernwillig, manchmal aber auch mißtrauisch. So weigerte sich eine Gruppe von Neuankömmlingen aus Afrika, einen Autobus zu besteigen, der sie in ihre Wohnquartiere nach Eilat bringen sollte.

Sie fürchteten: »Diese Maschine will uns nach Äthiopien zurückfliegen.«

In einem Auffanglager mit israelischen Kindern und ihrerHebräisch-Lehrerin.

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