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Briefe

Prophet im eigenen Land
aus DER SPIEGEL 39/1999

Prophet im eigenen Land

Nr. 37/1999, Hollywood: Historiker kritisieren Steven Spielbergs Shoah-Projekt

Was ist denn gegen die Vorgehensweise von Herrn Spielberg einzuwenden, die wahrscheinlich mehr Menschen die Augen für die unfassbaren Vorgänge vor 60 Jahren öffnet, als dies in den letzten Jahrzehnten die Gralshüter der sogenannten Wissenschaft je in ihren Elfenbeintürmen vermochten. Auch Herr Broder muss akzeptieren, dass die technischen Möglichkeiten der heutigen Zeit genutzt werden müssen, um auch die Gameboy-Generation für solche Themen zu interessieren.

PRÜM (RHLD.-PFALZ) MARIO SCHMITZ

Ich frage mich oft: Was war denn jüdische Identität vor der Shoah? Worüber in aller Welt haben damals jüdische Zeitungen geschrieben? Was haben die lebenden Juden gemacht, als es noch keine Über-Lebenden gab? Doch meinen Sie wirklich, dass da ein durchgeknallter, hybrider jüdischer Regisseur noch viel Schaden anrichten kann? Wir Über-Lebenden müssen uns damit einrichten, dass es unter uns auch Spielbergs und andere Meschuggene gibt. Falls wir uns nicht irgendwann auf unsere jüdischen Werte besinnen, die im Eigentlichen unsere Identität ausmachen, dürfen wir uns über Spielberg nicht beklagen. Er hat es auf seine Art wenigstens versucht. Mischung aus Schmock und Schlemihl, der er nun mal ist.

ST. IPPOLITO (ITALIEN) JONATHAN STERN

Woher nehmen wir Deutschen das Recht, uns als Kritiker betätigen und Spielberg des Eigennutzes und der Gewinnsucht überführen zu müssen? Diskutieren nicht gleichzeitig Politiker und Manager über Zeit und Höhe von Entschädigungszahlungen und über die Möglichkeit, diese steuerlich abzusetzen? Wo ist auf breiter Ebene in Deutschland eine Betroffenheit und Umkehr der Herzen zu sehen?

BÜDINGEN (HESSEN) ULI MEISSNER

Dass 50 000 Menschen, die die Shoah überlebten, ihren Enkelkindern ein Videoband zeigen können mit Einzelheiten ihres Lebens, über die manche bis zu diesem Interview nie gesprochen hatten, erscheint mir wichtiger zu sein als die Bedenken einiger Wissenschaftler, die alles viel »besser« gemacht hätten.

LUDWIGSBURG (BAD.-WÜRTT.) E. TSCHEPE

Ich möchte auf ein Projekt, das das Moses Mendelssohn Zentrum Potsdam und das Fortunoff Video Archive der Yale University von 1995 bis 1996 durchgeführt haben, aufmerksam machen. Unter dem Titel »Archiv der Erinnerung« wurden 78 Interviews mit Überlebenden der Shoah vorrangig aus der Region Berlin und Brandenburg aufgezeichnet. Es sind lebensgeschichtliche, offene Interviews, die ohne Gebühr im Haus der Wannsee-Konferenz in Berlin eingesehen werden können. Dem »Propheten« im eigenen Land wird oft nicht geglaubt, und er wird häufig nicht zur Kenntnis genommen.

POTSDAM DR. IRENE DIEKMANN MOSES MENDELSSOHN ZENTRUM, UNI POTSDAM

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