Zur Ausgabe
Artikel 12 / 37
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

USA Prüfe Deine Gesinnung

aus DER SPIEGEL 1/1952

Seit der Aufdeckung des Gold-Rosenberg-Fuchs-Atomspionage-Ringes und der Verurteilung des roten Agenten im Außenministerium, Alger Hiss (der ganz genau wie ein guter Amerikaner aussah), steckt die Regierung der Vereinigten Staaten in chronischem, oft hysterischem Kummer über die Sicherheit ihrer wichtigsten militärischen, politischen und wissenschaftlichen Geheimnisse.

Um die Loyalität ihrer Beamten und Angestellten zu prüfen, ist sie jetzt auf eine Methode verfallen, die selbst die unter Sabotage-Verfolgungswahn leidenden Sowjets noch nicht ausprobiert haben: Sie überprüfen die Gesinnung ihrer Beamten mit Lügen-Detektoren, den seit drei Jahrzehnten heftig umstrittenen Instrumenten zum Testen kriminell Verdächtiger.

Die Atomenergie-Kommission, die Zentrale Nachrichten-Agentur (der US-Geheimdienst), das Verteidigungs- und das Außenministerium spannen Angestellte, die auf »empfindlichen« Posten tätig sind, in regelmäßigen Zeitabständen (meist alle acht Wochen) in einen Lügendetektor*). Dann wird der Prüfling von drei bis vier

*) Dieser Apparat ist nichts weiter als das bekannte Blutdruck-Meßgerät plus einem Brustband zur Atmungsmessung. Beide Geräte sind elektrisch mit einer Maschine verbunden, die mit einem Schreiber die Unebenmäßigkeiten in Puls und Atmung des Verhörten festhält. Examinatoren sehr gründlich über seine ideologische Haltung, seinen Bekanntenkreis, auch über die intimen Seiten seines Privatlebens ausgefragt.

Er habe doch ganz bestimmt irgendwo unvorsichtig über seine Arbeit geplaudert, werden überraschende, verfängliche Fragen gestellt. Schlägt der Detektor aus, wird der Prüfling sofort suspendiert, eine umfassende Untersuchung eingeleitet. Weigert sich ein Angestellter, sich den Lügendetektor anlegen zu lassen, wird er entweder entlassen oder auf einen unwichtigen Posten abgeschoben, bis ein schlüssigeres Untersuchungsergebnis vorliegt.

Ein Sprecher der Atomenergie-Kommission erklärte dazu: »Ich glaube, die Angestellten lieben den Detektor hier, weil er sie immer an die Sicherheit denken läßt. Er hält schon eine lose Zunge im Zaum. Wenn ein Mann weiß, daß er von dieser Maschine geprüft werden wird, denkt er erst zweimal nach, ehe er spricht.«

Robert Ramspeck, der Vorsitzende der US-Kommission für Regierungsdienst, war ein wenig anderer Ansicht: »Eins der fundamentalen Prinzipien unseres Landes besteht darin, daß ein Mann so lange als unschuldig gilt, bis das Gegenteil bewiesen wird. Wir laufen Gefahr, dieses Prinzip auf den Kopf zu stellen. Aber«, seufzte er in der Einsicht, daß die Demokratie verdirbt, wenn ein Land glaubt, in einem Konflikt auf Leben und Tod zu stehen, »wir müssen die Regierung vor umstürzlerischen Elementen schützen.«

Gleichzeitig wundert sich die Regierung laut, wenn ein Spitzenmann nach dem anderen den Dienst quittiert, ohne daß sich Ersatz findet. In den letzten Wochen verließen allein das Außenministerium: Fernost-Sachbearbeiter Dean Rusk, Acheson-Stellvertreter James Webb, Experte Edward Barret, UN-Sachbearbeiter Leo Pasvolsky.

Langsam tauchen auch bei den Maschinen-gläubigen Gesinnungsprüfern schon wieder Zweifel an der Verläßlichkeit der Lügendetektoren auf. Denn bisher wurden bei den Verhören keine Spione und Saboteure, sondern in erster Linie Fälle sexueller Perversion aufgedeckt.

Zur Ausgabe
Artikel 12 / 37
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel