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Briefe

Psychologische Zustände
aus DER SPIEGEL 6/1947

Psychologische Zustände

Sicherlich hat Mr. H. B. vom B. A. O. R recht, wenn er meint, daß man bei den Deportationen aus Schlesien den »psychologischen Zustand« der Polen berücksichtigen müsse. Man hätte es natürlich verstehen können, wenn die Polen nach Besetzung der ehemals deutschen Gebiete die noch verbliebene deutsche Bevölkerung dezimiert hätten. Es wäre verständlich gewesen wie alle Fälle von Lynchjustiz. Aber das ist ja nur vereinzelt vorgekommen.

Was dagegen zur Debatte steht, ist folgendes: Größtenteils werden nur Kinder, Frauen und Greise nach gründlicher Ausplünderung vertrieben, denn auf die arbeitsfähigen Männer will man nicht verzichten.

Bei uns werden einsame Gehöfte überfallen, und das geraubte Gut wird auf dem Schwarzen Markt verschachert. Ich glaube, daß bei solchen gutüberlegten Zweckhandlungen von Affekthandlungen nicht mehr die Rede sein kann. Außerdem: welcher psychologische Zustand ist eigentlich die Ursache für die in Polen stattfindenden Judenverfolgungen? Es liegt mir völlig fern, die Polen allgemein als minderwertig zu bezeichnen. Aus eigener Erfahrung könnte ich das sofort widerlegen. Aber es steht doch wohl fest, daß es (auch nach dem Urteil mir bekannter Polen) nicht die besten Elemente sind, die in Polen jetzt die Macht verkörpern.

Wenn man schon psychologische Zustände untersucht, sollte man auch einmal jene Situation betrachten, die 1933 die Deutschen dazu führte, ihr Schicksal Hitler und seinen Genossen anzuvertrauen; vielleicht auch den psychologischen Zustand der Politiker, die mit Hitler Verträge schlossen.

Hannover-Linden

HELMUT STEINWEDEL

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