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Psychologisches Duell

aus DER SPIEGEL 18/1996

Michael Sams, Inhaber einer Reparaturwerkstatt im britischen Newark, hatte alles bedacht, bevor er bei einer Hausbesichtigung im Badezimmer eine spitze Feile und ein langes Messer zog und die Maklergehilfin Stephanie Slater in seine Gewalt brachte.

Sein Gesicht war mit Latexpaste geschminkt, sein Haar gefärbt. Die Seiten- und Hinterfenster seines Wagens hatte er dunkel lackiert, so daß die gefesselte Frau sich bei Passanten nicht bemerkbar machen konnte. Später zwängte der Kidnapper sein geknebeltes Opfer in eine Kiste.

Auch, wie er das Lösegeld einsacken würde, ohne dabei gefaßt zu werden, hatte Sams sich präzise überlegt: Er dirigierte den Geldboten von Telefonzelle zu Telefonzelle und schließlich zu einer Brücke. Die 175 000 Pfund (rund 480 000 Mark) Lösegeld, so seine Anweisung, seien in 31 Bündeln auf einem Tablett auf dem Mauersims zu deponieren. Kaum so geschehen, zog Sams das Tablett mit einer Leine zu sich ins Versteck, schwang sich auf einen Motorroller und verschwand in der Nacht.

Wenn deutsche Nachwuchsfahnder auf Fortbildungskursen das Verbrechen Kidnapping analysieren, sind Taktik und Scheitern des britischen Täters Michael Sams im Jahr 1992 eines der Standard-Lehrbeispiele dafür, wie Entführer und Erpresser agieren.

Obwohl er die schwierigste Phase der Entführung, die Geldübergabe, gemeistert hatte, war er im psychologischen Duell mit dem Opfer außer Tritt geraten. In Liebe zu der jungen Frau entflammt, vergaß Sams in einem seiner Erpressertelefonate mit der Slater-Familie, seine Stimme zu verstellen, und wurde bei der Rundfunkfahndung prompt von seiner Ex-Frau erkannt - ähnliches droht jetzt auch den Reemtsma-Entführern, deren Stimmen die Fahnder haben.

Fast immer ist der Entführer am Ende Verlierer, wenn es der Polizei oder dem Opfer gelingt, den geplanten Ablauf des Tauschgeschäfts Geld gegen Leben zu manipulieren. Ein Verlängern des Ultimatums, wiederholtes Verlangen nach Lebenszeichen, bewußtes Ändern von Treff-Absprachen versetzt Kidnapper in nicht vorhergesehenen Streß und zwingt sie letztlich zu Fehlern.

Rund 100 Fälle von »erpresserischem Menschenraub«, so der juristische Fachausdruck, gab es 1994 in Deutschland. 80 davon wurden aufgeklärt, wie auch die beiden prominentesten Fälle, die Entführung von Theo Albrecht ("Aldi") 1971 und Richard Oetker 1976.

Werden die Täter beim Taktieren der Polizei aber überfordert, können sie in Panik geraten und das Opfer töten. »Die Faust, die das Pfand umklammert«, schreibt der Kriminologen-Nestor Armand Mergen, solle »gekonnt und mit Geschick« geöffnet werden: »Hackt man die Hand ab, verliert man Pfand und Faust.«

Die Kriminologie sortiert die Tätertypen in zwei Kategorien: Die Brutaltäter haben den Tod ihres Faustpfands von Anfang an einkalkuliert. Andere sehen irgendwann in Panik nur einen Ausweg: das Opfer zu ermorden.

Intelligente Täter haben alle Vorkehrungen getroffen und pokern kühl um Millionen. Sie lassen das Opfer notfalls laufen, auch wenn kein Lösegeld fließt.

Bei der Analyse aktenkundiger Fälle haben Kriminalexperten mehrere klassische Phasen des Tatablaufs ausgemacht: Zunächst geht es darum, die Lebensgewohnheiten des Opfers auszukundschaften. In Phase zwei forschen die Entführer, wann und wie sie am besten zugreifen können. Oft wird der Überfall trainiert. Danach richten Profis ein meist abgelegenes Versteck so her, daß das Opfer sich später nicht durch Klopfen und Schreien bemerkbar machen kann. Verpflegung wird gebunkert.

Nach dem Zugriff gilt alle Umsicht der Form und Art des Erpresserbriefes und der Kontakte: Oft mit aufgeklebten Zeitungsbuchstaben oder Tonbändern mit der Stimme des Opfers stellen die Kidnapper erste Bedingungen.

Je kleiner beim Lösegeld die Scheine sein sollen, desto größer sind die Geldkoffer, und desto schwieriger ist der Transport. Je höher der Notenwert, desto gefährlicher aber ist später der Absatz.

Die riskanteste Phase in einem Entführungsdrama ist die Geldübergabe. Die Täter laufen Gefahr, erkannt zu werden oder zumindest Spuren zum Versteck zu legen.

Wenn der Geldbote unterwegs ist, stehen die Fahnder vor einer »schrecklichen Alternative«, wie der Hamburger Chefkriminalist Wolfgang Sielaff klagt: »Passiert Schlimmes, und die Polizei hat nicht observiert, ist die Öffentlichkeit empört.« Andererseits: »Merken die Täter etwas von der Observierung« und passiere Opfer oder Boten dann etwas, heiße es »haarsträubender Fehler«.

Um sicherzugehen, daß die Vorgabe der Erpresser - »Keine Polizei!« - eingehalten wird, inszenieren sie oft zermürbende Machtkämpfe. Wochenlang lassen manche jeden Kontakt zur Familie ruhen in der Hoffnung, die würde schließlich gegen den Rat der Polizei klein beigeben. Sendepause ist ebenso meist, wenn die Kidnapper das Gefühl haben, sie seien nicht mehr die Handelnden, sondern die Gejagten.

In dieser Phase befürchten Polizeistrategen Kurzschlußhandlungen der Entführer. Wenn das Opfer die Täter einmal ohne Maske gesehen hat, ist es zum wichtigsten Identifizierungszeugen geworden und schwebt in höchster Lebensgefahr.

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