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Briefe

Psychosozialer Flurschaden
aus DER SPIEGEL 24/1994

Psychosozialer Flurschaden

(Nr. 22/1994, Titel: Die Ego-Gesellschaft - Jeder für sich und gegen alle)

Die Tatsache, daß man heute entscheiden kann, auf welche Art und Weise man sein Leben lebt, ist ja wohl kein Ausdruck von Egoismus, sondern ein ganz normales Recht auf Gestaltung des Privatlebens. *UNTERSCHRIFT: München STEFANIE DEISENROTH

Wenn man - wie ich als Schriftsteller - zu einer der wenigen Berufsgruppen gehört, bei denen Selbstverwirklichung keine Farce, sondern Erfolg ist (bis hin zu einer Art von Unsterblichkeit), kann man über die von Ihnen angeführten Beispiele - Anwalt, Immobilienmakler, Cutterin - nur lachen. Sind diese Leute mit ihrer Eintagsfliegenhektik doch bloß Opfer der Lebensstilmanipulateure, markenbewußt und konsumverfallen, wie sie leben, haben sie ihr Ego überhaupt noch nicht entdeckt. *UNTERSCHRIFT: Heidelberg WALTER LAUFENBERG

In meinem Abiturjahrgang sind 60 bis 70 Prozent aller Wehrpflichtigen ausgemustert worden - die überwiegende Mehrzahl dieser staatlich anerkannten Krüppel nicht wegen körperlicher Unzulänglichkeiten, sondern wegen ihrer Fähigkeit, sich möglichst viele Atteste zu beschaffen. Wenn das nicht reicht, wird geklagt. *UNTERSCHRIFT: Schwäbisch Gmünd HOLGER NEHRING

Der Mangel an Verzicht und die erbarmungslose Gier nach äußerlicher Schönheit, verbunden mit der Fassade des »Gutdraufseins«, offenbaren doch nur die jämmerliche Oberflächlichkeit, in der sich unsere Gesellschaft befindet. *UNTERSCHRIFT: Braunschweig ANDREAS HORN

Das von Ihnen aufgestellte Gleichungssystem Single = Egoist, Familienmensch = Altruist erscheint mir, obwohl sicherlich oft zutreffend, als zu wenig differenziert, ja als geradezu unfair. Ich mag nicht erkennen, warum die notebookbewehrte Yuppie-Frau oder der funktelefonschwingende Single-Mann zwangsläufig der größere Egomane sein soll als die kindergeile Hausfrau oder der für das Eigenheim überstundenschuftende Familienvater. *UNTERSCHRIFT: Stuttgart MATTHIAS LEONHARDT

Wenn jeder sich selbst erst mal glücklich macht, ist das doch ein guter Anfang. *UNTERSCHRIFT: München KLAUS ROSENAUER

Bei den Recherchen für mein Buch »Frauensolo« (es geht um Frauen, die ohne Partner/Partnerin leben) habe ich herausgefunden, daß diese Lebensform gerade für Frauen viele positive Aspekte hat: Sie entwickeln neue Fähigkeiten, werden selbstbewußter und verantwortlicher (!) und so weiter. Eine meiner Gesprächspartnerinnen hat es so ausgedrückt: »Wenn ich irgendwann erwachsen geworden bin, dann in der Zeit, in der ich allein lebe.« *UNTERSCHRIFT: Bremen DR. DOROTHEE SCHMITZ-KÖSTER

Ich stelle mir mit Grauen circa 80 Millionen Individuen, egal in welcher psychopathologischen Variante, vor, die ein beliebiges Gegenüber ablehnen, weil es nicht in das Bild des Egos paßt. Du bist nicht wie ich, ergo Feind. *UNTERSCHRIFT: Hannover M. A. KAISER

Es gibt keine Altruisten und wenn, dann findet man sie früher oder später bei einem Psychologen wieder, bei dem sie ihr »Helfersyndrom« behandeln lassen. *UNTERSCHRIFT: Stuttgart MATTHIAS WILD

Im Psycho-Boom sehen Sie auch nur eine konsequente Fortsetzung der Ego-Suche und -Sucht. Das ist aber nur die eine Seite der Medaille. Die andere ist, daß in Therapien und Selbsterfahrungsgruppen die Menschen wieder anfangen, einen Zugang zu ihren Bedürfnissen zu bekommen und die Hindernisse, die deren Befriedigung im Wege stehen, aus dem Wege zu räumen. *UNTERSCHRIFT: Mainz NORBERT WINKLER

Der Flurschaden im psychosozialen Bereich ist mindestens so bedrohlich wie die Umweltzerstörung. *UNTERSCHRIFT: Stuttgart RUTH MARTIN Autorin von dem Buch »Zeitraffer - Der geplünderte Mensch«

Das »Goldene Selbst« wurde spätestens von Demokrit (um 460 bis 371 v. Chr.) systematisch formuliert. »Erkenne Dich selbst«, erklärte auch der Altmeister Sokrates. Beide witzelten gehörig über die Werte-Eiferer ihrer Zeit. Verfall des Gemeinsinns? Egoismus der Jungen? Alles schon mehrfach dagewesen - einschließlich der schrillen Töne der selbsternannten Wert-Schöpfer. *UNTERSCHRIFT: München GEORG M. SIEBER

Die individuelle Sinnproduktion ist so notwendig wie noch nie, da die Orientierungsmarken in unserer Gesellschaft immer durchlässiger werden. *UNTERSCHRIFT: Berlin OLIVER CREUTZ

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