Zur Ausgabe
Artikel 2 / 153
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Pulver für Alpha-Tierchen

Warum Kokain vor allem eine Droge für Kreative ist
aus DER SPIEGEL 44/2000

Jemand, der nicht sehr intelligent und dessen Leben einsam und langweilig ist«, sagt Hinderk Emrich, Psychiater und Drogenforscher an der Medizinischen Hochschule Hannover, »kann mit Kokain nicht viel anfangen.« Damit sich die Möglichkeiten des Stoffs voll entfalten könnten, müsse der Konsument die richtige Mischung aus Selbstverliebtheit und intellektuellem Potenzial besitzen.

Dass Kokain vor allem eine Droge der Kreativen, der Intellektuellen und der Prominenten ist, war bislang stets mit seiner Geschichte und dem hohen Preis begründet worden. Doch inzwischen lässt sich auch neurophysiologisch erklären, warum die Denk-Elite vorneweg kokst - und andere schlicht zu dumm dafür sind.

Beim Kokain, erklärt Emrich, gehe es eben nicht nur um Glücksgefühle, sondern auch um »die Selbstdarstellung, die Brillanz, die Magie, den Heiligenschein, den die Droge verleiht. Wer Kokain nimmt, macht das, um überall das Alpha-Tierchen zu sein«.

Kokain aktiviert - wie fast alle anderen Drogen auch - das so genannte »Belohnungssystem«, indem es die Konzentration des Überträgerstoffs Dopamin im Gehirn erhöht. Es entsteht ein Gefühl der Euphorie; Angenehmes erscheint noch angenehmer, Probleme scheinen sich in Luft aufzulösen.

Im Gegensatz zu anderen Drogen stimuliert Kokain aber auch eine bestimmte Gruppe von Nervenfasern im Hirnstamm, die wie eine Art Beschleuniger von Denkprozessen wirken. Eine einzige Faser des so genannten aufsteigenden retikulären Systems kann bis zu einer Milliarde weiterer Hirnzellen zum Denken anregen, ein ungeheures geistiges Potenzial. Normalerweise arbeiten die Verstärker-Fasern nur auf Sparflamme - Kokain hingegen bringt sie auf Touren.

»Im Kokainrausch«, sagt Emrich, »kann jemand, der viel in sich hat, aber es normalerweise nicht so richtig zur Geltung bringt, das Maximale aus seinen geistigen Möglichkeiten herausholen.« Vor allem für selbstverliebte Menschen könne das ein unglaublicher Genuss sein. Nur: »Man muss es eben vorher in sich haben - sonst wird es peinlich und macht keinen Spaß mehr.«

Allerdings birgt die Aktivierung dieses Potenzials gewaltige Gefahren. Weil das Dopamin-System durcheinander gewirbelt wird, drohen Herzinfarkt, Rhythmusstörungen, Schlaganfall, epileptische Krämpfe, Wahnvorstellungen und - beim Absetzen der Droge - schwere Depressionen.

VERONIKA HACKENBROCH

Zur Ausgabe
Artikel 2 / 153
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.