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ÄRZTE Punkt erreicht

Während einer harmlosen Kieferoperation starb ein fünfzehnjähriger Junge -- für Sachverständige das Resultat schwerer ärztlicher Fehler, für die Staafsanwälte jahrelang kein Grund zur Anklage.
aus DER SPIEGEL 44/1979

Reiner Hirsch, 15, hatte Zahnschmerzen, der Kiefer war vereitert. Im »Carolinum« der Frankfurter Universitätsklinik entschlossen sich die Arzte zur Operation, und sie beruhigten den Vater des Patienten: »Übermorgen haben Sie ihn wieder.«

Zwölf Stunden später, gut dreißig Minuten nach Operationsbeginn, war der Junge tot. »Narkosezwischenfall mit Herzstillstand«, wurde in das OP-Protokoll aufgenommen. Im Obduktionsbefund stand, daß »der Tod durch plötzliches Herz-Kreislauf-Versagen eingetreten ist«.

Was sich in den ärztlichen Bulletins wie eine unabänderliche Fügung liest, soll nun Folgen für die verantwortlichen Mediziner haben. Von Mittwoch nächster Woche an müssen sich vor dem Frankfurter Schwurgericht der Chirurg Heinz Niederdellmann und die Narkoseärzte Michael Baican und lyon Gach verantworten. Ihnen wird vorgeworfen, »durch Fahrlässigkeit den Tod eines Menschen verursacht« zu haben. Neben dem Kunstfehler, der dem Ärzteteam angelastet wird, ist in dem Prozeß auch anderes zu klären: ob die Vollnarkose in einer Sache notwendig war, bei der anderen Ärzten die Spritze genügt; ob die Eltern des Jungen über das Risiko des Eingriffs aufgeklärt wurden und ihre Einwilligung vorlag. Daß solch eine Operation überhaupt tödlich verlief, ist für den Gießener Professor Albert Keil, selbst Zahnarzt und nun Gutachter für den Deutschen

Patienten-Schutzbund, eine »unverantwortliche Stümperei«.

Zum Tod führte, so die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft, daß es die Ärzte unterließen, nach Einleitung der Narkose »den Rachenraum des Patienten mit einer Tamponade auszustopfen« -- eine Maßnahme, die das Eindringen von Blut in die Luftröhre verhindern soll. Zudem war der Tubus »nicht lediglich in die Luftröhre, sondern tiefer in den rechten Hauptbronchus eingeführt« worden, so daß »nur die rechte Lunge des Patienten beatmet wurde«. Dadurch konnte das bei der Kieferoperation verlorene Blut, wie ein Gutachter feststellte, ungehindert über die Luftröhre in den linken Hauptbronchus eindringen.

Aber auch die Dosierung der Medikamente, so wird den Ärzten angelastet, stimmte nicht. Sie injizierten 0,7 Gramm des Einschlafmittels Inaktin, das üblicherweise nur in einer Menge von 0,2 bis 0,5 Gramm gegeben wird. Zu Beginn der Operation wurde dann Noradrenalin verabreicht, das Gefäße verengt, aber auch leicht Herzrhythmusstörungen verursachen kann. Und um solche Störungen zu verhindern, spritzten die Mediziner wiederum das herzkraftdämpfende Medikament Isoptin. Alles zusammen eine Kombination, die sich, so ein Gutachter, »fatal auswirken mußte«.

Das aber war nicht die letzte Panne. Als sich die Herzfrequenz des Patienten rapide beschleunigte und der Blutdruck emporschnellte, wurde nach den Ermittlungen auch noch die Beatmung unterbrochen -- was schließlich »zum Herzstillstand und Tod« von Reiner Hirsch führte. Mediziner bezweifeln auch, ob die Narkose, die danebenging, in dieser Form notwendig war. Zahnarzt Keil, ehemals Professor für Zahnmedizin in Gießen, wirft den Kollegen an der Frankfurter Universitätsklinik vor, daß sie den Jungen »dem unnötigen Risiko einer Intubationsnarkose aussetzten«, bei

*Auf dem Gemälde sein Sohn Reiner Hirsch, der während der Kieferoperation starb.

einem »Bagatellfall, den praktisch jeder Zahnarzt einmal im Monat macht«.

Was für Fachärzte wie Keil ein »eindeutiger Kunstfehler« war, erschien der Staatsanwaltschaft lange nicht ausreichend, die Ärzte vor Gericht zu bringen. Erst fünf Jahre nach dem Tod des

Jungen müssen sich die Mediziner jetzt strafrechtlich verantworten -~ nicht

der erste Fall. in dem sich die Justiz schwer tut mit der Ahndung ärztlicher Fehileistungen.

Wenige Wochen nach dem Narkosetod vom Dezember 1974 stellte Vater Erich Hirsch Strafantrag, nachdem die Staatsanwaltschaft Frankfurt nichts Ungewöhnliches an dem Tod festgestellt hafte. Zwei Jahre ermittelten daraufhin die Strafverfolger und stellten dann das Verfahren ein: Die Nachforschungen hätten nicht zu dem Ergebnis geführt, daß »der Tod des Jungen mit zur Anklageerhebung hinreichender Sicherheit mit den Möglichkeiten eines sorgfältigen Arztes zu verhindern gewesen wäre«.

Wenig sorgfältig war, wie die Justiz damals ermittelt hatte. So waren etwa acht Monate lang die Akten verschwunden, noch länger blieb das medizinische Gutachten aus. Für Hirschs Rechtsanwalt Siegfried Traub war damit »der Punkt erreicht, daß sich die Sache zu einem Skandal ausweitet«.

Der damals zuständige Staatsanwalt Jürgen Metscher stützte seinen Einstellungsbeschluß auf die Ausführungen des Mainzer Medizin-Professors Rudolf Frey, der, so Traubs Vorwurf, »ein Gefälligkeitsgutachten allererster Ordnung« lieferte. Der Professor wollte zwar Mängel in der medizinischen Methodik nicht ausschließen, so etwa, daß »möglicherweise nur eine Lungenhälfte beatmet wurde«. Doch etwaige Versäumnisse seien »nicht ursächlich für den Tod« des Jungen gewesen.

Der Staatsanwaltschaft genügten die vagen Äußerungen dieses Sachverständigen.

Kaum Beachtung schenkte sie den Feststellungen des Frankfurter Gerichtsmediziners Professor Joachim

Gerchow, der auf fehlende Klinikaufzeichnungen über die Operation hingewiesen hatte.

So fand sich, wie Gerchow entdeckte, im OP-Protokoll kein Vermerk, wie es zu dem Narkosezwischenfall gekommen war, auch Elektrokardiogramm-Werte waren nicht zu finden. Auf der Anästhesiekarte, die laut Gerchow »kaum zu entziffern« war, fehlten die Angaben über. Blutdruck und Puls. Schließlich war auf der Fieberkurve keinerlei Medikation verzeichnet.

Der Tod seines Jungen und die juristische Behandlung des Falls machten Erich Hirsch zum kranken Mann. Er ließ sich vorzeitig, mit 59 Jahren, pensionieren, gab aber nicht auf in seinem Bemühen, »meinem Bub Gerechtigkeit widerfahren« zu lassen. Er beauftragte die Münchner Kanzlei »Rolf Bossi & Coll.«, das Strafverfahren weiter zu betreiben.

Die Anwälte legten mit Erfolg Beschwerde gegen den Einstellungsbeschluß ein. Sie drängten die Staatsanwaltschaft, eine Operationsschwester als Zeugin zu vernehmen, die sich bis dahin vor einer Aussage unbehelligt hatte drücken können: Der Kriminalpolizei hatte sie schlicht mitgeteilt, sie wolle zur Sache nichts sagen, und daraufhin hatte sie denn auch niemand mehr gestört.

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