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RUSSLAND Putins Abrissbirne

Um ein Luxushotel zu bauen, ließ die Kreml-Verwaltung ohne Genehmigung historische Gebäude am Roten Platz abbrechen. Nun ermittelt die Staatsanwaltschaft.
aus DER SPIEGEL 12/2007

Im Schutze der Dunkelheit rollten die schweren Armeelastwagen auf den Roten Platz, verschwanden unter riesigen Planen, auf denen Zeichnungen der dahinter versteckten Bauten die Illusion bevorstehender Sanierung erzeugen sollten. Was die Lkw dort, wo einst das Sowjetimperium sein Verteidigungsministerium einquartiert hatte, wirklich wollten, sollte möglichst kein Moskowiter mitbekommen.

Als die Sonne am Morgen über dem Kreml und der Basilius-Kathedrale aufging, waren die Fahrzeuge wieder verschwunden und mit ihnen vier der fünf Gebäude eines weltberühmten städtebaulichen Ensembles. Wo früher die sogenannten Mittleren Handelsreihen prunkten, neorussische Architekturdenkmäler im klassischen Stil, genauso einzigartig wie deren Nachbargebäude, das weltberühmte Kaufhaus Gum, klaffte eine Baulücke.

Planierraupen und Bagger waren am Werk gewesen, obwohl dafür keine Genehmigung der zuständigen Moskauer Behörde für das Kulturerbe vorlag. David Sarkissjan, der Direktor des staatlichen Architekturmuseums, nannte den Schwarz-Abriss empört einen »Akt von Regierungsvandalismus«. Doch die Herren, welche die Abrissbirne zum Einsatz auf dem Roten Platz geschickt hatten, wähnten sich sicher. Sie leiten Russlands mächtigste Grund- und Immobiliengesellschaft: die Liegenschaftsverwaltung des Kreml.

Mehr als 50 000 Mitarbeiter sind bei der Mega-Behörde beschäftigt, ihr Imperium umfasst Hotels und Sanatorien, sie versorgt aber auch Abgeordnete und hohe Richter mit Wohnungen. Ihr steht Wladimir Koschin vor, ein guter Bekannter von Wladimir Putin aus dessen Zeit als Vizebürgermeister von St. Petersburg. Offiziell muss der Kreml-Hausmeier für ein karges Gehalt arbeiten, das er 2002 mit umgerechnet 300 Euro angab.

Doch seit den Tagen des schillernden Koschin-Vorgängers Pawel Borodin gelten die besseren Jobs in der Grundstücksverwaltung des Staatspräsidenten als »Kormuschka«, als Futterkrippe für korrupte Beamte. Im Januar 2001 wurde Borodin, der den ehrgeizigen Aufsteiger Putin 1996 zu seinem Vize ernannt hatte, bei einem USA-Aufenthalt festgenommen - wegen Verdachts der Geldwäsche. Die Genfer Staatsanwaltschaft verhängte deswegen im März 2002 ein Bußgeld in Höhe von 203 000 Euro. Seinem Ansehen im Kreml hat die Strafe indes nicht geschadet, Borodin arbeitet jetzt als Staatssekretär.

Sein Nachfolger Koschin sollte den Ruf der Skandalbehörde aufpolieren und versprach, diese an »marktwirtschaftliche Bedingungen anzupassen«. Letzteren diente wohl auch die Nacht-und-Nebel-Aktion am Roten Platz.

Der Architekt Roman Klein, von dem der Entwurf des Moskauer Puschkin-Museums stammt, plante Ende des 19. Jahrhunderts auch die Mittleren Handelsreihen, die den Roten Platz nach Nordosten begrenzten. An ihrer Stelle würden nun, so ein Sprecher der Kreml-Behörde, ein »Luxushotel der höchsten Kategorie«, edle Wohnungen und ein Auktionshaus der Spitzenklasse entstehen, welches Christie's und Sotheby's Konkurrenz machen soll.

Ein finanzstarker Investor ist auch schon gefunden, der Petersburger Bankier Sergej Pugatschow. Der Mann verfügt über zwei Eigenschaften, die Moskaus Mächtige zu schätzen wissen. Er ist ebenso Kreml-treu wie öffentlichkeitsscheu. Mit seinem wallenden Bart wirkt der Boss der Meschprombank schon optisch wie ein Wiedergänger des reaktionären Zaren Alexander III., in dessen Regierungszeit die Handelsreihen gebaut wurden. Für das Projekt am Roten Platz wirbt auch eine Dame, die sich oft regt, wenn Staatsaufträge winken: Ljudmila Narussowa, die wohlhabende Witwe des im Jahr 2000 in einem Hotel verschiedenen ehemaligen Petersburger Oberbürgermeisters und Putin-Vorgesetzten Anatolij Sobtschak. Innerhalb des Kreml als Nervensäge gefürchtet, genießt Narussowa dennoch Narrenfreiheit. Schließlich hortet sie detailliertes Hintergrundwissen über kleinere und größere Durchstechereien in der damaligen Stadtverwaltung.

Die meist mit schwerem Goldschmuck behängte Mutter des Glamour-Girls Xenia Sobtschak sitzt als Senatorin im Föderationsrat, dem Oberhaus des russischen Parlaments. Als Vorsitzende der »Kommission für Informationspolitik« bat Narussowa im vergangenen Oktober Russlands obersten Strafverfolger, Ermittlungen gegen die Kreml-kritische Tageszeitung »Nowaja gaseta« einzuleiten. Das Blatt habe mit seinen »Angriffen« gegen die Baupläne am Roten Platz Stimmung gemacht.

Aufgeschreckt durch das publizistische Echo auf den klammheimlichen Abriss, hat die Generalstaatsanwaltschaft in Moskau, Russlands oberste Ermittlungsbehörde, nun eine Anklägerin angewiesen zu überprüfen, ob eine Genehmigung vorlag und ob die Häuser unter Denkmalschutz standen. In einem internen Amtsschreiben, das dem SPIEGEL vorliegt, bestätigt die Moskauer Denkmalschutzbehörde, dass die Gebäude unter ihrer Obhut standen.

Für Baupläne im Stadtzentrum sind zudem Dutzende von Zustimmungen der verschiedensten Ämter notwendig, um die sich die Kreml-Verwaltung offenbar nicht gekümmert hat. Die Staatsanwältin erhielt von ihren Vorgesetzten die Anweisung, die Abrissumstände »genau zu untersuchen« - wobei die Gefahr groß ist, dass die Ermittlungen stillschweigend wieder eingestellt werden könnten.

Allerdings drohen den Kreml-Beamten Unannehmlichkeiten durch die Vereinten Nationen. Die Unesco, die den Roten Platz zum Weltkulturerbe zählt, lässt sich von ihrer Moskauer Vertretung derzeit detailliert über das Verschwinden der historischen Gebäude berichten. UWE KLUßMANN

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