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RUSSLAND Putins erste Attacke

aus DER SPIEGEL 20/2000

Nur vier Tage nach seiner feierlichen Amtseinführung empfahl sich der russische Staatspräsident Wladimir Putin jenen Ratgebern, die sich einen Kurs im Stil der Pinochet-Diktatur in Chile wünschen. Schwer bewaffnete, maskierte Polizisten und Geheimdienstleute stürmten letzten Donnerstag um 9.30 Uhr den Sitz des privaten Moskauer Medienkonzerns Media-Most, befahlen die Angestellten auf die Flure und durchsuchten zwölf Stunden lang die Räume - genau zu jener Zeit, da Putin im Kreml mit CNN-Chef Ted Turner über die Freiheit des Wortes debattierte. Die Gewaltaktion, von den Behörden mal als Steuerfahndung, dann wieder als Untersuchung der Sicherheitsstrukturen des Konzerns ausgegeben, kam nicht überraschend. Zu den Medien der vom Finanzmogul Wladimir Gussinski beherrschten Gruppe gehört der populäre Fernsehsender NTW, den Putin schon im Dezember stillzulegen erwog: NTW hatte im Wahlkampf Oppositionsparteien unterstützt, kritisch über den Tschetschenien-Krieg berichtet und sich mehrfach mit dem Geheimdienst FSB angelegt, dessen Chef Putin einst war. Zu Beginn des Tschetschenien-Kriegs enthüllten Gussinskis Medien sogar eine vom FSB geplante (vom Geheimdienst später als Übung ausgegebene) Haussprengung in Rjasan. Die Most-Zeitung »Sewodnja« belegte Korruption sowie Amtsmissbrauch im Kreml und beim KGB-Nachfolger FSB - erst vor Tagen druckte sie kompromittierendes Material über dessen Vizedirektor Jurij Saostrowzew, der auch die Hausdurchsuchung bei Most angeordnet haben soll. Der Kreml setzte das lästige Gussinski-Imperium in den letzten Wochen bereits finanziell unter Druck: Der Konzern hat etwa eine Milliarde Dollar Schulden. So forderte der Gasprom-Konzern einen Kredit von 211 Millionen Dollar zurück - nach einem Treffen mit Putin. Im April wollte Gussinski darauf sein Finanzinstitut, die Most-Bank, an die Staatsbank verkaufen. Als die Papiere unterzeichnet werden sollten, verbot Putin per Telefon den rettenden Deal. Das Vorgehen der Machthaber empfand die »Iswestija« als »Prolog für einen anderen Umgang mit der Pressefreiheit«, Ex-Präsident Michail Gorbatschow sprach von einer »Provokation«, selbst Kremlnahe Zeitungen hielten die Einschüchterungsaktion für »nicht durchdacht«. Most-Vizepräsident Andrej Zimailo kommentierte Putins Wirken dem SPIEGEL gegenüber lakonisch: »Seine Berufsmentalität hinterlässt ihre Spuren.«

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