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VENEZUELA Putschist der Armen

»Hurrikan Hugo« stellt sich in Deutschland vor: Fallschirmjäger Hugo Chávez, der in freien Wahlen mit den Parteien der ruinierten Ölrepublik aufräumte, will sein Diktatoren-Image loswerden. Als Präsident schwankt der Populist zwischen linken und rechten Visionen.
Von Carlos Widmann
aus DER SPIEGEL 39/1999

Der geschwellte Brustkorb dreht sich immer mit, wenn der starke Mann seinen Kopf wendet. Das liegt nicht an einem steifen Hals, auch kaum am kugelsicheren Unterhemd, sondern gehört zu seiner Körpersprache. Vor heimischen Menschenmengen bewegt Hugo Chávez sich kraftmeierisch, wie ein sendungsbewusster Boxer, der nur Beifall kennt.

Die »kompakte Gestalt wie aus Stahlbeton«, die dem Romancier und Nobelpreisträger Gabriel García Márquez am Präsidenten Venezuelas auffiel, kletterte am Dienstag vorletzter Woche mit sportlicher Behändigkeit auf geparkten Flugzeugen herum: Acht Propellermaschinen der staatlichen venezolanischen Ölgesellschaft wurden fernsehwirksam verhökert, um den Erlös (acht Millionen Mark) für soziale Maßnahmen bereitzustellen.

Das markante Mestizengesicht des einstigen Oberstleutnants der Fallschirmjäger lacht gern und leutselig, wirkt aber selten entspannt. Auch dann nicht, wenn Hugo Chávez Frías, 45, etwas Populäres unternimmt. »Mit diesen Maschinen«, ruft der Präsident voll rückwirkender Empörung, »flogen einst unsere Bonzen aus Industrie und Politik durch die Welt, die Mittel des Volkes verprassend, während Venezuela in Hunger und Elend versank.« Nur ein »gründlicher Exorzismus«, so Chávez weiter, könne der venezolanischen Elite die bösen Geister der letzten 40 Jahre austreiben - »die Teufel der Korruption, der Verschwendung und der Gleichgültigkeit gegenüber unseren Mitmenschen«.

Ein schwärmerischer Ernst prägt dabei die Kommandostimme des Präsidenten, ein Ton, der seine Gegner, aber auch manche bürgerliche Anhänger besorgt macht:

Ist Chávez, der gescheiterte Putschist vom Februar 1992 und Wunder wirkende Wahlsieger vom vergangenen Dezember, womöglich nicht nur ein charismatischer Offizier mit dem Willen zur Macht, sondern ein Revolutionär? Eine Art karibischer Gaddafi vielleicht, der seine ölreiche Republik - und die politische Landschaft Lateinamerikas dazu - als Diktator und Demagoge umkrempeln könnte?

Solche Fragen stellen sich diese Woche der deutschen Außenpolitik, aber auch den Diplomaten des Papstes: Chávez wird in Berlin und Hamburg erwartet - und zwischendurch im Vatikan. Vergangene Woche hat er in New York versucht, Präsident Bill Clinton von seiner demokratischen Gesinnung zu überzeugen.

Nicht auszuschließen, dass Gerhard Schröder oder Johannes Paul II. bei ihren Treffen mit dem Venezolaner einen unsichtbaren Dritten mit am Tisch dulden müssen. Präsident Chávez besteht bisweilen darauf, dass der Sessel zu seiner Rechten leer bleibt. »Das ist der Platz für unseren Befreier Simón Bolívar«, pflegt er seinen verblüfften Gästen zu erklären. »Er hat ein Recht, dabei zu sein.«

Wenn Schröder oder Joschka Fischer mit dieser Tischordnung Probleme haben sollten, können sie ja einen weiteren Sessel dazubestellen - für Alexander von Humboldt, der, bald 200 Jahre ist es her, mit dem Feuerkopf Bolívar gut bekannt war.

»Bolivarianische Republik« wird das Land demnächst tituliert. Die verfassunggebende Versammlung, die Chávez kurz nach dem Amtsantritt, auf dem Höhepunkt seiner Popularität, von den Venezolanern nach dem Mehrheitswahlrecht zusammenstellen ließ, hat mächtig Schlagseite: Die Anhänger des Präsidenten (auch seine Frau und ein Bruder sind darunter) verfügen über 120 der 131 Sitze. Sie sollen bis Mitte Oktober die neue Verfassung durchpauken, die Chávez' Handschrift trägt.

Mit diesem Instrument kann der politische Fallschirmspringer - sofern seine Popularität (derzeit 70 Prozent) anhält - auf demokratischem Weg das Fundament für eine Diktatur errichten: im Dezember ein neues Parlament, im Januar 2000 womöglich eine erneute Präsidentenwahl, allmähliche Entmachtung der Justiz, Einschüchterung der Presse. So beunruhigend eine solche Machtfülle wirkt - noch alarmierender ist die Frage, was Chávez damit anfangen wird und wer Chávez überhaupt ist.

»Mystery man« nennt ihn eine Washingtoner Zeitschrift: der Geheimnisvolle. Besorgt beugen sich politische Analytiker in Caracas über fremdartige, ja abseitig wirkende Texte, die Aufschluss geben könnten. Da ist der krause Brief, den Chávez - bereits Präsident - im März an den Terroristen und mehrfachen Mörder Ilich Ramírez Sánchez - genannt »Carlos« - in ein französisches Gefängnis geschickt hat. Darin redet Chávez den zu lebenslanger Haft verurteilten Venezolaner mit »Verehrter Landsmann« an und gibt eine geistige Verwandtschaft mit dem »Schakal« zu erkennen, die selbst Gegner an Venezuelas Präsidenten kaum vermutet hätten.

Verdächtig waren auch manche der Autorennamen, mit denen Chávez jahrelang in seinen zitatenreichen Stegreifreden um sich warf: Nietzsche und Clausewitz kamen darin oft vor, aber auch der »Kronjurist« des Dritten Reiches Carl Schmitt und der ebenfalls nicht unumstrittene Geopolitik-Apostel Karl Haushofer. Woher stammt diese deutsche Ader bei einem jungen südamerikanischen Offizier?

Offenkundig von einem obskuren politischen Schriftsteller aus Argentinien, der sich selbst als »Entdecker« von Chávez bezeichnet: Norberto Ceresole ist der Verfasser der Schrift »Caudillo, Armee, Volk - ein postdemokratisches Modell für Venezuela«. Darin ergeht sich der Autor in verwickelten antiimperialistischen Theorien, die eindeutig faschistische Züge tragen. Zu den Vorbildern, auf die Ceresole sich beruft, gehört der Franzose Robert Faurisson - ein gerichtsnotorischer »Negationist«, also Holocaust-Leugner.

Daran gemessen sind andere Einflüsse, die an Chávez festgestellt wurden, völlig harmlos: Er zitiert immer noch gern aus dem Opus »Das Orakel des Kriegers« - einer Sammlung von Lebensweisheiten, die der chilenische Kampfsport-Guru Lucas Estrella, 27, verfasst hat. Das Werk wurde dem Präsidenten von seiner Frau, der blonden und politisch ehrgeizigen Marisabel, geschenkt, und seine Vorliebe dafür hat es in Caracas zum Bestseller erhoben.

Acht Monate amtiert der ebenso redselige wie rätselhafte Offizier nun im Miraflores-Palais, ohne dass im mindesten klar wäre, was Chávez - außer möglichst unumschränkter persönlicher Macht - wirklich anstrebt. Seine Rhetorik ist von vager Brillanz, sein militaristisch-revolutionäres Vokabular für Demokraten schwer genießbar. Obwohl Chávez neuerdings um Mäßigung bemüht ist, klingt er oft genug wie am Tag seines Amtsantritts, als er sämtlichen Regierungschefs des Kontinents - mit Ausnahme des Kubaners Fidel Castro, der sich eifrig Notizen machte - einen Schrecken einjagte.

Nach der Eidesformel, die ihm am 2. Februar vorgelesen wurde, mochte der Offizier sich nämlich mit einem schlichten »Ich schwöre es« nicht abfinden. Stattdessen vollführte er, eine Hand auf der Verfassung, vor dem Parlament und der zuschauenden Nation einen rhetorischen Salto mortale: »Ich schwöre vor Gott, vor dem Vaterland und vor meinem Volke auf diese todgeweihte Verfassung, dass ich die nötigen demokratischen Änderungen vollziehen lassen werde, um der neuen Republik ein Grundgesetz im Einklang mit der neuen Zeit zu geben.«

In einem einzigen Satz hatte Chávez es fertig gebracht, gleichzeitig eine neue Zeit und eine neue Republik auszurufen - sowie seine Absicht zu bekunden, diese beiden Erneuerungen auch durch eine frische Magna Charta zu legitimieren.

Noch immer ist das weinrote Barett des Fallschirmjägers ein Solidaritätssymbol über den Hügeln von Caracas, die heute fast vollständig von Elendsvierteln überwuchert sind. Die Kopfbedeckung des seinerzeit 37-jährigen Vorsitzenden einer geheimen »bolivarianischen« Offiziersloge wurde nach dem versuchten Staatsstreich vom Februar 1992 zum Kennzeichen seiner Sympathisanten - und sechs Jahre später zum Triumphsymbol einer Wahlkampagne, an deren Ende Chávez im vergangenen Dezember das ganze politische Establishment Venezuelas demütigend besiegte.

Dabei war jener Putschversuch ein klägliches Unternehmen gewesen, dilettantisch und doch blutig. Der ganze Kontinent erlebte ihn als Schock: Als Chávez' einziger Panzer die Marmortreppe des Miraflores-Palais hinaufrollte, wirkte er wie ein auferstandenes Relikt einer totgeglaubten Epoche. Die Zeit der Staatsstreiche und Militärregime in Lateinamerika galt seit der zweiten Präsidentschaft Ronald Reagans als abgeschlossen. Nach dem Ende der Pinochet-Diktatur in Chile und dem Abtritt einiger karibischer Gewaltregime sollte es nur noch einen einzigen illegitimen Herrscher geben, den alle Demokraten zu ächten hatten - Kubas Castro.

Es war somit ein Putsch gegen den Zeitgeist. Offiziere und Soldaten kamen dabei sinnlos um, aber Chávez erhielt die Chance seines Lebens: Er durfte die Mitverschwörer im Fernsehen zur Kapitulation auffordern und nutzte diese Gelegenheit zu einer Propagandarede, die ihm die Sympathie der Millionen Armen sicherte.

Indem sie »Hurrikan Hugo« ins Miraflores-Palais beförderten, holten 56 Prozent der Wähler nach, was dem Panzer des Oberstleutnants misslungen war: die Entmachtung der politischen Klasse, die das Reich der Petrodollars 40 Jahre lang geführt - und völlig ruiniert hatte.

Venezuela galt einmal als demokratischer Glücksfall Lateinamerikas, in dem zwei europäisch geprägte Volksparteien - Sozialdemokraten und Christsoziale - jahrzehntelang die Politik beherrschten und einander an der Macht ablösten. Deutsche Stiftungen, benannt nach Konrad Adenauer und Friedrich Ebert, haben hier an zwei Generationen von Politikern viel erzieherische Mühe angewandt.

Nur haben Venezuelas Sozial- und Christdemokraten ihr Land bei der Machtausübung so lange betrogen, bestohlen und ausgeplündert, bis die viel gerühmte Demokratie reif für den erstbesten Oberstleutnant wurde, der nach Höherem strebte. Von den 300 Milliarden Dollar, die Venezuela während der vergangenen drei Jahrzehnte aus dem Erdöl-Export zuflossen, liegt ein knappes Drittel auf Privatguthaben in Florida und Kalifornien, der Schweiz und den Caiman-Inseln.

Dafür muss Präsident Chávez nun bei den Gläubigerbanken um eine Umstrukturierung der Auslandsschuld bitten, da die Staatskasse dem Zinsdienst nicht mehr gewachsen ist. Von den 24 Millionen Venezolanern vegetieren nahezu 80 Prozent in Armut. Von einigen minderen Bananenrepubliken abgesehen, erbringt Venezuela - so eine Weltbankstudie - die schwächste Regierungsleistung ganz Lateinamerikas.

Die Frage, was in 40 Jahren Demokratie denn schief gelaufen sei, könnte dem Mann gestellt werden, der bei der jüngsten Präsidentenwahl das Panikbündnis der etablierten Parteien anführte - und dennoch gegen den Putschoffizier Chávez unterlag. Henrique Salas Römer, 63, ein weltläufiger Wirtschaftsmann, schont seine eigene Klasse nicht: »Erstens waren unsere Parteien autoritär geführte Klüngel, zweitens hat der Ölreichtum uns im Lauf der Jahrzehnte alle korrumpiert.«

In der Tat wirken Venezuelas Oberschicht und gehobener Mittelstand selbst heute noch bemerkenswert liederlich. Auf Dinner-Partys ist es weiterhin üblich, dass nur über die Attraktivität (und die Schönheitsoperationen) der Frauen sowie über das Geld und die Machtverbindungen der Männer geredet wird. Miss-Wahlen auf allen nur denkbaren Ebenen kommen in Venezuela stets auf die Titelseiten auch der seriösen Zeitungen. Nachrichten über die beängstigende Zunahme der Gewaltkriminalität und die immer häufigeren Fälle von kollektiver Selbstjustiz erscheinen weiter hinten. Im Bundesstaat Lara hat der Gouverneur die Polizei angewiesen, bei Lynchjustiz nicht zu intervenieren: »Ihr habt Wichtigeres zu tun, als Verbrecher zu beschützen.« Ein Verbündeter von Chávez, Admiral Grüber Odreman, fordert für Caracas die Einführung der Todesstrafe. Erschießungen sollten zur Abschreckung öffentlich stattfinden.

Chávez hat sich mit aller Schärfe gegen solche Demagogie gewandt. Er ist offenkundig bemüht, seine Lernfähigkeit unter Beweis zu stellen. Zum brasilianischen Präsidenten Fernando Henrique Cardoso soll Chávez neulich gesagt haben: »Achten Sie nicht auf meine Rhetorik, sondern auf meine Taten.« Wird er also die Armen, die ihn an die Macht getragen haben, durch patriotische und sozialromantische Sprüche bei Laune zu halten suchen, während er ansonsten fortführt, was die Weltbank vorschreibt: Privatisierung von Staatsunternehmen, Verkleinerung der Bürokratie, Sparsamkeit um jeden Preis?

Dafür spricht, dass viele seiner - in früheren Zeiten - als links eingestuften Wirtschaftsberater längst zum Neoliberalismus konvertiert sind. Und ein weiteres, von Kolumnisten kolportiertes, von Investoren positiv vermerktes Symptom:

Sowohl Chávez wie seine Frau Marisabel tragen neuerdings Cartier-Uhren. Und die First Lady ließ sich unlängst von reichen Freunden im Privatflugzeug nach Florida bringen - zu ausgiebigem Shopping. Nach Revolution sieht das nicht aus. CARLOS WIDMANN

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