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BONN Putzke will es wissen

aus DER SPIEGEL 13/1953

Empört knallte Steuerzahler Erwin Putzke seine Hand auf den Schreibtisch des Finanzbeamten: »Wieso, mein Geld geht nach Bonn?« Worauf ihm der Beamte lehrhaft, wenn auch etwas eingeschüchtert, antwortet: »Der Bund muß doch auch seine Aufgaben erfüllen, und woher soll er das Geld nehmen? Doch nur aus den Steuern. Der Motor läuft doch auch nicht ohne Öl!« - »Aber nicht mit meinem Öl«, beharrt Putzke.

Das Kinopublikum einiger westdeutscher Großstädte, das in Erwartung rauher Hans-Albers-Songs in »Käpt''n Bay Bay« diese Passagen in einem Vorfilm mit dem vielsagenden Titel »Putzke will es wissen« vorgesetzt bekam, reagierte auf das forsche Auftreten des Mitbürgers mit zustimmendem Lachen.

Das änderte sich, als Putzke - schon nicht mehr so forsch - vor einem anderen Schreibtisch steht: »Herr Minister, was machen Sie mit meinem Steuergeld?« Es erhebt sich nämlich freundlich lächelnd Bundesfinanzminister Fritz Schäffer persönlich: »Nett, Herr Putzke, daß Sie danach fragen. Das ist Ihr gutes Recht, und ich wollte, der Steuerzahler im allgemeinen würde sich mehr darum kümmern.« Leutselig drückt der Minister dem Putzke 1700 Seiten des Bundeshaushaltsplanes in die Hand.

Die Hoffnung des Publikums auf kommende Gaudis endgültig zerstörend, tritt ein nachsichtig lächelnder Jüngling vom »Deutschen Bund für Bürgerrechte« in Erscheinung ("Der Deutsche Bund für Bürgerrechte sieht es als seine besondere Aufgabe an, sich für die Rechte des einzelnen Bürgers einzusetzen"), um Putzke mit Sätzen wie: »Ja, und vor allem der Wohnungsbau«, oder: »... und die Landwirtschaft braucht natürlich den Wetterdienst mit all seinen komplizierten und teueren Einrichtungen«, darüber aufzuklären. wo seine Steuern bleiben.

Wenn Putzke sich dann am Ende hinsetzt, um seine Steuererklärung auszufüllen, ist er geläutert. Als er an fröhlichem Steineklopfen erkennt, daß die Straße vor seinem Haus neu gepflastert

wird, murmelt er zufrieden: »Es geschehen noch Wunder«, und: »Mit meinen Steuern«.

Die Idee zu diesem Film stammt von dem Deutschen Bund für Bürgerrechte in Frankfurt, der sich schon im Herbst 1951 zwecks »sachlicher Unterstützung« ans Bonner Finanzministerium wandte. Der Bund kam zu einem günstigen Zeitpunkt, denn im Hause Fritz Schäffers hatte man sich gerade über das Ergebnis einer Umfrage des Bielefelder Meinungsforschungsinstituts Emnid geärgert. Auf die Frage, welches die größte Ausgabe im Bundeshaushaltsplan sei, hatten 40 Prozent der Bevölkerung geantwortet: die Ministergehälter.

Diese geradezu »haarsträubende Staat und Demokratie gefährdende Unkenntnis« überzeugte Schäffer und seine Beamten von der Notwendigkeit. Public relations zu betreiben. Schäffer nahm die Relations auf, indem er der nächsten Umsatzsteuererklärung einen persönlich gehaltenen Brief ("Lieber Steuerzahler") beilegte: »Der Bundesfinanzminister weiß, daß Du seiner gedenkst ... Deine Gedanken sind dabei sicherlich nicht freundlich.« Und so weiter.

Weit größere Möglichkeiten, den Steuerzahler von der menschlichen Seite anzusprechen, sah Schäffer jedoch im Film. Er sicherte dem Deutschen Bund für Bürgerrechte finanzielle Unterstützung und die sachkundige Beratung seines Oberregierungsrats Eggert zu.

In dem ersten Exposé zu »Putzke« hatte Filmregisseur und Autor R. A. Stemmle ("Sündige Grenze") eine lose Rahmenhandlung aufgezeichnet, in die Putzke-Porduktionsleiter Heinz Kunze-Just*) Archivaufnahmen seiner »Neuen Deutschen Wochenschau« einblenden wollte. Da Stemmle durch die Dreharbeiten zu »Toxi« von »Putzke« abgelenkt wurde, holte man bald den Münchener Kurzfilm-Regisseur Peter Pewas nach Bonn, von dem Eggert sagt: »Erst krempelte er mal das Drehbuch völig um, und dann sagte er, die Wochenschauaufnahmen könne er nicht gebrauchen, die wolle er alle neu drehen. Er war eben ein Künstler.«

Nach vier Monaten, im Oktober vergangenen Jahres, hatte Pewas den Vierhundert-Meter-Film »Putzke will es wissen« abgedreht. Kosten: 60 000 DM. Eggert: »Filmsachverständige versicherten mir, das sei durchaus die untere Grenze eines solchen Films. Ich bin Jurist.«

Um Pannen »wie bei anderen Ministerien« zu vermeiden, diskutierte Eggert Meter für Meter mit den Filmleuten durch. »Als Putzke sagen muß: ''Die in Bonn werfen das Geld zum Fenster hinaus'', wollte Pewas partout einige hundert Papierscheine aus den Fenstern des Bundeshauses flattern lassen, weil sich das optisch so günstig mache.«

Andererseits, als Schäffer reden sollte und vor dem Filmstab eine wohlgesetzte Bundestagsansprache herunterschnurrte, sagte Pewas ungerührt: »''n bißchen kürzer und ''n bißchen pointierter bitte, Herr Minister.«

Von der Wiesbadener Filmbewertungsstelle wurde »Putzke« mit dem Prädikat »wertvoll« ausgezeichnet. Der Allianz-Verleih ließ zu Jahresende 50 Kopien ziehen und hängte sie an den zugkräftigen »Käpt''n Bay Bay« an.

Trotz der Vergnügungssteuerermäßigung des Films und trotz des Bonbons, den Putzke den Kinobesitzern in kluger Berücksichtigung ihres Leib- und Magenthemas gibt ("Und von der Vergnügungssteuer gar nicht zu reden. Da platzt einem

*) Der Prozeß, den der trotz seiner Schäffer-Verdienste aus der Wochenschau verbannte Heinz Kuntze-Just gegen die Neue Deutsche Wochenschau führen wird, verspricht eine staatsbürgerliche Sensation ersten Ranges. doch direkt der Kragen. Früher ging ich zweimal in der Woche ins Kino, heute kann ich es nur noch einmal"), wollte bei den Kinobesitzern keine Begeisterung aufkommen.

Dr. Sander vom »Burgtheater«, Düsseldorf, erhielt gleich am ersten Tag nach Einsatz des Films alarmierende Nachrichten von seinen Theaterleitern aus Remscheid und Wuppertal: es sei wohl besser, er setze diesen Beifilm ab; das Publikum habe durch Lachen und Pfeifen seinem Unwillen Ausdruck gegeben.

In der Bundeshauptstadt lief »Putzke« unter Ausschluß der Öffentlichkeit in einer Pressevorführung an. Es erschienen vier Journalisten. Die Bundesbeamten, die in lokalpatriotischer Erwartung, ihren Finanzminister auf der Leinwand zu sehen, abends in den »Käpt''n Bay Bay« gingen, sahen zu ihrer Enttäuschung nur einen Kurzfilm der Verkehrswacht, der ihnen demonstrierte, wie sie vorschriftsmäßig Kreuzungen zu überqueren hätten.

Entschlossenen Schrittes ging Oberregierungsrat Eggert anderntags zum Vorführer in die »Stern«-Lichtspiele, bekam aber nur die Auskunft: Ja, er habe da wohl so einen Kulturfilm, aber er müsse erst mal mit seinem Chef sprechen. Abends lief dann wieder die »Verkehrswacht«. Eggert: »Das ist eigentlich nicht richtig von Herrn La Roche, der doch auch an der Bundesregierung ''n bißchen was verdient hat.« (Der Familie La Roche gehören in Bonn das Hotel La Roche, das Stern-Hotel, die Stern-Lichtspiele. Ansonsten hat sie das Bundestagsrestaurant gepachtet.)

Der Frankfurter Allianz-Verleih ist inzwischen unsicher geworden, »ob wir den Film jetzt wieder rausziehen sollen oder nicht«. Wiederholt haben Kinobesitzer angefragt: »Seit wann macht ihr denn Reklame für das Bundesfinanzministerium?«

Das Stichwort von der Politisierung des deutschen Films fiel zum ersten Male auf der Tagung des Wirtschaftsverbandes der Filmtheaterbesitzer in Nordrhein - Westfalen.

Der Film »Putzke will es wissen« sei ein ausgesprochener Werbefilm des Finanzministeriums zur Hebung der Steuermoral und mache in Volksaufklärung und Propaganda. Die Filmtheaterbesitzer müßten die Vorführung solcher Filme strikt ablehnen, denn heute komme die CDU mit einem Kurzfilm, morgen sei es die SPD und übermorgen möglicherweise die KPD. Dr. Sander: »Wir können unsere Häuser nicht in einen politischen Zwiespalt bringen. Die Politik darf nicht auf dem Rücken der Theaterbesitzer ausgetragen werden.« La Roche: »Es genügt, daß wir einmal dafür zur Rechenschaft gezogen wurden, daß wir politische Filme spielten, und wenn es nur die Wochenschauen der Nazis waren.«

Die verärgerte Absage der Kinobesitzer hat in den Bundesministerien einige Hoffnungen filmfreudiger Referenten zerstört. Denn fast jedes Ministerium in Bonn versucht von Zeit zu Zeit, über den Film in Public Relations zu machen: man läßt Filme über die Aufgaben und Probleme des Ministeriums drehen oder subventioniert geeignete zivile Projekte. Die größte Aktivität entwickelte das Marshallplan-Ministerium, das dank seines verhältnismäßig hohen Publicity-Etats vier Filme über die Wiederaufbau-Arbeit in der Bundesrepublik zustande brachte.

Für die Gesellschaft Freies Europa schrieb Peter von Zahn ein Exposé für einen Schumanplan-Film ("Der erste Schritt"), der von der bundessubventionierten »Neuen Deutschen Wochenschau« produziert wurde.

Robert Lehrs Innenministerium raffte sich nach seinen trüben Erfahrungen mit dem Loreley-Film nur noch zu einem Sport-Film »Land des Lichts« über die Olympia-Jugendfahrt 1952 nach Helsinki auf, der durch ein Darlehen über den Bundesjugendplan subventioniert wurde.

Auch Jakob Kaisers Ministerium für gesamtdeutsche Fragen wurde zurückhaltender, nachdem sich das westdeutsche Kinopublikum an der filmischen Deutung der Ost-West-Situation in »Kreuzweg der Freiheit« und »Postlagernd Turteltaube« ziemlich desinteressiert gezeigt hatte.

Bei der Bundeszentrale für Heimatdienst, der überparteilichen Propagandastelle der Demokratie, machte man sich gerade daran, eine Reihe von Kurzfilmen über Themen wie »Das Parlament«, »Der Tageslauf eines Bundestagsabgeordneten«, »Wie ein Gesetz entsteht« vorzubereiten, als die Kinobesitzer ihre Pfeile auf »Putzke« schossen.

In ihrem »vitalen Interesse, die Demokratie salonfähig zu machen«, wollte die Bundeszentrale den Kinobesucher durch freundliche, meist unpolitische Allegorien überzeugen. So erläßt sie beispielsweise ihren Aufruf zur Wahlbeteiligung durch einen Zeichentrickfilm über ein Symphonieorchester, in dem erst alle Instrumente mißtönend vor sich hinschnarren, bis sie sich endlich zu einem großen demokratischen Konzert zusammenfinden.

Ein Verleiher gab der Bundeszentrale aber die ernüchternde Auskunft, daß die Kinobesitzer dieses Filmchen nur gegen Entrichtung der Gebühr für Reklamevorführungen annehmen würden. Da man die Kinos nicht wie weiland unter Goebbels verpflichten kann, Kultur- und Dokumentarfilme ins Beiprogramm aufzunehmen, haben die Kurzfilme über das Wesen der Demokratie kaum Chancen, gespielt zu werden.

Abgesehen von der Angst, das Publikum mit Politik zu langweilen, füllen viele Kinobesitzer die Zeit vor dem Hauptfilm lieber mit einträglicheren Diapositiven und Werbefilmen. Die »Putzkes« müßten sie umsonst spielen.

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