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HIRSCHE Quatsch mit Keksen

Hirsche, die Sahnetorte essen, bekommen Karies. *
aus DER SPIEGEL 33/1987

In der Fachwelt ist Helmuth Wölfel, 43, als »Hirsch-Wölfel« bekannt. Der Zoologe, der auch Kinderpsychologie studiert hat, betreibt an Hirschen ähnliche Studien wie der Verhaltensforscher Konrad Lorenz mit Graugänsen: Er zieht Jungtiere so liebevoll auf, daß sie ihn als Leittier annehmen.

Wölfel ("Ich bin ein Muttertier") stromert gelegentlich mit seinen Hirschkindern durchs Revier, die ihm danach wieder ins Gatter folgen, als seien sie Dackel. In der Jagdwelt ist der Wissenschaftler vor allem deshalb bekannt, weil er das Alter von Hirschen an den Zähnen ablesen kann.

Jäger aus der ganzen Bundesrepublik schicken ihm die Gebisse von erlegten Rot- und Damhirschen zur Altersbestimmung in das Institut für Wildbiologie und Jagdkunde der Uni Göttingen, wo Wölfel als Verhaltensforscher arbeitet. Unter dem Mikroskop, mit dem er im Zahnzement der Wurzel die Schichtungen wie Jahresringe abliest, hat Wölfel schon erstaunliche Entdeckungen gemacht:

Immer öfter fand er in den letzten Jahren Löcher im Zahnschmelz- Karies »wie bei Kindern«, eine bei Wildtieren bis dahin unbekannte Zivilisationskrankheit.

Kaputte Kauwerkzeuge wurden Wölfel vor allem aus dem Hunsrück, »aus dem süddeutschen Raum« und aus der Gegend um Celle in der Heide zugeschickt. Die Lokalisierung verhalf ihm zur Entschlüsselung des Phänomens: Die Tiere ernähren sich falsch.

Vor allem Süßes, fand Wölfel heraus, ruiniere den Geweihträgern die Zähne: Zuckerstreusel etwa und Kuchen aller Art »bis hin zur Sahnetorte«. Das Wild beobachtete er, »frißt mit Leidenschaft auch Kekse«. Mancherorts stehe Wurst auf dem Speiseplan, und, geradezu »als Delikatesse«, würden Gravensteiner Äpfel verzehrt, dazu Brotreste.

Die Tiere finden derlei leckere Atzung im Wald, wo Jäger sie ausgelegt haben - »zur Hege«, wie Lodenträger vorgeben, damit Tiere mit prächtigem Kopfschmuck heranwachsen, der sich als Trophäe an der Wand so gut macht.

Wölfel, der selber gern mit einer Büchse auf Pirsch geht, hält die Begründung seiner Mitjäger für »vorgeschoben« und »Quatsch«. Zugefüttert werden müsse höchstens im Winter, etwa Heu, damit sich die Tiere nicht an Baumrinde verbeißen.

»Ganz falsch« sei es, für das Wild »Kraftbomben« aus Zucker und Stärke auszulegen, womöglich noch übers ganze Jahr. Das sei reiner »Wohlstandsunfug«, wettert der Wildforscher, von »Leuten mit wenig Ahnung, aber viel Geld«.

Das stärkehaltige Futter, meint Wölfel, führe »durch Übersäuerung im Pansen« zu »massiven Schäden": »Da werden mehr Tiere tot- als durchgefüttert.« Schlicht »pervers« sei das Verfüttern von Leckereien aus der Konditorei. Das diene allein dem Zweck, die Tiere »reviertreu« zu machen.

Das Backwerk, immer an derselben Stelle ausgelegt, soll die verwöhnten Hirsche an den Ort binden, an dem sie leicht erlegt werden können - Tod im Tortenrausch.

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