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TV-KRIMIS Quietschende Betten

Russland, geplagt von Kapitalflucht und Verbrechen, hat einen neuen Helden: den Geheimagenten Aljoscha - die russische Antwort auf James Bond.
aus DER SPIEGEL 50/1999

Viel ist nicht geblieben vom Weltanschauungsstaat Sowjetunion. Die KPdSU ist verschwunden, der Nachfolgeclub eine Rentnerband, die Rote Flotte ein Schrotthaufen und Stalins stählerne Industrie eine traurige Trümmerlandschaft.

Bewahrt haben sich die Russen jedoch die Erinnerung an ruhmreiche Zeiten, als sowjetische Agenten weltweit Furcht einflößten und selbst den Gegnern Respekt abverlangten. Auf dem Boden nostalgischer Gefühle wächst jetzt die Sehnsucht nach einem starken Mann, in einem Land, in dem Liberalisierung zunächst mehr den Banditen als einer zivilen Gesellschaft Vorteile verschaffte.

Wer in Russland dem organisierten Verbrechen die Stirn bietet, ist zumindest auf der Mattscheibe entschieden. Allwöchentlich hat Geheimagent Aljoscha Nikolajew, dargestellt von Michail Pogretschenkow, als Held der Fernsehserie »Agent der nationalen Sicherheit« im Herbst die Herzen der Zuschauer des Privatsenders TNT erobert. Anfang Dezember übernahm der große russische Privatkanal NTW die Serie.

Aljoscha dient in St. Petersburg dem Föderalen Sicherheitsdienst (FSB), dem KGB-Nachfolger, dessen Agenten im realen Leben Landsleute schon mal mit der rührend naiven Frage anzuwerben versuchen: »Lieben Sie Ihre Heimat?«

Der Geheimdienstheld, ein herber Charmeur mit Dreitagebart, liebt die Heimat und nicht nur die. Selbst beim intimen Zusammensein mit seiner Freundin Alexandra sinniert er, untermalt vom rhythmischen Quietschen eines russischen Billigbetts, über einen komplizierten Fall.

Seine Freundin ist Journalistin und lässt sich liebend gern von ihm als Hilfsagentin einspannen - wie zur Parodie auf die russischen Verhältnisse, bei denen die Dienste bei so mancher Medienstory kräftig mitstricken.

Aljoschas Vorgesetzte sind biedere, leicht depressive und im Grunde gutherzige Geheimdienstbeamte - ihnen bereitet der eigenwillige Agent immer wieder Kummer. So gerät der ungestüme Sicherheitsmann schon mal wegen einer Schlägerei in einem Nachtclub in Untersuchungshaft. Doch da holen ihn die Kollegen schnell wieder raus, denn er ist der Mann für schwierige Fälle. »Agent sein«, verrät die Werbung für die Filmreihe, das sei »keine Arbeit, sondern ein Zustand der Seele«.

Die Feinde der russischen Seele, denen der Recke Aljoscha den Kampf angesagt hat, sind ebenso zahlreich wie tückisch: skrupellose Killer, Schmuggler, Schieber und nicht zuletzt Agenten ausländischer Nachrichtendienste. Bei den gegnerischen Diensten, offenbart in der Serie ein zeitweilig in die Fänge von Westagenten geratener Russe, gebe es Leute, die »eine politische Krise provozieren wollen«, etwa indem sie Russlands Geheimdienste fälschlich beschuldigten, arabischen Terroristen Nuklearmaterial zu liefern.

Doch die KGB-Nostalgie der Serie hat Grenzen. Aljoscha ist nicht nur Vorkämpfer der nationalen Ehre, sondern auch ein Retter der Demokratie. Die wird etwa von einer Sekte bedroht, die eine neue Diktatur errichten will und sich dabei unbelehrbarer Ex-KGB-Offiziere bedient.

Bei der Wahl seiner Mittel ist der gewendete wehrhafte Demokrat Aljoscha nicht zimperlich: In Wohnungen dringt er ohne Vorwarnung und Durchsuchungsbefehl ein. Seine nachrichtendienstlichen Erkenntnisse gewinnt er vor allem durch kräftiges Ziehen an den Haaren der Verdächtigen und schwere Schläge ins Gesicht. Die aktivieren beim aus Mund und Nase blutenden Gesprächspartner meist rasch das Erinnerungsvermögen.

Doch Aljoscha ist kein hirnloser Haudegen. Beim Spaziergang am Meer zitiert er Fjodor Dostojewski, und in der Badewanne hält er seiner Geliebten gar einen Vortrag über die islamische Gerichtsbarkeit. Herber Humor im Leichenschauhaus ("Hier laufen nicht viele rum") und saftige Flüche machen Aljoscha zu einem volksnahen Helden. Er ist, was die Russen einen »Muschik« nennen, ein ganzer Kerl.

So einer kommt an. Bei der Fernsehgesellschaft TNT, unweit des Sendeturms Ostankino im Moskauer Norden, stapelt sich Fanpost. Die Briefschreiber, vom Schüler über die Hausfrau bis zum Milizmajor, »lieben den Helden«, so eine TNT-Mitarbeiterin. »Aljoscha«, schreibt eine Moskauerin begeistert, »das ist der russische James Bond.«

Im Parlamentswahlkampf bietet das politische Leben die Fortsetzung des Films mit den Mitteln der Wirklichkeit. Da erreicht ein altgedienter Agent der nationalen Sicherheit schon jetzt sehr gute Umfragewerte: Ex-Ministerpräsident Jewgenij Primakow, einst Chef der russischen Auslandsaufklärung, tritt, zeitgemäß, für die Bewegung »Vaterland« des Moskauer Oberbürgermeisters Jurij Luschkow an.

In Russland, wo sich, wie der Satiriker Michail Sadornow sagt, »europäische Bildung mit asiatischer List mischt«, geht vom Geheimdienstmythos eine besondere Faszination aus. In den Buchläden finden Agenten-Memoiren mit Titeln wie »Aufzeichnungen eines Aufklärers« oder »KGB und Macht«, meist eine Melange aus Wehmut und trotzigem Patriotismus, eine wachsende Kundschaft.

Den Verehrern der Geheimdiensthelden bietet sich noch ein Mächtiger an, der wie Aljoscha eine Vorliebe für komplizierte Fälle und für brutales Durchgreifen hat, auf Russisch »Schostkije Mery": Wladimir Putin, jahrelang KGB-Aufklärer in Dresden, bis Anfang August FSB-Chef, zur Zeit russischer Ministerpräsident. UWE KLUßMANN

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