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WASCHMASCHINEN Rabatt-Dämmerung

aus DER SPIEGEL 10/1963

Die traditionelle Übung führender Markenhersteller, den Handel mit hohen Gewinnspannen zu bedenken, hat auf dem Waschmaschinenmarkt in den vergangenen Wochen einen erbarmungslosen Preiskampf ausgelöst.

In den Konsumzentren des Ruhrgebiets bescheren die Händler den Kunden märchenhafte Rabatte und nehmen ihnen damit jede Möglichkeit zu Preisvergleichen. Die Konsumenten interessieren sich weniger für das Gerät als für den Rabatt. In Zeitungsanzeigen verzichten die Händler häufig auf Preisangaben, und telephonische Auskünfte werden strikt verweigert.

Das Rabatt-Geflüster führte dazu, daß Händler, die drei Straßenbahnstationen voneinander entfernt sind, Preise berechnen, die sich um mehrere hundert Mark unterscheiden. Das Spitzenprodukt der AEG etwa, der AEG -Lavamat Nova, für das der Hersteller einen Endpreis von 2280 Mark empfiehlt, kostete zuletzt

- in Düsseldorf »durch günstigen Einkauf« 1638 Mark,

- in Witten 1490 Mark,

- in Essen 1455 Mark,

- in Dortmund 1430 Mark und

- in Oberhausen 1368 Mark.

Die Schuld an dieser konfusen Marktlage trifft die Waschautomatenindustrie. Nach dem Wegfall der Preisbindung gibt sie ihren Produkten sogenannte empfohlene Richtpreise für den Endverbraucher mit auf den Weg, die für den Handel eine Gewinnspanne bis zu 40 Prozent vom Endpreis vorsehen. Diese Phantasie-Spannen, mit denen die Marken-Hersteller den Handel zu verstärkten Verkaufsbemühungen reizen wollen, werden von den Detaillisten selbst als überhöht empfunden.

Wie weit die Hersteller mit ihren Preisempfehlungen neben dem Markt hertappen, bewies in den vergangenen Wochen Westdeutschlands oberster Preisunterbieter: Die Firma »Rück am Rathaus« in Oberhausen gewährt ihren Waschmaschinenkunden Nachlässe von

- 912 Mark beim AEG Lavamat Nova,

- 592 Mark- beim AEG Turnhmat,

- 660 Mark beim Bosch WAS 5 und

- 625 Mark beim Rondomat.

Diese Preisunterschreitungen kann sich der Oberhausener Händler leisten, weil er notfalls sogar auf jeden Gewinn im Waschmaschinen-Geschäft verzichtet. Bestätigt Rück-Geschäftsführer Wienicke: »Wir verkaufen, wenn es sein muß, zu Einkaufspreisen plus Umsatzsteuer.«

Wie viele andere Unternehmen, benutzt die Firma Rück die preiswerten Waschmaschinen als Lockware, um beim Kunden den Eindruck zu erwecken, alle anderen Preise des Rück-Sortiments seien ähnlich kalkuliert. Offenbart Wienicke: »Wir könnten die Waschmaschinen auch verschenken, wenn wir an Öfen und anderen Geräten nur noch genug verdienen.«

Die Auswüchse des Rabattkampfes haben inzwischen auch ihre Urheber, die Herstellerfirmen, alarmiert. Auf der Kölner Hausratmesse, die am vorletzten Montag zu Ende ging, entschlossen sich immerhin schon zwei Unternehmen der Waschmaschinen-Branche zur Preiswahrheit.

Die Constructa-Werke GmbH in Lintorf bei Düsseldorf und die Mielewerke GmbH in Gütersloh haben für ihre neuen Automatenserien die Richtpreise ganz gestrichen und stattdes sogenannte Nettopreise eingeführt. Dem Händler wird dabei nur noch ein fester Werksabgabepreis berechnet: Den Endpreis muß er selbst kalkulieren. Dieses System führt zwar nicht zu einheitlichen Verbraucherpreisen, nimmt dem Handel aber die Möglichkeit, mit unechten Rabatten zu mauscheln.

Einen anderen Weg wählte die Tübinger Hermann Zanker KG. Sie behielt die, Richtpreise zur Orientierung der Verbraucher bei, senkte aber zugleich die Händlerrabatte und damit die Endpreise so erheblich, daß sie in Zukunft mit einem relativ einheitlichen Preisgefüge rechnen kann.

Mit ermäßigten Richtpreisen will in Zukunft auch die Firma G. Bauknecht GmbH, die nach AEG zu den größten Waschmaschinen-Anbietern zählt, der Preisunsicherheit begegnen. Bauknecht -Direktor Rübsam gestand: »Unser jetziges Bruttopreissystem ist falsch, aber was Nettopreise sollen, ist mir unerfindlich.« Bauknecht will in den nächsten Wochen die Rabatte für den Groß- und Einzelhandel auf maximal 27 Prozent kürzen und so marktgerechte Richtpreise offerieren.

Seit der Kölner Hausratmesse sind die meisten der über 30 Waschmaschinen-Anbieter gewillt, die Händlerrabatte á la Bauknecht zu beschneiden. Lediglich die AEG, der mit Abstand größte Waschautomaten-Produzent, möchte sich noch nicht von dem überholten Rabattsystem lösen. Grund: Das Unternehmen vertreibt einen Großteil seiner Waschmaschinen-Produktion nicht über den Fachhandel, sondern im Direktverkauf durch Vertreterkolonnen. Diese Hausierhändler locken die Käufer mit gewaltigen Nachlässen auf die vom Hersteller empfohlenen Phantasiepreise und suggerieren den Kunden das Gefühl, ein glänzendes Geschäft gemacht zu haben.

Durch den Übergang zu Nettopreisen und freier Händlerkalkulation würden die AEG-Verkäufer künftig nicht mehr mit Rabatten werben können. Aber auch marktgerechte Richtpreise würden die Möglichkeit von Reklame-Nachlässen erheblich einschränken.

Allerdings wird auch die AEG den allgemeinen Trend zu geringeren Händlerspannen nicht aufhalten können. Bauknecht-Direktor Rübsam begründete sein neues Richtpreis-System: »Jahrelang haben wir auf unser bestes Werbeargument, den niedrigen Preis, verzichtet und dem Handel Riesenrabatte gewährt. Das soll jetzt anders werden.«

Rück-Laden in Oberhausen: Preise mit Phantasie

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