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Großbritannien Rache des Pharaos

Von der britischen Oberklasse geschnitten, will der ägyptische Harrods-Besitzer Fayed durch Enthüllungen die Regierung stürzen.
aus DER SPIEGEL 21/1996

Dies sind Momente, die Mohamed Al-Fayed genießt. Hinter sich weiß er das majestätische Panorama des Schlosses Windsor. Und vor sich, in der ersten Reihe der Royal Box und nur eine gute Armlänge entfernt, blickt er auf die Hausherrin, Königin Elisabeth II.

Gerade eben noch hat er mit Prinz Philip bei Lachsschnittchen zwanglos geplaudert. Nun überreicht die Monarchin, eilfertig flankiert von Fayed, einen prächtigen Pokal an den Sieger der traditionellen »Royal Windsor Horse Show« - jährlich ausgetragen auf einer Themse-Wiese unterhalb des Schlosses und vom stolzen Ehrengast auf der königlichen Tribüne großzügig gesponsert.

Mohamed Al-Fayed, vor über 30 Jahren aus Ägypten nach London gekommen, hat es weit gebracht im Vereinten Königreich. Der rundliche Geschäftsmann mit dem silbernen Haarkranz und einer unübersehbaren Vorliebe für schrill gestreifte Seidenhemden ist längst in den Olymp des britischen Geldadels aufgestiegen. »Nicht schlecht _(* Oben: mit frischen schottischen ) _(Moorhühnern, als Pharao verkleidet; ) _(unten: in Windsor. )

für einen dahergelaufenen Araber«, kokettiert er gern über seine wundersame Karriere.

Fayed gehört zu den geheimnisvollsten und umstrittensten Magnaten des Landes, seine Vergangenheit und vor allem die Quelle seines Reichtums geben bis heute viele Rätsel auf. Für das Handelsministerium steht nach einer umfangreichen Untersuchung fest, daß Fayed Regierung, Öffentlichkeit und Aktionäre über seine familiären Wurzeln und seine tatsächlichen Vermögensverhältnisse getäuscht hat.

Geschäftspartner schildern ihn, nicht ohne Bewunderung, als einen jener wuseligen Schlitzohren, die »hinter einem durch die Drehtür gehen und vor einem wieder rauskommen«. Er selbst sieht sich hingegen als Verfolgter eines »unbarmherzigen britischen Klassensystems«, das nur aus »Neid, Mißgunst und Ausländerhaß« bestehe.

Unbestritten ist das Ausmaß seiner Besitztümer. Fayeds Residenzen auf der Insel umfassen etwa ein Haus an der feinen Londoner Park Lane, ein Herrengut in der Grafschaft Surrey sowie Schloß Balnagown in Schottland. Zu seinen ausländischen Wohnsitzen - unter anderem in New York, St. Tropez und Genf - pendelt er mit seinem Privatjet oder einem seiner beiden Hubschrauber.

Prunkstück seiner Geschäftsaktivitäten ist das weltberühmte Kaufhaus Harrods im Londoner Stadtteil Knightsbridge. Der Luxusladen gilt als urbritische Institution. Millionen von Touristen und Einheimischen schieben sich jedes Jahr durch die Schauräume, verlassen das Gebäude beladen mit grüngoldenen Einkaufstüten und mehren so das Vermögen des Eigentümers Fayed.

Der sieht sich, leicht vom Größenwahn angehaucht, bereits in der Erbfolge berühmter Landsleute: »Ich bin hier der Pharao und habe mir mit Harrods meine eigene Pyramide geschaffen.«

Fayed dreht zwar als Geschäftsmann an großen Rädern und kann sich der Freundschaft etwa zu Frankreichs Staatschef Jacques Chirac oder zum Sultan von Brunei rühmen. Aber sein Lebenstraum, den er mit brennendem Ehrgeiz verfolgt, blieb bislang unerfüllt: der Aufstieg zum noblen Angehörigen der britischen Upperclass - jenes exklusiven Elite-Ordens erfolgreicher Macher und Träger historischer Namen, der bis heute unauffällig, aber wirksam die gesellschaftlichen und politischen Geschicke im Königreich mitbestimmt.

Trotz aller Versuche, den Lebensstil des Adels zu imitieren, strafen die gehobenen britischen Stände den Aufsteiger mit arroganter Zurückweisung. Auch wenn er bei Hofe verkehrt, wie auf der Pferdeschau in Windsor, ist er nur als zahlender Gast willkommen. Fayed mußte lernen, daß sich der Pharao fast alles kaufen kann, nur nicht den Respekt der britischen Elite.

Diese bittere Erkenntnis hat ihn böse und rachsüchtig gemacht - gefährlich unberechenbar für jene Kreise, die ihm die kalte Schulter zeigen.

Nun ist er zum Kreuzzug gegen die Mächtigen in Gesellschaft und Politik angetreten, vor allem gegen die konservative Regierung John Majors. Sein Ziel: »Ich will sie stürzen. Denn wir werden von korrupten Gaunern und Hundesöhnen beherrscht, die sich nur bereichern wollen und sich einen Dreck um die Belange der Nation kümmern.«

Der enttäuschte Außenseiter hat selbst eine Menge dazu beigetragen, die britische Politiker-Kaste in Verruf zu bringen. Denn einige der Skandale im Parlament von Westminster, die das Vertrauen des Volkes in die Integrität seiner Abgeordneten erschütterten, sind eng mit dem Namen Fayed verbunden.

So mußten 1994 die beiden Regierungsmitglieder Tim Smith, Junior-Minister im Nordirland-Ressort, und Neil Hamilton, Staatssekretär im Handelsministerium, zurücktreten. Beide hatten im Auftrag Fayeds parlamentarische Anfragen eingebracht und dafür vom Harrods-Besitzer Bargeld kassiert - pro Wortmeldung umgerechnet 5000 Mark.

Prominentestes Fayed-Opfer wurde Jonathan Aitken, damals Spitzenbeamter im Verteidigungsministerium und aufstrebender Tory-Star. Der Ex-Freund von Margaret Thatchers Tochter Carol kam in arge Not, weil er samt Gattin ein Wochenende im Pariser Luxushotel Ritz verbracht hatte - und dabei zumindest teilweise von einem arabischen Waffenhändler ausgehalten wurde. Erst leugnete Aitken. Doch die linksliberale Zeitung The Guardian konnte schließlich die Zimmerrechnung vorlegen - mit tatkräftiger Mithilfe der Ritz-Direktion. Der Besitzer der Edelherberge an der Place Vendome heißt Mohamed Al-Fayed.

Die Enttarnung käuflicher Abgeordneter war Fayeds wütende Reaktion auf die Weigerung der Regierung, ihm und Bruder Ali die britische Staatsbürgerschaft zu gewähren. Schnöder Undank, hatte er doch den Tories viele Parteispenden zukommen lassen, nach eigener Einschätzung »eine Viertelmillion Pfund« (etwa 600 000 Mark).

Der britische Paß würde dem Ägypter eine ganze Reihe praktischer Vorteile verschaffen: Wenn er etwa mit seiner Familie - seine vier Kinder aus zweiter Ehe mit einer Finnin sind durch Geburt Untertanen Ihrer Majestät - nach Großbritannien einreist, müssen die Kleinen an der Paßkontrolle oft lange auf den Papi warten. Denn der muß sich, seinem Gulfstream-Jet entstiegen, geduldig in die Schlangen vor den Grenzschaltern einreihen, wo Nicht-EU-Angehörige und andere Stempelpflichtige zweiter Klasse umständlich abgefertigt werden. Fayed: »Manchmal stehe ich eine halbe Stunde zwischen all den Pakistanern.«

Seit der verworfenen Einbürgerung sieht sich Fayed endgültig als Opfer jener Klasse, der er so gern angehören würde: »Eine Verschwörung von Verbrechern, Schwulen und Rassisten - und das schimpft sich hier Elite.«

Selbst die Lords im Oberhaus erörterten die für viele rätselhafte Entscheidung des Innenministers Michael Howard, dem Harrods-Eigner nach 30 Jahren unbescholtenen Aufenthalts die Staatsbürgerrechte vorzuenthalten. Der Ablehnungsbescheid erfolgte, rechtlich einwandfrei, aber politisch umstritten, ohne Angabe von Gründen.

Deshalb darf spekuliert werden. Kaum vorstellbar jedenfalls, daß allein die gelegentlich rüpelhaften Manieren und der gänzlich unbritische Selbstdarstellungsdrang des levantinischen Parvenüs das »No« des Ministers bewirkt haben.

Ob er US-Präsident Ronald Reagan oder Hollywood-Star Burt Reynolds, Sängerin Diana Ross oder Model Cindy Crawford empfängt - mit kindlicher Freude sonnt sich der Kaufhaus-Herr im Glanz prominenter Harrods-Besucher. Das hat der wahre Gentleman nicht nötig. Schon gar nicht würde der so prahlen wie Fayed, der Besuchern zuweilen ungefragt versichert: »Mein Schwanz funktioniert noch erstklassig.«

Viel eher dürfte die Abfuhr mit Fayeds bis heute etwas undurchsichtigem Kauf von Harrods 1985 zusammenhängen. Nach jahrelangen Übernahmeschlachten mit dem deutschstämmigen Rivalen Tiny Rowland bezahlte er 573 Millionen Pfund für den legendären Prunkbau an der Brompton Road.

Gegenüber dem Handelsministerium gab Fayed damals an, die Summe zusammen mit Bruder Ali im wesentlichen aus Eigenmitteln aufgebracht zu haben; schließlich entstammten die beiden, wie er versicherte, einer traditionsreichen und höchst angesehenen Händlerdynastie aus der Mittelmeer-Hafenstadt Alexandria; der Vater habe als Professor an der örtlichen Universität gelehrt.

Eine amtliche Untersuchungskommission entlarvte 1990 diese Version als morgenländische Fabel. In Wirklichkeit hätten die Brüder den Kaufpreis vermutlich vom Sultan von Brunei, dem reichsten Mann der Welt, vorgestreckt bekommen. Und über das Elternhaus fanden die Behörden-Schnüffler ebenfalls etwas anderes heraus: Vater Fayed sei ein armer Mann aus der Vorstadt gewesen, der die Seinen als Volksschullehrer nur notdürftig ernähren konnte.

Selbst Mohameds Angabe, 1933 geboren zu sein, stimmt nach dem Urteil der Prüfer nicht - tatsächlich soll der eitle Frauenfreund Jahrgang 1929 sein.

Fayed klagte gegen den rufschädigenden Report und verlor in allen Instanzen. Immerhin führten seine Flunkereien nicht dazu, daß der Kaufvertrag rückgängig gemacht wurde - Fayed durfte seine Pyramide behalten.

Und er expandiert weiter. In den vergangenen Monaten erwarb er das satirische Magazin Punch und eine Londoner Radiostation - möglicherweise nützliche Waffen für sein jüngstes und gewagtestes Gefecht: Mit Hilfe der teuersten Anwälte Londons, behauptet der gedemütigte Tycoon, werde er schon bald nachweisen, daß eines der prominentesten Mitglieder im Kabinett sich mit Millionen bestechen ließ. Fayed: »Dann fällt die ganze Regierung.«

Könnte seine Rache noch abgewendet werden, wenn er vor der sensationellen Enthüllung zum Sir Mohamed oder gar zum Lord Fayed geadelt würde? Zu spät, meint der Ägypter: »Die haben zu lange auf mich und meine Ehre geschissen. Dafür müssen sie jetzt büßen.« Y

»Eine Verschwörung von Verbrechern, Schwulen und Rassisten«

Hat sich ein Minister mit Millionen bestechen lassen?

* Oben: mit frischen schottischen Moorhühnern, als Pharaoverkleidet; unten: in Windsor.

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