Zur Ausgabe
Artikel 94 / 130

Flugzeugkatastrophe »Rache ist ein starkes Motiv«

aus DER SPIEGEL 32/1996

David Venn ist Senior Consultant bei der Firma Control Risks in London, die sich mit der Erforschung und der Abwehr von Terrorismus befaßt.

SPIEGEL: Mit welcher Fluggesellschaft würden Sie derzeit Ihre Familie am liebsten in Urlaub schicken?

Venn: Mit irgendeiner der großen europäischen Linien. Zur Zeit wahrscheinlich mit British Airways. Das ist aber kein Patriotismus.

SPIEGEL: Mit einer amerikanischen Gesellschaft würden Sie Ihre Lieben jetzt nicht gern fliegen lassen?

Venn: Das hängt ganz vom Zielort ab. Wenn sie mit einer US-Airline nach Marokko oder Südafrika fliegen, ist die Gefahr minimal. Fliegen Sie mit ihr in die USA, ist sie beträchtlich. Terroristen wollen ja den Feind möglichst auf dem eigenen Terrain treffen.

SPIEGEL: Welches ist für Sie die sicherste Linie?

Venn: Ganz klar El Al. Und Ben Gurion in Tel Aviv ist der sicherste Flughafen, obwohl oder gerade weil er von Feinden umgeben ist.

SPIEGEL: Warum organisieren die anderen Fluggesellschaften ihre Sicherheitskontrollen nicht wie El Al?

Venn: Die Kunden von El Al sind bereit, drei bis vier Stunden vor Abflug zu erscheinen, um das ganze Sicherheitspaket durchzuarbeiten. Versuchen Sie das mal bei Lufthansa in Frankfurt oder bei British Airways in London. Das geht nicht, weil dann alles zusammenbrechen würde.

SPIEGEL: Dann wäre Sicherheit in erster Linie eine Frage der Bequemlichkeit. Haben die niedrigen Standards auf amerikanischen Flughäfen nicht auch damit zu tun, daß in den USA die Fluggesellschaften selbst für die Sicherheit verantwortlich sind und nicht Behörden wie in Europa? Die Versuchung, am falschen Ende zu sparen, liegt da doch nahe.

Venn: Möglicherweise, soweit inneramerikanische Flüge betroffen sind. Amerikaner fliegen so unbekümmert, wie wir mit Bahn und Bus fahren. Aber die internationalen Flüge haben ebenfalls einen hohen Sicherheitsstandard. Es kommt eben vor allem auf das Bewußtsein der Passagiere an. Technisch wäre es kein Problem, fast hundertprozentige Sicherheit zu erreichen. Den elektronischen und chemischen Apparaturen, den Sensoren und Schnüffelhunden entgeht nichts, wenn man sie sorgfältig einsetzt. Aber das kostet viel Zeit. Nach jedem Attentat sind die Leute zwei, drei Monate lang ganz verständnisvoll. Dann läßt der Schrecken nach, und sie wollen nicht mehr belästigt werden.

SPIEGEL: Haben das Attentat von Oklahoma und der Anschlag auf das World Trade Center in Manhattan die US-Bürger nicht zu einem Sinneswandel geführt?

Venn: Nein, eben nicht. In beiden Fällen sind die Täter gefaßt und überführt worden. Die Amerikaner glauben, daß sich das Problem dadurch erledigt. Motto: Bösewichter haben bei uns keine Chance.

SPIEGEL: Wenn Ben Gurion der sicherste Flughafen ist, welches ist dann der unsicherste? Athen litt lange Zeit unter einem sehr schlechten Ruf.

Venn: Natürlich vergleichen wir hier nur die amerikanischen und europäischen Airports. Von Lagos und all den anderen wollen wir hier gar nicht erst reden. In Athen hat sich vieles wesentlich verbessert. Ich kann mir nicht vorstellen, daß die Bombe, die vermutlich den TWA-Jumbo zerstört hat, in Athen an Bord kam.

SPIEGEL: Müssen wir künftig auch mit Raketenangriffen auf Zivilmaschinen rechnen? Vom Afghanistan-Krieg sind ja noch ein paar hundert hochpräzise Stinger-Raketen übriggeblieben.

Venn: Ja, und sie sind auch verfügbar. Geld spielt dabei überhaupt keine Rolle. Aber die Tatsache, daß bisher noch keine davon zum Einsatz gekommen ist, zeigt mir, daß sie bei weitem nicht so zuverlässig sind, wie die abenteuerlichen Geschichten suggerieren, die über sie erzählt werden. Sonst wäre es schon versucht worden.

SPIEGEL: Gegen die sowjetischen Flugzeuge in Afghanistan waren die Stinger sehr erfolgreich.

Venn: Ja, aber das waren größtenteils Hubschrauber. Mit einer Stinger einen Jet vom Himmel zu holen ist ein sehr, sehr schwieriges Geschäft. Man kann sie nur gegen niedrig und nicht zu schnell fliegende Flugzeuge einsetzen.

SPIEGEL: Welches Täterprofil vermuten Sie im Fall TWA?

Venn: Wir suchen immer nur nach logischen Erklärungen. Aber die Logik von Leuten, die bereit sind, ein Flugzeug vom Himmel zu bomben, können wir oft nicht nachvollziehen. Außerdem, wer sagt denn, daß sich der Anschlag gegen Amerika gerichtet hat? Es ist gewiß wahrscheinlich, aber es ist nicht sicher. Er könnte sich auch gegen Frankreich gerichtet haben.

SPIEGEL: Sie vermuten Rache als Motiv von Leuten, die sich durch die USA oder Frankreich angegriffen fühlen?

Venn: Rache ist ein unglaublich starkes Motiv. Und der Anlaß kann ja schon länger zurückliegen.

SPIEGEL: Käme auch ein Verrückter als Täter in Frage?

Venn: Ich kann Ihnen dazu nur sagen, daß mir in den 35 Jahren, in denen ich mich mit Terroristen befasse, nur äußerst selten ein wirklich Verrückter untergekommen ist.

SPIEGEL: Was glauben Sie, wie eine Bombe an Bord gelangt sein könnte?

Venn: Ein Passagier kann sie einfach unterm Sitz versteckt haben, bevor er das Flugzeug verließ. Oder jemand hat sie im Handgepäck an Bord gebracht.

SPIEGEL: Das wäre der erste Fall von Selbstmord-Terrorismus in der Zivilluftfahrt.

Venn: Es ist nicht wahrscheinlich, aber es ist durchaus möglich. Wir müssen künftig auf jeden Fall mit so was rechnen. Wenn sich Menschen mit einem Lastwagen voll Sprengstoff selbst in die Luft jagen, warum sollen sie sich nicht auch mit einem Flugzeug in die Luft sprengen?

SPIEGEL: Heißt das, selbst wenn es gelänge, mit verstärkten Sicherheitsmaßnahmen einen Teil des Terrorismus einzudämmen, stoßen wir nur die Tür zu einem noch diabolischeren Terrorismus auf?

Venn: Ja. Die menschliche Phantasie eilt den technischen Möglichkeiten immer voraus.

SPIEGEL: Wir müssen also in der Zivilluftfahrt mit einer gewissen Unsicherheitsmarge leben.

Venn: Wir haben die Automobile immer sicherer gemacht, aber uns auch damit abgefunden, daß es - zum Beispiel in Deutschland - jedes Jahr ein paar tausend Verkehrstote gibt. Wir sollten uns an den Gedanken gewöhnen, daß es auch in der Zivilluftfahrt keinen perfekten Schutz vor dem Terror geben kann.

Mehr lesen über

Zur Ausgabe
Artikel 94 / 130
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.