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»Radio Kopf ab«

aus DER SPIEGEL 31/1994

Das Sprachrohr der Hölle ist nicht zu fassen. »Radio Mille Collines« (Radio Tausend Hügel) spuckt unablässig Hetz- und Durchhalteparolen über die grünen Hügel von Ruanda. Aber die Position des mobilen Senders, der immer mal wieder aus dem Äther verschwindet, um sich vor Anpeilung zu schützen, hat die neue Regierung in der Hauptstadt Kigali bislang nicht bestimmen können.

Ohne die mörderische Propaganda von »Radio Kopf ab«, wie die Einheimischen den Sender nennen, würden Hunderttausende noch leben. Nach dem Mord an Präsident Juvenal Habyarimana, als der staatliche Rundfunk nur noch Trauermusik spielte, rief Radio Mille Collines zum Blutbad an der Tutsi-Minderheit auf.

Das Volk von Ruanda, so erklärte der Sprecher, dürfe nicht den Fehler wiederholen, der ihm bei den Tutsi-Pogromen 1959 unterlaufen sei. Diesmal müsse man unbedingt daran denken, auch die Kinder der Tutsi umzubringen.

Die Folge war die grausamste Massenschlächterei in der jüngeren afrikanischen Geschichte, ein Genozid, wie es ihn seit der Schreckensherrschaft der Roten Khmer in Kambodscha nicht mehr gegeben hatte. In den Wochen nach dem Tod des Präsidenten wurden über 500 000 Tutsi ermordet.

Nach dem Sieg der Tutsi-Rebellen schalteten die Redakteure von Radio Mille Collines um auf Panikmache. Sie riefen die Hutu-Bevölkerung auf, aus dem Land zu fliehen. Wer zurückbleibe, werde von Tutsi umgebracht. Bald danach wälzte sich ein Strom von anderthalb Millionen Flüchtlingen über die Grenze ins Nachbarland Zaire.

Hilfsorganisationen forderten, den Mördersender zum Schweigen zu bringen. Aber die Ortung ist nicht einfach: Der Lastwagen, auf den die Anlage montiert ist, wechselt ständig seinen Standort. Der Sender erreicht, mit vergleichsweise magerer Kilowatt-Leistung, immerhin den größten Teil Ruandas und der zairischen Grenzgebiete. Uno-Experten schließen daraus, daß Radio Mille Collines vorwiegend von den über 3000 Meter hohen Gipfeln des zairisch-ruandischen Grenzgebietes funkt.

Weil die Radioterroristen nicht zu fassen sind, plant die Journalistenorganisation »Reporter ohne Grenzen« ein Gegenfeuer: Sie will über einen eigenen Sender Informationen aus Ruanda verbreiten, die den verunsicherten Massen das Vertrauen zurückgeben sollen.

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