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PROTESTE Rächer der Entlaubten

In der Luft und auf hoher See, auf Schloßtürmen und Schornsteinen liefern sich zwei konkurrierende Umweltschutz-Gruppen ein bizarres Duell: »Greenpeace« kontra »Robin Wood«. *
aus DER SPIEGEL 36/1983

Nachts gegen vier kletterten zwei Gestalten auf die Türme des Kitsch-Schlosses Neuschwanstein im Allgäu. Als Schloßverwalter Julius Desing die beiden am vorletzten Donnerstag, dem 138. Geburtstag des Bayern-Königs Ludwig II., entdeckte und die Polizei alarmierte, entfaltete das Duo gerade ein Transparent: »Rettet die Heimat.«

Drei Tage später startete im West-Berliner Stadtteil Wilmersdorf ein Heißluftballon. Eine Stunde lang schwebte das Fahrzeug - Aufschrift: »Frieden« - durch den für Privatflieger gesperrten Luftraum über Mauer und Stacheldraht bis in die DDR (siehe Seite 60).

Die Neuschwanstein-Besetzer waren Mitglieder von »Robin Wood«, einer »gewaltfreien Aktionsgemeinschaft für Natur und Umwelt«, die seit Jahresbeginn in der Bundesrepublik mit spektakulären Aktionen Stimmung macht gegen Sauren Regen und Waldsterben.

Für die »symbolische Besetzung des Berliner Luftraums« dagegen zeichneten Demonstranten der internationalen Naturschutz-Organisation »Greenpeace« verantwortlich, deren weltweite Aktionen seit zwölf Jahren vornehmlich den Schutz von Meeren samt Meerestieren fördern und für einen Stopp von Atombombentests werben sollen.

Die beiden Gruppierungen, die Naturschutz auf spezielle Weise betreiben, beteuern zwar, so die deutsche Greenpeace-Geschäftsführerin Monika Griefhahn, einander »ausgesprochen als Ergänzung« zu empfinden. Doch unverkennbar ist zwischen Greenpeace und der Greenpeace-Abspaltung Robin Wood so etwas wie ein Konkurrenzkampf darum entbrannt, wer am wirksamsten auf die zunehmende Verelendung der Natur aufmerksam zu machen vermag.

Um öffentliche Aufmerksamkeit (und auch um Spenden) rangeln zwei Verbände, die in ihrer Struktur stark voneinander abweichen: Greenpeace Deutschland, zentralistisch organisiert, zählt nur 17 Mitglieder, aber 23 000 Förderer. Der Neuling Robin Wood, unter anderem aus Protest gegen den als undemokratisch empfundenen »Öko-Multi« Greenpeace entstanden, hat es in den zehn Monaten seines Bestehens auf knapp 200 Mitglieder gebracht, kassiert aber bei weitem nicht so viele Spenden wie Greenpeace.

Im Stil ihres öffentlichen Auftretens hingegen unterscheiden sich die beiden Organisationen kaum. Die Aktionsformen

waren bislang stets so geschickt gewählt, daß die Öffentlichkeit nahezu ausnahmslos auf seiten der Naturschützer stand - ganz anders als etwa bei den Aktionen militanter Kernkraftkritiker.

Gewaltfreiheit gilt bei Greenpeace wie bei Robin Wood als oberstes Gebot; Konfrontation mit Polizisten, die andere Gruppierungen der Protest-Szene geradezu suchen, wird möglichst vermieden. Taucht die Staatsmacht am Aktionsort auf, geben die Demonstranten freundlich ihre Personalien an, beenden ihren Einsatz und lassen sich gegebenenfalls widerstandslos festnehmen.

»Und alle unsere Sachen«, erläutert Frau Griefhahn ihre Masche, »müssen einen speziellen Pfiff haben.« Zu dieser besonderen Note gehört der Überraschungseffekt, den beide Organisationen durch ebenso sorgfältige wie konspirative Planung erreichen. »Wo und wann genau der Ballon startet«, sagt die Greenpeace-Geschäftsführerin über den grenzüberschreitenden Flug von Berlin, »habe ich selbst nicht gewußt.«

Regelmäßig ist mit den Protest-Happenings hohes Risiko für die Beteiligten verbunden. Ob Greenpeace-Kämpfer mit Schlauchboot-Manövern das Versenken von Atommüll im Atlantik verhindern wollen oder in Sibirien landen, um der UdSSR Verstöße gegen Walfang-Verbote nachzuweisen - stets setzen sie dabei auch ihr Leben, zumindest ihre Gesundheit aufs Spiel.

So kletterten Greenpeacer mit Gasmasken auf den Schornstein der Hamburger Dependance des Ingelheimer Chemieunternehmens Boehringer, um im Giftnebel gegen die Produktion des Pflanzenvernichtungsmittels »2, 4, 5 - T« zu demonstrieren. Mitstreiter schwammen auf hoher See als lebende Barriere vor den Bug eines Verklappungsschiffes, um das Ablassen von 1200 Tonnen giftiger Dünnsäure in die Nordsee zu verhindern.

Robin-Wood-Mitglieder wiederum stiegen auf den Turm der Hamburger Michaeliskirche, um mit einem 400 Quadratmeter großen Transparent ("Rettet den Michel") darauf hinzuweisen, daß der Saure Regen auch Bauwerke ruiniert. In Hamburg-Bergedorf kletterten die »Rächer der Entlaubten« mit einer säuregeschädigten Blautanne auf den Schlot eines Kraftwerks, und auf einem Kamin in Frimmersdorf bei Köln stellten sie den bisherigen bundesdeutschen Höhenrekord für Protestaktionen auf: 120 Meter.

Schon sorgen sich Greenpeace- und Robin-Wood-Leute darum, daß die öffentliche Wirkung ihrer Happenings allmählich nachlassen könnte. »Einen englischen Reporter«, erfuhr Monika Griefhahn nach der Berliner Ballon-Fahrt, »hat nur noch interessiert, ob dabei auch Schüsse gefallen sind; dann hat er abgewinkt.«

»Wir stehen«, räumt die Greenpeace-Geschäftsführerin ein, »unter starkem Kreativitätsdruck und müssen uns immer wieder was Neues einfallen lassen.« Man könne nicht, ahnt auch Klaus Scheerer von der Hamburger Robin-Wood-Sektion, »unentwegt Schornsteine besteigen, da läßt das Interesse schnell nach«.

Vor der Berliner Ballon-Aktion hatten vorübergehend die Leute von Robin Wood im Ideenwettstreit vorne gelegen. Kurz vor dem Ballon-Start hatten die Waldschützer gemeinsam mit der (den Grünen nahestehenden) E.-F.-Schumacher-Gesellschaft eine bundesweite Aktion mit dem merkwürdigen Namen »Giroblau« angekündigt: Die 28,8 Millionen Kunden der westdeutschen Elektrizitätsversorgungsunternehmen sollen die Stromlieferanten dazu zwingen, mit Robin Wood über eine drastische Verringerung der Schadstoff-Emissionen zu verhandeln.

Die Umweltschützer wollen die Stromabnehmer, so das simple Giroblau-Konzept, auffordern, die Gebühren nicht mehr im rechnerkontrollierten Abbuchungsverfahren einziehen zu lassen. Denn: _____« Durch das Abbuchungsverfahren bestimmt das » _____« Energieunternehmen den Zeitpunkt und die Höhe der Zahlung » _____« und hat, von wenigen Ausnahmen abgesehen, keine » _____« Mehrarbeit. Diese Ausnahmen gilt es in einer Weise » _____« anwachsen zu lassen, daß sie zu einem echten Kostenfaktor » _____« werden. Diese Mehrkosten für das Energieunternehmen, die » _____« nicht ohne weiteres und vor allem nicht sofort auf den » _____« Endverbraucher weitergegeben werden können, wirken sich » _____« negativ auf die Erfolgsbilanz aus und lassen vor allem » _____« die auf eine andere Norm eingestellte Buchhaltung » _____« zusammenbrechen. »

»Die Aktion«, wirbt Robin Wood auf Flugblättern, »ist völlig legal« - und womöglich weitaus effektiver als spektakuläre Kletterpartien. »Wir hoffen«, sagt Gerd Renker von der Bremer Robin-Wood-Zentrale, »auf einen Erfolg wie in den Niederlanden oder Dänemark, wo ähnliche Aktionen Unternehmen gezwungen haben, Atomkraftwerke stillzulegen.«

Mit einer Fülle von Tricks sollen Bürger den Stromlieferanten das Kassieren erschweren. Beispielsweise ließen sich Daueraufträge kündigen und Rechnungen bar bei Post, Banken oder an den Kassenschaltern der E-Werke begleichen.

Dabei könnten die Mitstreiter, empfiehlt Robin Wood, die Kundennummer weglassen oder verfälschen, den Namen unleserlich schreiben, die fälligen Beträge in unterschiedlich hohen Raten abstottern, in unregelmäßigen Abständen Einzugsermächtigungen erteilen und widerrufen oder aber zuviel bezahlen und die Differenz zurückfordern.

»Wir hoffen«, sagt Robin-Wood-Mann Scheerer, von Beruf Kapitän, »daß sich wenigstens einige zehntausend beteiligen. Dann müssen die Stromerzeuger mit uns verhandeln.«

Die Aktivitäten der Wald-Kämpfer haben die Kreativen in der Deutschland-Zentrale von Greenpeace bislang kaum ernstlich in Verlegenheit bringen können. Den Meeresschützern wird auf lange Sicht zugute kommen, daß sie, anders als Robin Wood, weltweit agieren - was spektakuläre Aktionen erleichtert.

»Demnächst«, verrät Geschäftsführerin Griefhahn, »machen wir was in China.« _(unten: in Bremen. ) _(Oben: in Hamburg; )

unten: in Bremen.Oben: in Hamburg;

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