Zur Ausgabe
Artikel 16 / 87
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

MÜNCHEN Rätsel im Beton

In München, Deutschlands heimlicher Hauptstadt, geschieht Unheimliches: Wo einst viele gern gewohnt hätten, nimmt nun die Bevölkerung stetig ab.
aus DER SPIEGEL 15/1980

Lange ist es gar nicht her, daß jeder sechste Bundesbürger am liebsten in München wohnen mochte -- so das Resultat einer Meinungsumfrage. Über die Maßen anziehend wirkte die barock-bajuwarische Idylle eines »Millionendorfs« mit »tolerantem Sozialklima«, »attraktiven Freizeitmöglichkeiten« und »kulturell-geistig anregender Umgebung«, geradezu ein weißblaues Paradies.

Was Wunder, daß die »Weltstadt mit Herz« (Eigenwerbung) jährlichen Zuwachs bis zu 50 000 Einwohnern hatte. Weil sie nicht bis zum Jahre 1990 zu einer Megalopolis von drei Millionen Menschen anschwellen sollte, erwogen ihre Ratsherren sogar eine Zuzugssperre, und sie kürzten drastisch die weitere Ausweisung städtischen Baulands.

Die Stadtväter hätten, statt dessen, die Tore man weiter öffnen sollen. Denn Bayerns Hauptstadt, die im Olympia-Jahr 1972 einen Höchststand von fast 1,4 Millionen Einwohnern erreichte, schrumpft seitdem stetig und zählt derzeit nur mehr knapp 1,3 Millionen Bürger. Statt der Zugereisten registrieren kommunale Statistiker jedes Jahr neue »Wanderungsverluste«. Und vor allem geht der einheimische Nachwuchs zurück: »Die Münchner Kindln werden Mangelware« ("Süddeutsche Zeitung").

Zwar ist der Geburtenrückgang kein spezifisch bayrisches Phänomen, sondern ein bundesweites; doch in keiner Großkommune nahm das Kinderkriegen so rapide ab wie in München seit Mitte der sechziger Jahre. Schon 1971, das dokumentiert ein vom städtischen Entwicklungsreferat vorgelegter Bericht, unterboten Münchens Mütter West-Berlin als bis dahin geburtenschwächste Stadt. 1979 kamen an der Isar mit 9340 Babys nur noch halb so viele zur Welt wie 1965.

»München ist«, behauptet sogar der Initiator des Baby-Berichts, Stadtrat Werner Eckert, »der weltweite Minuspol des Geburtenrückgangs.« Und bei diesem »Weltrekord der leeren Wiegen« ("Münchner Stadtanzeiger") nimmt es nicht wunder, daß die Berichterstatter eine »pessimistische Modellrechnung« aufmachen: Bei bleibender Minustendenz wird die Münchner Bevölkerung in 50 Jahren auf die Hälfte geschrumpft sein.

Nach der »Bevölkerungsexplosion« der fünfziger und Anfang der sechziger Jahre droht die Stadt, so der Bericht, »in der anderen Richtung aus dem Gleichgewicht zu geraten«. Schon wird, wie die Analytiker herausfanden, allerlei Unschönes in der heimlichen Hauptstadt sichtbar. »Verslumung«, »soziale Entmischung«, »Überalterung« und »Überfremdung« durch Ausländer in »vom Umkippen bedrohten« Stadtteilen wie dem Wiesenviertel und dem Schlachthofviertel, wo fast jeder zweite Bewohner ein Ausländer und jeder sechste Einheimische älter als 65 ist.

Und so dramatisch erschien den Stadtregenten die Lage, daß sie eine spezielle Entwicklungshilfe in Gang bringen wollen. Münchens Oberbürgermeister Erich Kiesl (CSU) beauftragte seinen Sozialreferenten Hans Stützle, den Ursachen der Baby-Baisse nachzugehen und auf Abhilfe zu sinnen. Stützles Ergebnisse stehen in einem jüngst vom Stadtrat verabschiedeten »Münchner Familienprogramm«.

Freilich, was in dem Papier an möglichen Gründen für die Kinderlosigkeit aufgeführt wurde, scheint eher nebensächlich. Berufstätigkeit der Ehefrau, Konsumzwang, Rückgang der Eheschließungen und Zunahme der Ehescheidungen werden erwähnt, schließlich »noch unerforschte Einflüsse«, die auf rätselhafte Weise »in die biologischen Abläufe eingreifen«, womöglich der »Beton im Wohnungsbau« oder »stadtklimatische Besonderheiten«.

Näherliegendes wird nur gestreift oder gar nicht genannt: Bei nahezu stillstehendem Mietwohnungsbau und Quadratmeterpreisen über zwölf Mark sind familiengerechte Wohnungen in München für viele längst unerschwinglich geworden. Nur 17 Prozent des gesamten Münchner Wohnungsbestands eignen sich überhaupt für mehrköpfige Familien.

Die sogenannte Zweckentfremdungsverordnung, mit der die Stadt seit S.78 1972 vor allem ihr Reservoir an innerstädtischen Altbauwohnungen vor dem Zugriff durch Banken und Büros sichern will, wurde gerade unter OB Kiesl häufig durchbrochen. 1978 fielen auf diese Weise 312 Wohnungen dem Kommerz anheim.

Das Wohnungsproblem aber steht offensichtlich in unmittelbarem Zusammenhang mit Kinderfrage und Bevölkerungsverlust -- gerade in München, wo der Umzug ins Umland immer mehr Aufsteiger und Etablierte verlockt, Leute also, die im Einzugsbereich eines dichten S-Bahn-Netzes durchaus mit den Annehmlichkeiten der Großstadt verbunden bleiben. Unter den Abwanderern stellt die Altersgruppe der Twens den weitaus größten Anteil. Und das sind nach Feststellungen des Münchner Sozialreferats häufig Jung-Ehepaare, die sich wegen eines geplanten Kindes oder kurz nach dessen Geburt zur Stadtflucht entschließen.

Immerhin, in puncto Wohnraumbeschaffung enthält das »Münchner Familienprogramm« erfolgversprechende Angebote. So soll ein Förderungsprogramm mit Darlehen von 20 000 Mark pro Kind oder Zuschüssen von 10 000 Mark den Erwerb von Eigentumswohnungen innerhalb der Stadtgrenzen begünstigen und gleichzeitig bewirken, daß die von den kaufwilligen Familien bisher gemieteten Wohnungen frei werden. Passabel wirkt auch ein »Programm Tausch und Umsetzung«, durch das beispielsweise ältere und alleinstehende Mieter aus zu großen Wohnungen bewegt werden sollen.

Ansonsten bietet der Hilfskatalog gegen die Münchner Auszehrung ein Sammelsurium. Gefordert wird etwa die Verbesserung bereits vorhandener Einrichtungen wie Kinderbetreuung und Schwangerenberatung, und OB Kiesl verspricht sich was von neuen Gesetzen, beispielsweise zur Wiedereinführung eines Kinderfreibetrags im Einkommensteuerrecht und zur Ausdehnung des Mutterschaftsurlaubs auf zwei bis drei Jahre.

Selbst eifrige Befürworter des Familienprogramms wie die CSU-Stadträtin Clarita Bernhard befürchten, daß angesichts des gravierenden Geburtendefizits »von städtischer Seite nur Notbandagen« anzubringen sind. Entscheidende Änderungen wären, so glaubt die Rätin, nur von einer Revision des Scheidungsrechts und des Paragraphen 218 zu erwarten.

Diese Bevölkerungspolitik bewertete allerdings ihr Kollege Rainer Volkmann (SPD) mit dem »Prädikat lächerlich«. Auf solchem Niveau könne man auch, meint er, »Forderungen aufstellen, den Sexualkundeunterricht einzustellen, in jede Packung Antibabypillen einen Blindgänger einzubauen und alle sechs Wochen einen Abend lang den Strom abzustellen«.

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 16 / 87
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.