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NACHRUF Raissa Gorbatschowa

aus DER SPIEGEL 39/1999

Ihre Weltpremiere erlebte Raissa Gorbatschowa synchron mit ihrem Mann 1984 in London, wo sich der im Westen praktisch unbekannte ZK-Sekretär für Landwirtschaft samt Ehefrau der britischen Premierministerin Margaret Thatcher vorstellte.

Lange und rigoros prüfte Frau Thatcher Michail Sergejewitsch und musterte dessen Ehefrau beim kleinen Dinner, wobei Raissa die Eiserne offenkundig - von Frau zu Frau - durch Willens- und Charakterstärke, auch solide Bildung beeindruckte. Dann fällte die Britin ihr Urteil über den präsumtiven Nachfolger des Alt-Bürokraten Tschernenko: »Ich mag ihn, wir können ins Geschäft kommen.« Die Sowjetmenschen haben so zuerst aus dem Westen erfahren, dass sie eine Erste Dame bekämen, noch ehe deren Mann zum Parteichef aufstieg.

Ihre für eine Funktionärsgattin ganz ungewohnten Eigenschaften verblüfften - ihre angeborene Eleganz, ihr Charme und vor allem ihre Art, nicht nur eine eigene Meinung zu haben, sondern diese auch noch zu äußern.

Auf unerfindliche Weise hatte sich während 23 Jahren in der sowjetischen Provinz ihr tadelloser Geschmack entwickelt. Das selbstgefällige Tout-Paris mochte lange nicht glauben, dass Raissa sich keineswegs von einem seiner Couturiers einkleiden ließ, sondern von einer bescheidenen russischen Schneiderin.

Das profunde Wissen der Absolventin der Philosophischen Fakultät in Moskau und späteren Dozentin für Marxismus-Leninismus an der Landwirtschaftshochschule in Stawropol versetzte ihre ausländischen Gastgeber in Erstaunen. In London zitierte die gebürtige Sibirierin unvermittelt Hume und Hobbes, und sie brachte Nancy Reagan mit der Frage aus der Fassung, wer denn eines der im Weißen Haus aufgehängten Porträts gemalt habe.

Der prämiierte Mähdrescherfahrer und studierte Jurist Gorbatschow eignete sich noch als Parteisekretär in Stawropol gründlichere Kenntnisse in Ackerbau und Viehzucht im Fernstudium an. Auch er konnte keinesfalls auf die Nachsicht der ihm angetrauten Philosophin rechnen.

Bei der Vorbereitung einer Auslandsreise ging sie so methodisch vor, dass die für das Programm verantwortlichen Protokollbeamten bei der Suche nach den nötigen Unterlagen ihre liebe Not hatten. Von jedem Ausflug jenseits der Grenzen kehrte Raissa ganz wie früher als junge Studentin mit Notizbüchern heim, die sie auf Museumsbesuchen vollgeschrieben hatte.

Mit einem seiner ersten Interviews im US-Fernsehen versetzte Gorbatschow dem eigenen Land einen Schock. Auf die Frage des Reporters, ob er auch höchste politische Probleme mit seiner Frau bespreche, gab er eine schlichte Antwort: »Wir besprechen alles.« Das war schon lange so. Schier revolutionär erschien, dass er dies der ganzen Welt offen verkündete: ein Generalsekretär, der sich beraten ließ, auch noch von seiner Frau. Dies war wohl der einzige Fall in der sowjetischen Geschichte, bei dem das KP-Zentralorgan »Prawda« den eigenen Generalsekretär einer Zensur unterzog.

All das konnte nicht folgenlos bleiben. Meckern von Spießern und Giftpfeile der Gerüchte haben Raissa stets begleitet. Daran beteiligte sich in den achtziger Jahren auch der damalige Moskauer Parteisekretär Boris Jelzin.

Raissa waren die Sitten und Bräuche damaliger Parteibonzen ein Gräuel. Im heutigen Russland wird sich kaum jemand vorstellen können, dass sie ihre Spesen penibel abrechnete und alle im Ausland empfangenen Gastgeschenke von Wert gegen Quittung ablieferte.

Würdig ertrug sie den Rücktritt ihres Mannes als sowjetischer Präsident im Dezember 1991, doch wie ein Hieb hatte sie der August-Putsch 1991 getroffen, der ihr einen Schlaganfall und eine Herzattacke eintrug. Dieser Verrat aus der nächsten politischen Umgebung war womöglich der erste Anstoß für die Krankheit, die am vergangenen Montag in Münster ihr Leben beendet hat. Gorbatschows Abtritt von der Kreml-Bühne war keine so große Katastrophe wie das Scheitern ihres gemeinsamen Projekts - ein gründlich reformiertes Russland.

Sie kann das Lob nicht hören, das ihr nun postum zuteil wird, nicht von denjenigen, die es aufrichtig meinen, und auch nicht von jenen, die nach einer alten russischen Sitte die früheren bösen, ungerechten Worte zu spät bereuen. »Verzeih uns, Raissa«, schrieb die Moskauer »Iswestija«.

Aber sie erfuhr immerhin noch von den ehrlichen, anrührenden Reaktionen vieler einfacher Menschen auf ihre Krebserkrankung. In der Gorbatschow-Stiftung in Moskau stehen zuhauf Tütchen mit Flachssamen und Fläschchen mit dem Saft einer rätselhaften roten Wurzel, zugesandt von Bewohnern des Altai-Gebirges, die in einem Brief versichern, diese Mixtur bringe unbedingt Heilung. ANDREJ GRATSCHOW

Gratschow, 58, Berater und letzter Sprecher des UdSSR-Präsidenten Michail Gorbatschow, arbeitet jetzt als Journalist in Paris.

Gratschow, 58, Berater und letzter Sprecher desUdSSR-Präsidenten Michail Gorbatschow, arbeitet jetzt alsJournalist in Paris.

Andrej Gratschow
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