Zur Ausgabe
Artikel 101 / 138
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

USA Raserei im Namen Darwins

Ein Prozess wirft Licht auf ein düsteres Kapitel amerikanischer Geschichte: Zwangssterilisierungen in den USA dienten Hitler als Vorbild.
Von Axel Frohn
aus DER SPIEGEL 13/2000

Mutter Aslin schrie und tobte, doch die Vertreter der Gesundheitsbehörde des Staates Michigan zeigten sich unbeeindruckt. Nach Ansicht der Behörden konnte die allein stehende Mutter ihre Kinder nicht versorgen.

Ihr Mann war 1936 an Lungenentzündung verstorben. Kurz darauf erschienen die staatlichen Gesundheitshüter und verfrachteten sieben ihrer neun Kinder in die Irrenanstalt von Lapeer.

Das Gemäuer aus düsterem grauem Stein nannte sich offiziell Lapeer State Home. Doch der harmlose Name täuschte. Sobald die Kinder das 18. Lebensjahr erreichten, wurden sie - eines nach dem anderen - zwangssterilisiert.

Fred Aslin kam 1944 an die Reihe. Obwohl seine Lehrer den heranwachsenden Fred für einen hervorragenden Schüler hielten, bescheinigten ihm die Anstaltsärzte:

»Fred Aslin ist schwachsinnig. Von ihm gezeugte Kinder werden erblich zur Schwachsinnigkeit neigen. Er würde nie für seine Kinder sorgen können. Zu seiner eigenen Wohlfahrt und zur Wohlfahrt der Gemeinde sollte er operiert werden, um seine Zeugungsunfähigkeit herbeizuführen.«

Fred wehrte sich, so gut er konnte, als er der Operation zustimmen sollte. »Ich habe Nein gesagt«, erinnert er sich. »Ich wollte nicht, dass jemand an mir herumschneidet.«

Nach einer kurzen Verhandlung vor dem Vormundschaftsgericht, an der Fred nicht teilnehmen durfte, schloss sich der Richter den Medizinern an. Fred Aslin wurde gegen seinen Willen sterilisiert. Er war einer von tausenden.

60 000 bis 100 000 Menschen wurden in den USA bis in die sechziger Jahre, in Virginia sogar bis 1979, zwangssterilisiert. In Lapeer allein waren es 2339. Ihren Höhepunkt erlebte die eugenische Raserei in den dreißiger Jahren.

Die Vorgeschichte der Opfer ist in Gerichtsakten dokumentiert. Eine junge Frau masturbierte; eine andere hatte ihrer Tante Milch und Briefmarken gestohlen; eine Dritte litt angeblich an »schweren sexuellen Problemen«, tatsächlich jedoch an Epilepsie; die Mutter eines jungen Mannes war - vermutlich - Prostituierte. Sie alle wurden sterilisiert.

Gestützt auf die Lehre Darwins, gewann die Eugenikbewegung um die Jahrhundertwende in Amerika rasch an Boden. Sie beruhte auf der Vorstellung, durch die Ausschaltung ungünstiger und die Bevorzugung erwünschter Gene die »Rasse« verbessern zu können.

Die Aussicht, eine genetische Lösung für gesellschaftliche Missstände zu finden, war zu verlockend. Plötzlich erschien kein Mittel gegen Kriminalität, Alkoholismus, Armut und Unmoral wirksamer als das chirurgische Skalpell.

1907 ließ Indiana als erster Bundesstaat eugenische Sterilisationen zu. Mehr als 30 weitere Staaten folgten. Unterdessen schrieben Professoren der Universitäten Yale, Harvard und Columbia systematische Abhandlungen gegen die Bedrohung durch so genannte Untermenschen.

Das war Wasser auf die Mühlen der Einwanderungsgegner. Sie sahen den amerikanischen Genpool ohnehin durch Italiener und Juden geistig und moralisch verseucht. Per Gesetz wurde die Flut schließlich eingedämmt. Der Biologe Harry Laughlin, der radikalste Befürworter der Zwangssterilisationen, gehörte zu den treibenden Kräften hinter diesem Gesetz. Am liebsten hätte er gleich »das wertloseste Zehntel unserer gegenwärtigen Bevölkerung« kastriert.

Er zählte auch zu den Verfassern des Sterilisierungsstatuts von Virginia, das Hitler als Vorlage für sein »Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses« diente. Dankbar verschafften die Nazis Laughlin 1936 einen medizinischen Ehrendoktorhut der Universität Heidelberg.

Bald sollten die Lehrlinge den Meister jedoch übertreffen. Allein im deutschen Altreich wurden schätzungsweise 200 000 bis 350 000 Menschen sterilisiert, weitere 60 000 in Österreich.

US-Gesetze sahen zwar nur die Zwangssterilisierung von »Schwachsinnigen« vor. Tatsächlich aber traf der chirurgische Eingriff in zahllosen Fällen Menschen ohne geistigen Defekt: Außenseiter, die als »White trash« verleumdete weiße Unterklasse, wohlfahrtsabhängige Teenager, arme, ledige Mütter »nach der Geburt des zweiten illegitimen Kindes« und vielfach indianische Frauen.

Bis in die fünfziger Jahre regte sich gegen die Zwangssterilisierung selten öffentlich Widerstand. Sie stieß vielmehr auf breite Zustimmung. Der Cornflakes-König W. K. Kellogg, First Lady Eleanor Roosevelt und nicht zuletzt die Geburtenreglerin Margaret Sanger, Gründerin der Organisation Planned Parenthood, gehörten zu den Befürwortern.

Ob Fred Aslin, 73, seinen Peinigern vergeben kann, weiß er nicht. Erst 1948, vier Jahre nach seiner Vasektomie, verschaffte ihm ein Anwalt die Freiheit. Danach diente er im Koreakrieg und wurde durch einen Lungenschuss schwer verwundet.

Nach seiner Genesung verdiente er mit Erfolg seinen Lebensunterhalt als Farmer. Vor zwei Jahren hat er den Staat Michigan auf Schadensersatz verklagt. Jetzt wies das Gericht die Klage als verjährt ab. Wahrscheinlich werden Aslin und seine Anwältin gegen das Urteil Berufung einlegen.

Doch wie immer das Verfahren ausgehen mag, eines hat der Staat Michigan nicht erreicht: Fred Aslin, der sich doch angeblich nicht zur Vaterschaft eignete, ist nicht kinderlos geblieben. Sein Sohn heißt Frank. Fred hat ihn adoptiert. AXEL FROHN

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 101 / 138
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel