Zur Ausgabe
Artikel 76 / 84

Briefe

Ratio-Aktivität
aus DER SPIEGEL 21/1986

Ratio-Aktivität

(Nr. 19/1986, SPIEGEL-Titel: Die Reaktor-Katastrophe in Tschernobyl) *

Nach der Erfahrung von Tschernobyl gilt um so mehr: »Atomkraft nein danke!«

Bischofsheim (Hessen) MANFRED STREMPFLE

Jetzt weiß es die ganze Welt: Das russische Roulette ist eine Erfindung der Russen.

Berlin JAN BERGER

Tschernobyl hat gezeigt daß es eine »friedliche« Nutzung von Atomenergie nicht gibt.

Oldenburg (Nieders.) CHRISTIANE HECKEL

Machen wir langsam, aber sicher Schluß mit der für menschliche Maßstäbe offensichtlich nicht mehr beherrschbaren Großtechnologie Kernkraft. Oder sollen uns unsere Nachkommen solche Aufkleber (siehe Abb.) aufs Auto pappen?

Olsberg (Nrdrh.-Westf.) FRANZ-JOSEF SCHULTE

Wir brauchen Atomkraftwerke - für eine strahlende Zukunft.

Berlin KLAUS LANGE

Auch Tschernobyl wird, ebensowenig wie Harrisburg 1979, den nuklearen Rüstungswahnsinn nicht beenden. Es wäre völlig verfehlt, aus der Katastrophe ein positives Vorzeichen herbeizuphilosophieren.

Tübingen HELMUT SCHREPPEL

Nun ist es soweit! Unsere künftigen Generationen werden uns ewig dankbar sein. An ihnen wird man dann messen können (auch optisch), wie verseucht wir wirklich waren.

Erkelenz (Nrdrh.-Westf.) HARRY THIEMT

Gott schuf die strahlende Sonne, der Mensch den strahlenden Regen.

Neckarsteinach (Hessen) GERHARD RÖHL

Es ist zur Zeit unverantwortlich, Kinder im Freien spielen zu lassen. Ist es nicht auch unverantwortlich, solche zu zeugen? Dazu sollte der Sachverständige, der Papst, gehört werden.

Freiburg RAINER SCHAAF

Politiker a la Zimmermann, mit ihrer grenzenlosen Ignoranz und Überheblichkeit, haben dem Bürger in den letzten Tagen mit Nachdruck bewiesen: Wir sind unbelehrbar!

Hannover CAROLA BECKER

Es lebe die herzerfrischende sozialistische Informationsfülle. In Tschernobyl scheint für die Kreml-Creme nur ein mit Krimsekt gefüllter Fingerhut umgekippt zu sein!!

Hamburg PETER SIEP

Die jetzigen Auskünfte über die Strahlenbelastung sind vergleichbar der Aussage: »In unserer Einkaufsstraße wird zur Zeit aus 50 Rohren auf Passanten geschossen«, ohne zu sagen, ob mit Erbsen oder Granaten geschossen, ob das »Feuer« Tage, Jahre oder über Generationen hin anhalten wird.

Hamburg JAN RALF EGEL

Wir glyklichen und sonstigen Skandal-Österreicher, die - laut SPIEGEL 19/1986 - »nicht einmal eigene Atomkraftwerke haben«, besitzen sehr wohl eines, nämlich Zwentendorf: Dieses wird aber, laut Volksentscheidung, nicht eingeschaltet - einmal wenigstens sind nicht wir die Deppen!

Wien HEINER FÜRST

Tschernobyl ist nur ein weiterer deutlicher Fingerzeig, der uns zur Umkehr zwingen müßte. Zur Umkehr von Irrwegen, die uns zu nuklearen Katastrophen. zur Nachrüstung und zu SDI führen und geführt haben. Oder haben wir uns mit der aufziehenden »Endzeitstimmung« abzufinden?

Tübingen HEINZ MIENERT

Mich wundert es, daß in Ihrem Bericht die größte Gefahr, die von Kernkraftwerken ausgeht, nicht ausdrücklich erwähnt worden ist. Dies ist die Möglichkeit, daß bei jeder Art einer kriegerischen Auseinandersetzung in Europa unsere Kernkraftwerke getroffen werden können. Dann würde sich auch mit konventionellen Waffen ein Inferno unvorstellbaren Ausmaßes ereignen.

Sigmarszell (Bayern) PROF. DR. MED. GÜNTER ELSÄSSER

Anstelle die wahren Urheber der Mißinformation aus der Sowjet-Union an den

Pranger zu stellen, machen sich Rote und Grüne wieder einmal über die Bundesregierung her und sie dafür verantwortlich, daß teils ungenaue Verhaltensmaßregeln in den verschiedenen Bundesländern veröffentlicht wurden. Haben wir es etwa mit Steigbügelhaltern der Kommunisten zu tun?

Heidmoor (Schlesw.-Holst.) HANS GROSSMANN

Bei meinen Reisen in der Sowjet-Union habe ich auf vielen Kraftwerken in großen Lettern Spruchbänder mit den genialen Worten Lenins gelesen: »Kommunismus ist Sowjetmacht plus Elektrifizierung des ganzen Landes« Da der Marxismus-Leninismus kein Dogma ist und sich ständig aufgrund praktischer Erfahrungen weiterentwickelt, wird diese Parole vermutlich bald durch die folgende ersetzt werden: »Kommunismus ist Sowjetmacht plus Radioaktivierung des ganzen Landes«

Bochum HEINRICH LÜBBE Student des Marxismus-Leninismus

Die Verursacher, Betreiber und Verharmloser der Atom-Misere gehören vor ein Gericht gestellt. Anklage: Verbrechen an der Menschheit!

Hamburg ANETTE SCHNÄUFER

Hilflosigkeit - Machtlosigkeit und Wut! Wut auf jene politisch-technokratische Mafia, die selbst unter dem unmittelbaren Eindruck der Katastrophe noch behaupten darf, sie habe alles unter Kontrolle, und die sich weiterhin in ihrem Gefasele vom technologischen Fortschritt gefällt, ohne irgendwelche Konsequenzen befürchten zu müssen, weder in Ost noch in West. GAU - das übersetze ich mit: »Größte anzunehmende Unverschämtheit«.

Tübingen EKKEHARD HAUG

Alles Böse geht vom Menschen aus, und die Überstrahlung wäre sein gerechtes Ende. Punktum.

Garmisch-Partenkirchen FRANZ BARTH

Angesichts der Hilflosigkeit und des Zynismus unserer Regierenden empfehle ich dem Innenminister, dringend die Ausgabe einer »Störfallkapsel« um den Hals zu tragen. Diese sollte anstatt überflüssiger persönlicher Daten, wie Blutgruppe. Impfungen und so weiter, lediglich die ausreichende Dosis Zyankali enthalten, für ein schmerzloses Ende.

Baden-Baden JOCHEN PFISTERER Oberstudienrat rer. nat.

Bei Gesamtschau der unbeschreiblichen (naiven oder kriminellen?) »Informations«-Politik dieser unserer Regierung zum Super-GAU von Tschernobyl kam ich nicht umhin, den Text des Amtseides jener meines Erachtens überbezahlten Herrschaften zu rekapitulieren: »... ich schwöre, den Schaden des deutschen Volkes zu mehren und Nutzen von ihm zu wenden...« - oder habe ich da etwas falsch verstanden?

Bonn WINFRIED DUNKEL Beamter

Gegen die Radio-Aktivität gibt es nur ein Mittel: Ratio-Aktivität.

Würzburg PROF. DR. THEO MEYER

Es ist einfach unfaßbar, mit welchem Zynismus unsere Bundesregierung, insbesondere Herr Zimmermann, mit der Gesundheit der Bundesbürger umgeht. Dieser Kleingeist besitzt die Frechheit auf Fragen nach den Auswirkungen des Atomunfalls mit perfidem Grinsen zu antworten, daß ein solcher Unfall bei uns unmöglich ist, weil wir schließlich, die Besten« sind. Daß diese Sicherheitsvorkehrungen erst nach massiven Protesten verwirklicht worden sind, ist vergessen Diesen Rock zieht man sich selbst plötzlich nur zu gerne an.

Ingelheim (Rhld.-Pf.) GÜNTER BENDER

DIESER, IN PUNKTO UMWELTSCHUTZ UNÜBERTROFFENE INITATOR, SCHWÖRT BEI REAKTOR - KATASTROPHEN AUF DESINFORMATION UND EINEN GRENZENLOS STARKEN VENTILATOR !

Ratingen (Nordrh.-Westf.) MANFRED GAJDA Art Studio

So, wie Zimmermann sich selbst zum obersten Waldschützer und -kenner ernannte, da ja sein Vater schließlich ein Sägewerk besessen habe, hat er sich wohl schnell zum Radioaktivitäts-Experten ernannt, da er ja schon seit Jahren kritischer Radiohörer ist. Im Ernst: Zimmermann weiß immer alles, besonders dann, wenn andere noch nichts wissen. Ist doch toll!

Frankfurt HANSJOACHIM RUPP

Alle führenden Politiker sollten hinsichtlich der Friedensprobleme dieser Welt und Kernkraftregelungen zukünftig in Tschernobyl tagen, bis sie zu konkreten und befriedigenden Ergebnissen gelangen. Ich könnte mir vorstellen, daß diese unter den dortigen Umständen recht schnell zu erzielen wären.

Linden (Hessen) DIETHELM RITSCH

Ministerpräsident Rau hat hundertprozentig recht, wenn er sich nicht von irgendwelchen Wahrscheinlichkeits-Berechnungen »einlullen« läßt: denn die sind nur begrenzt verläßlich und

auch nur dann wenn der »Faktor Mensch« in ihren Gleichungen nicht auftaucht.

Köln ERNST WILHELM WENZ

Es erfüllt einen schon mit klammheimlicher Freude, daß ein solcher Super-GAU doch möglich ist. Traurig bei einem solchen Unfall ist es nur, daß die Betroffenen nichts dafür können. Schade ist es, daß die Bonner Atomfetischisten selbst kaum betroffen sind.

Leutesdorf (Rhld.-Pf.) GÜNTER REIMER

Bei allem Verständnis für das Geschrei über die Nicht- oder Des-Informationspolitik der Sowjets muß man eines festhalten: Auch hierzulande wird so verfahren. Als vor ungefähr sieben bis acht Jahren im Kernkraftwerk Brunsbüttel ein Flansch abriß und nach Angaben von Fachleuten ungefähr 800 Tonnen radioaktiven Dampfes in die Atmosphäre gelangten, wurde der Öffentlichkeit auch nichts mitgeteilt; lediglich die Gewissensbisse eines Angestellten ließen ihn nach zwei Wochen den NDR informieren, und »Report« recherchierte und berichtete: daß der Primärkreis beschädigt war, Dachluken sich geöffnet hatten (Überdruck im Kesselhaus) und ein GAU nur knapp verhindert wurde. Schon alles in Vergessenheit? Wurde damals Salat untersucht oder die Milch?

Berlin GEROLD SASS

Mit der Aktivität des Isotops Jod 131 scheint man noch fertig werden zu können, die Halbwertzeit des Zerfalls ist gering. Was aber ist mit Cäsium 137, mit Strontium, deren Halbwertzeit 30 Jahre beträgt? Es fallen mit Gewißheit noch mehr radioaktive Isotope an. Wann erfahren wir deren überhöhte Werte? Erst dann wird uns der Schreck richtig in die Knochen fahren! Und wir werden erkennen, daß es vielleicht gar keines Atomkrieges bedarf, um das Leben auf dem Blauen Ball auszulöschen!

Hamburg ALFRED W. HENKMANN

Dieser Super-GAU ist mitnichten als eine letzte Warnung an die Menschheit zu verstehen, so wie Sie das vielleicht im Hinterkopf haben, wenn Sie sich darüber auslassen, wie leicht der GAU auch in Deutschland und um Deutschland herum eintreten kann. Schauen Sie doch auf Ihrem alten Schulglobus nach, wie weit nun Kiew und Hamburg wirklich auseinanderliegen. Es hat keinen Sinn, vor einem GAU nahe Deutschland zu warnen, der ist nämlich gerade eben passiert.

Markt Schwaben (Bayern) AXEL MÜLLER

Einen Ausweg aus unserer Umweltmisere kann letztendlich nur die intensive Erforschung und Nutzung der »alternativen« Energiequellen (Wind, Sonne, Wasser) bringen. Solange aber die dafür notwendigen Geldmittel für Wahnsinns-Projekte wie SDI ausgegeben werden,

besteht wenig Aussicht auf ein Happy-End.

Kassel MATHIAS TAUBE

Referent für Ökologie beim Stadtschülerrat

Leute, kauft Geigerzähler, es kommen strahlende Zeiten!

Geislingen (Bad.-Württ.) WILHELM KAIS

Da strahlt die Familie

Berlin ERNST VOLLAND Karikaturist

BRIEFE

Begabter Politiker

(Nr. 16/1986, Niedersachsen: Schröders Schlingerkurs) *

Zwar bin ich schon gelegentlich mit der Äußerung »Schröder-Kurs, was ist das? Der sucht doch noch selbst« zitiert worden, kann mich aber nicht erinnern, sie gemacht zu haben. Wer mich kennt, weiß, daß ich zu dem Mann stehe, den sich die Partei ausgesucht hat. Ich schätze Gerhard Schröder als einen begabten Politiker.

Hannover ALFRED KUBEL Ehemaliger Ministerpräsident von Niedersachsen

BRIEFE

Blinder Markt

(Nr. 18/1986, Immobilien: Geht es noch weiter abwärts?) *

Was wir heute auf dem Immobilienmarkt erleben, konnte bereits vor zehn Jahren mit hoher Zuverlässigkeit vorhergesagt werden. Die Zahl wirklicher Immobilieninteressenten ist klein geworden, und sie ist unter Gesichtspunkten des Marktgeschehens sogar noch deutlich kleiner. wenn man berücksichtigt, daß schon heute fast jeder zweite Eigentumswunsch durch Erbgang befriedigt wird. Ein kleiner Hinweis: Ihre Behauptung, 80 v.H. der Bevölkerung wollten in den eigenen vier Wänden hausen, aber nur 40 v.H. hätten dies bisher geschafft, ist zumindest irreführend und das Ergebnis einer schlichten Begriffs- und Zahlenmanipulation. Realistischerweise muß heute

von einer Eigentumsquote von rund 50 v.H. ausgegangen werden.

Bonn DR. MEINHARD MIEGEL Leiter des Instituts für Wirtschaft und Gesellschaftspolitik eV.

Wir versteigern immer mehr notleidende Objekte, und zwar bevor sich diese der fürchterlichen Prozedur einer langwierigen gerichtlichen Zwangsversteigerung unterziehen müssen. Auf unseren letzten sechs Auktionen wurden innerhalb von acht Monaten Objekte im Gegenwert von über 10,2 Millionen Mark versteigert. Teilweise waren die Grundstücksangebote so interessant, daß das Mindestgebot um bis zu 40 Prozent im Versteigerungsvorgang überschritten wurde.

Berlin HANS PETER PLETTNER Berliner Grundstücksauktionen Organisations-Gesellschaft mbH & Co.

Sie schreiben, »Für diejenigen, die immer noch glauben, mit Wohnungskäufen ein gutes Geschäft zu machen, weiß der Berliner Immobilienfachmann Freye einen guten Rat: 'Geht ins Spielcasino, da habt Ihr bessere Chancen.'« Das Zitat stammt aus einem Kapital-markt-intern-Seminar im Mai 1985. Ich habe sagen wollen und nach meiner Erinnerung auch gesagt, daß mit Erwerbermodellen auf der grünen Wiese in der Regel kein gutes Geschäft zu machen ist und dann schon das Spielcasino bessere Chancen bietet. Wer bei den heutigen Preisen und Zinsen Wohnungen in excellenter Lage mit guter Bauqualität kauft wird es meiner Meinung nach längerfristig nicht bereuen.

Berlin DIPL.-ING. GÜNTER B. FREYE

Ein freier Baulandmarkt ist aus Umweltgründen (Zersiedelung) nicht möglich. Die Regierung müßte aber zu der von den Gemeinden vorgenommenen Angebotsbeschränkung einen marktpolitischen Ausgleich schaffen, zum Beispiel durch eine Baulandsteuer. Die völlig überzogene Preisexplosion und die daraus folgende Pleitewelle hätten vermieden werden können.

Köln PETER KERN

Nachdem ich Ihren Artikel gelesen hatte, blickte ich freudig erregt in den Immobilienteil, und was sah ich: Unbezahlbares!

Berlin WOLFGANG WERRES

Zur Ausgabe
Artikel 76 / 84
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.