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Ratlos im Paradies

Die Zustimmung der Parteispitze zum Afghanistankrieg zermürbt die Basis der Grünen. Viele Anhänger wenden sich ab.
Von Almut Hielscher, Sven Röbel und Barbara Schmid
aus DER SPIEGEL 43/2001

Das Maskottchen, ein grüner Plüschteddy mit rotem Schlappohr links, sollte für Geschlossenheit stehen. Als Grünen-Chef Fritz Kuhn und Berlins Spitzenkandidatin für das Abgeordnetenhaus, Sibyll Klotz, das Stofftier vergangene Woche einträchtig in die Kameras hielten, da war die Welt der Ex-Alternativen wenigstens für einen Augenblick in Ordnung. Man demonstrierte uneingeschränkte Solidarität mit der Bundesregierung, vor allem aber traute Einigkeit zwischen Parteispitze und Landesverband.

Doch wenige Augenblicke später ging durch das Bild von der grünen Idylle schon wieder ein Riss. Vor dem Kaufhaus Karstadt wartete die Parteibasis von Berlin-Wedding vergebens auf den angekündigten Beistand vom Chef der Bundespartei. Dabei war der nötiger denn je. Immer öfter, bekennt Martin Beck, Weddinger Grünen-Kandidat für das Abgeordnetenhaus, stellten ihm alte Freunde aus der Friedensbewegung eine Frage: »Warum hast du noch nicht hingeschmissen?«

Zur Friedensdemonstration am Sonnabend zuvor hatten sich viele Grüne nur inkognito getraut - zu groß war ihre Angst, als Parteigänger Joschka Fischers erkannt zu werden. »Zweimal täglich«, klagt Andreas Otto, Bündnisgrüner vom Prenzlauer Berg, habe er sich im Wahlkampf als Kriegstreiber beschimpfen lassen müssen.

Weite Teile der Basis sind demoralisiert. Und zum Unbehagen über den Krieg kommt bei vielen die Wut über die Ignoranz der grünen Vorleute, die sich hinter ihren Regierungsschreibtischen vor den früheren Weggefährten verstecken.

So wollte Wiebke Herding am 9. Oktober mehr als 20 000 Unterschriften gegen den Krieg einem vermeintlichen Mitstreiter im Auswärtigen Amt übergeben, dem Staatsminister Ludger Volmer. Doch die einzigen Grünen, die sie erwarteten, waren Beamte des Bundesgrenzschutzes. »1998 habe ich die Grünen gewählt«, schimpft Herding, »aber inzwischen sind wir denen doch nur noch lästig.«

Ganze Kreisverbände drohen nun mit Konsequenzen - dem kollektiven Austritt. Im nordrhein-westfälischen Coesfeld könnte es bereits in dieser Woche so weit sein. Ein Schmähbrief des Kreisgeschäftsführers alarmierte vergangene Woche die Parteispitze. Seine Einladung zu einer Sondermitgliederversammlung hatte Josef Gebker drastisch formuliert: »Fühlt ihr euch in der Partei noch politisch beheimatet? Gibt es eine grüne Zukunft auch unabhängig vom Bundesverband?« 160 Mitglieder wären auf einen Schlag verloren.

Abgänge registrierte bereits Sachsen-Anhalts Landeschef Thomas Bichler. »Alle Austritte«, so Bichler, »werden mit den Bomben auf Afghanistan begründet.« Ost-Grüne haben eine »unverbrüchliche Freundschaft« (Otto Schily) bereits hinter sich - mit der Sowjetunion. Roland Vogt, brandenburgischer Landeschef: »Uneingeschränkte Solidarität ist uneingeschränkter Schwachsinn.«

Eine Partei kappt ihre Wurzeln. Seit 1992 kämpft die Bürgerinitiative »Freie Heide« dagegen, dass die Bundeswehr einen ehemaligen sowjetischen Übungsplatz nördlich von Berlin übernimmt. Im vergangenen April brachten 63 Grüne und Sozialdemokraten im Bundestag einen Antrag zum Verzicht auf das »Bombodrom« ein. Doch inzwischen trauen sich die Grünen nicht mehr, ihn auf die Tagesordnung setzen zu lassen - aus Rücksicht auf »außenpolitische Situationen«, wie der Bundestagsabgeordnete Winfried Nachtwei (Bündnis 90/Grüne) herumeiert.

Selbst im Realo-Landesverband Baden-Württemberg droht die Stimmung zu kippen. In den Wahlkreisen Karlsruhe, Mannheim und Heilbronn wurden Pazifisten in der vergangenen Woche regelrecht bejubelt. Bei der Aufstellung der Landesliste dürfte dies demnächst einen Prominenten den Einzug in den Bundestag kosten - Kuhn, Fraktionschef Rezzo Schlauch, Oswald Metzger oder Cem Özdemir. Kriegsgegner Winfried Hermann könnte einem von ihnen einen sicheren Platz streitig machen.

Wenigstens Fischer muss um die Heimatfront nicht bange sein. Gähnende Leere herrschte am vergangenen Mittwoch im Ökohaus im Frankfurter Stadtteil Bockenheim. Von 552 Mitgliedern nahmen nur 29 auf den bandscheibenfreundlichen Polsterstühlen zwischen den riesigen Gummibäumen Platz. Sprecherin Manuela Rottmann ("Wir sind der Kreisverband des Außenministers") merkte sofort, dass die Truppe im Saal nur bedingt beschlussfähig ist. »Also Afghanistan«, seufzte sie entnervt. »Was fangen wir mit unserem Unbehagen an?«, fragte sie in das kleine Ökoparadies. »Sollen wir eine Aussprache zum Thema einschieben, oder seid ihr so ratlos wie ich?«

Keine Aussprache? Stille im Saal. Keine Aussprache. ALMUT HIELSCHER, SVEN RÖBEL, BARBARA SCHMID

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