BUNDESWEHR / EINZELKÄMPFER Raupen, Puppen, Erbspüree
Sie aßen Heuschrecken, Raupen, Puppen, Ameiseneier -- und nannten sich nach US-Vorbild »Ranger«. Nun üben sie das Aufwärmen von Kasseler mit Erbsenpüree und sind stolz darauf, »Einzelkämpfer« zu heißen.
An der Kampftruppenschule I in Hammelburg und der Luftlandeschule in Schongau mühen sich Offiziere, Fahnenjunker und Unteroffiziere um den Erwerb des begehrtesten Heeres-Abzeichens: ein silbernes Eichenlaub auf grünem Grund.
Viele mühen sich vergebens. Die Durchfallquote der Einzelkämpfer-Kurse liegt zwischen 25 und 50 Prozent. Bestehen kann nur, wer bereit ist, bis an die Grenzen seiner körperlichen Leistungsfähigkeit zu gehen.
Deutschlands harte Männer sollen imstande sein, eine »auf sich gestellte Gruppe« als Jagdtrupp hinter der feindlichen Front zu führen. Außerdem müssen sie sich als Versprengte zur eigenen Truppe durchschlagen können.
Deshalb lernen sie,
* Schluchten an Seilen und Gewässer mit Behelfs-Flößen zu überqueren;
* mit Knüppeln, Judo-Griffen und Beutewaffen zu kämpfen;
* sich ohne Karte und Kompaß im Gelände zu orientieren;
* Krankheiten und Wunden mit Kräutern zu behandeln und
* notfalls ein Stück Stacheldraht als Funk-Antenne zu nutzen.
Die Primitiv-Soldaten müssen außerdem Unterschlupfe bauen, raucharme Feuer anzünden, Spuren lesen und sprengen können.
Wer den Sechs-Wochen-Lehrgang durchhält und vor allem unter härtesten Belastungen Kameradschaftssinn beweist, kehrt als Eichenlaubträger und Lehrer für das Fach »Einzelkämpferausbildung aller Truppen« in seine Stamm-Kompanie zurück.
Dort nämlich soll jeder Soldat, ob Schütze, Funker oder Kanonier, in die Überlebenskünste der Einzelkämpfer eingewiesen werden. Das verlangt ein Befehl vom Führungsstab des Heeres.
Die Führungsspitze -- oft ohne Einblick in die Truppenwirklichkeit --
* Beim Ausweiden eines (mit Erlaubnis des Jagdherrn) erlegten Rehs.
glaubt denn auch an wirksame Breitenarbeit. Brigadegeneral Alfred Ritz, Inspizient für Infanterie im Truppenamt zu Köln: »Es kann gar nicht sein, daß die 'Einzelkämpferausbildung aller Truppen' irgendwo nicht vorgenommen wird. Schließlich gibt es dafür einen Befehl!«
Dieser Befehl jedoch -- nur einer in der wachsenden Papier- und Vorschriftenflut -- wird in vielen Truppenteilen sorgsam im Aktenschrank verwahrt und entweder gar nicht oder nur unvollkommen ausgeführt. Denn die Truppe ist überfordert.
Jeder Heeressoldat soll in seiner kurzen Dienstzeit nicht nur als Einzelkämpfer, sondern auch in Panzernahbekämpfung, als Pionier, im Flugzeug- und Panzererkennungsdienst, in Flieger- und ABC-Abwehr, im Luftschutz und In Erster Hilfe unterwiesen werden. Dafür aber ist viel zuwenig Zeit. Der Mangel an Ausbildern zwingt viele Bataillonskommandeure sogar, vollausgebildete Einzelkämpfer als Funktions-Unteroffiziere In Schreibstuben und Bekleidungskammern versauern zu lassen.
Den Offizieranwärtern wiederum, für die der Einzelkämpfer-Lehrgang Pflicht ist, fehlt die Erfahrung als Gruppenführer. Gegen jede pädagogische Erkenntnis müssen sie sogleich den Extremfall bewältigen: die Führung eines Jagdtrupps.
Sinnvoll ist die ganze Einzelkämpfer-Schulung überhaupt erst, wenn durch ständiges Training die mühselig erworbenen Kenntnisse -- Judogriffe etwa -- erhalten bleiben.
Nur das III. Korps in Koblenz aber schult seine Waldläufer in Jagdtrupp-Wettbewerben weiter. 105 Kilometer legten jüngst die Eichenblatt-Träger dieses Großverbandes In 32 Stunden zurück, davon 52 Kilometer zu Fuß. Ständig bedroht vom »Feind«, setzten sie mit Schlauchbooten über Flüsse, transportierten Verwundete, lösten Späh- und Kommandotrupp-Aufgaben und spürten chemische Kampfmittel auf.
In zahlreichen Manövern haben sich die »einsamen Soldaten« bereits bewährt. Allerdings: Weil die Bundeswehr keine geschlossenen Einzelkämpfer-Formationen kennt, haben die Bataillonskommandeure oft Mühe ihre über alle Kompanien verstreuten, vollausgebildeten Waldläufer für einen Jagdtrupp zusammenzutrommeln.
Anders in der US Army: Dort dienen geschlossene Gruppen von »Rangern« sowie die Sondereinheiten der Special Forces ("Green Berets"). Deren Aufgaben indes liegen im Partisanenkampf (SPIEGEL 34,42/1969). Dafür sind die Bundes-Buschmänner weder vorgesehen noch geschult.
Dennoch beeinflußte jahrelang US-Ranger-Drill die deutsche Einzelkämpferausbildung. Ist die Fähigkeit, notfalls auch von Schlangen zu leben, für die auf der ganzen Welt stationierten »Green Berets« nützlich, so kann der Landser in Mitteleuropa auf derart exotische Gruselspeisen verzichten. Getreu dem amerikanischen Vorbild rät gleichwohl die »Fallschirmjäger-Fibel« hungrigen Soldaten: »Fledermäuse, Igel, Mäuse und Krebse dürfen als Lieferanten von Fleisch nicht übersehen werden«, aber »auch Frösche und Schlangen sind ohne große Schwierigkeiten zu fangen und als Nahrungsquelle auszunützen«.
Statt -- wie für Soldaten in Europa im Krieg allemal üblich -- aus dem Lande zu leben und etwa Kartoffelmieten aufzubuddeln, ernährten sich deutsche Einzelkämpfer mühsam nach US-Ranger-Rezept: »Eidechsen haben am Schwanz und Hinterteil das beste Fleisch. Man kann es in Fett braten oder auch in Wildgemüsesuppen kochen« (Fallschirmjäger-Fibel).
Derart abenteuerliche Auswüchse der Waldläufer-Schulung wurden inzwischen auf Bundeswehr-Normalmaß gestutzt. Brotbacken aus feingeraspelter Buchen- oder Kiefernrinde entfällt, dafür üben die Einzelkämpfer das Abkochen der von der Truppe gelieferten Verpflegung. Statt mit acht Mann in zehn Stunden einen vorbildlichen Eskimo-Iglu aus Schneeziegeln zu mauern, lernen sie jetzt, sich seitlich in eine Schneewehe zu wühlen. Das schaffen sie in vier Stunden und sparen unnützen Kräfteverschleiß.
Aus dem Wissen um die eigene Leistungskraft erwuchs den Einzelkämpfern zunehmend Selbstbewußtsein. Wenn sie nämlich bei Manövern auf die legendären US-Ranger stießen, siegten meist die deutschen Waldschrate.
So hetzte in der Übung »Schwaben« Hauptmann Berberich mit der 2. Kompanie des Fallschirmjäger-Bataillons 252 aus Nagold pausenlos »feindliche Partisanen« der Special Forces durchs Gelände, sechs Tage und Nächte lang.
Erschöpfte »Green Berets« boten schließlich schwäbischen Bauern bare Dollars für einen kurzen Erquickungsschlaf in der Scheune. Die Agronomen kassierten -- und verpfiffen alsdann ihre Schlafgänger an Berberichs Jagdkommandos.