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Raus aus der Röhre

aus DER SPIEGEL 24/1994

Bei seinem Abschied wollte Werner Dieter noch einmal glänzen. Anfang Juli, wenn er die Mannesmann-Führung an seinen Nachfolger übergibt, sollte deutlich werden, wie erfolgreich er den Konzern modernisiert hatte. »Wenn die Konjunktur erst wieder richtig anspringt, wird es bei uns einen großen Ergebnissprung geben«, prophezeite Dieter Ende Mai.

Als der autoritäre Manager im September 1985 seinen Spitzenjob antrat, machte Mannesmann noch einen Großteil seines Geschäfts mit Röhren für Gas- und Ölpipelines, ob in Sibirien oder der Nordsee. Dieter investierte Milliarden, um die Abhängigkeit von der siechen Montanindustrie zu mindern. Aus dem Röhrenkonzern wurde mehr und mehr ein Anlagenbauer, ein Hersteller von Elektrotechnik, ein Autozulieferer und eine Dienstleistungsfirma für Mobilfunk (siehe Grafik).

Nach dem Motto »Raus aus der Röhre« kaufte Dieter Firmen auf, wo immer sich eine Chance bot: 1987 den Stoßdämpferproduzenten Fichtel & Sachs, 1990 Krauss-Maffei, einen Maschinenbau- und Rüstungskonzern, ein Jahr später die Tachohersteller VDO und den Autozulieferer Boge.

Eine Strategie war hinter den Aufkäufen nicht immer zu erkennen, Kritikern erschien der neue Mannesmann-Konzern als bunt zusammengewürfeltes Sammelsurium. So mußte Dieter Teile der Computerfirma Kienzle, schon 1982 von seinem Vorgänger erworben, 1990 wieder abstoßen, weil sie nicht in den Konzern paßten.

Die Integration der neuen Firmen kostete Mannesmann zunächst einmal viel Geld. Mit der Rezession drohte die Umstrukturierung des Unternehmens endgültig zum Flop zu werden. Im vergangenen Jahr machten alle Sparten bis auf den Maschinenbau hohe Verluste, der Konzern insgesamt ein Minus von 513 Millionen Mark.

Dieter, zeitweise als Visionär gefeiert, der den trägen Montan-Moloch aus Düsseldorf vor der Pleite gerettet habe, mußte sich harsche Kritik gefallen lassen. Er sei überfordert, hieß es, Börsianer empfahlen, die Mannesmann-Aktie zu verkaufen.

Erst in diesem Jahr wendete sich das Blatt. Der Umsatz nahm deutlich zu, das Ergebnis sei erheblich besser, verkündete Dieter: »Die größten Brocken müßten hinter uns liegen.«

Besonders günstig entwickelt sich die erst 1989 gegründete Mobilfunk-Tochter, die im Juli 1992 den Betrieb für das erste private Telefonnetz aufnahm. Nach Investitionen von mehreren hundert Millionen Mark verdient Mannesmann mit der neuen Dienstleistung in diesem Jahr erstmals Geld.

Mittlerweile mischt Mannesmann im privaten Datenfunk und Netzwerkdienst über eine Tochterfirma mit. Die Düsseldorfer entwickeln zudem ein elektronisches Mautsystem zur Erfassung von Autobahngebühren.

Um weltweit auf den zukünftigen Milliardenmärkten der Kommunikation mitmischen zu können, wurden alle diese Aktivitäten in der Mannesmann Eurokom zusammengefaßt. Rund 600 Millionen Mark, ein Drittel aller Investitionen im Konzern, steckt der ehemalige Montan-Riese allein in diesem Jahr in dieses Geschäft.

Das verspricht sehr lukrativ zu werden. Die Börse, an der Zukunftshoffnungen gehandelt werden, hat dies schon erkannt. Die Mannesmann-Aktie hat - allerdings bei heftigen Kursschwankungen - in den vergangenen Jahren kräftig zugelegt.

Immer wieder sorgen Gerüchte um ausländische Aufkäufer für einen neuen Kursschub. Vor allem der US-Telefongigant AT & T stand in Verdacht, in großem Stil Mannesmann-Papiere aufzukaufen. AT & T-Chef Robert Allen, so das Gerücht, habe erkannt, daß Mannesmann die Perle unter den künftigen Weltfirmen auf dem Telekommunikationsmarkt sei.

[Grafiktext]

__99b Mannesmann-Konzern: Unternehmensbereiche

[GrafiktextEnde]

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