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BUNDESTAG Raus oder nicht?

aus DER SPIEGEL 11/1950

Trotz des Ofens, der in Wolfgang Hedlers Rendsburger 8,2 qm-Dachkammer steht und eine Bullenhitze ausstrahlt, plagt den kirchlichen Hilfswerksangestellten auf seiner Bettcouch der Schüttelfrost. Die Fenstervorhänge in der Flensburger Str. 42 sind zugezogen, weil Hedlers zerschlagene Augen kein grelles Licht vertragen.

Wenn es am Haustor klingelt, kommt Frau Hedler zusammen mit Schwiegersohn Fritz Podschun zur Tür, um den Besucherstrom abzuwehren. Denn Hausarzt Dr. Martens hat ihr die strikte Anweisung hinterlassen, Ehemann Hedler genau 21 Tage im Bett zu halten, »damit er nicht sein Leben lang unter ständigen Kopfschmerzen zu leiden habe.«

Aus Dr. Martens Befund kann sich Hedler jetzt seine Dornenkrone winden: Klaffende Stirnwunde vom Scheitelansatz bis zum rechten Auge. Bluterguß in der Augenhöhle. Der Augenwinkel schimmert in allen Regenbogenfarben.

Dazu mittelschwere Gehirnerschütterung, beide Nieren stark geschwollen, ebenso der Ausgang des Schlüsselbeins, Hautabschürfungen im Genick und an den Ohren, Brustknochen geprellt und 13. Rippe stark angeknockt.

Rechtsaußen-MdB Hedler erlebte seine parlamentarische Auferstehung in der Saar-Debatte des Bonner Bundestages. »Ich war schon eine Woche vorher nach Bonn gefahren, um mir meine 1200 DM Märzdiäten abzuholen. Am 4. März war ich wieder in Rendsburg«, berichtet Hedler abgehackt und mit langen Pausen. »Bei meiner Rückkehr lag eine Depesche von Bundestagspräsidenten Dr. Köhler vor, die mich nach Bonn zur Plenarsitzung rief.«

Die Auferstehung wurde jedoch zum Treppensturz. Das hatte sich schon am Vormittag angebahnt. Da war Hedler unter den Klängen von Kanzler Adenauers Saar-Fanfare als reichsparteilicher Fraktions-Hospitant Anlaß des ersten Aufruhrs geworden.

»Im Plenarsaal erwischte ich einen leeren Stuhl hinter der FDP-Fraktion. Die Regierungserklärung von Adenauer habe ich hier mit angehört. Obwohl sich die SPD auffällig nach mir umsah, geschah nichts.« (Hedler)

Während der Pause, die auf die Kanzlerrede folgte, ging. Hedler ins DRP-Fraktionszimmer. Da der Abgeordnetenplatz von Dr. Richter frei war, sagte Dr. Mießner zu Hedler: »Setzen Sie sich dahin.« So kam Hedler auf Richters Stuhl.

Jetzt erst Brüllen von SPD: »Hedler raus«. Zehn Linke waren bereits zum Reichsbanner-Gedächtnismarsch nach rechts aufgebrochen, als Präsident Köhler sich zu weitherzigster Handhabung der Geschäftsführung gegen Hedler entschloß. (Darauf verhielten die Marschierer durch den Bundestagssaal.)

Köhler verlas eine Erklärung, daß Hedler sich solange jeder parlamentarischen Tätigkeit zu enthalten habe, bis seine Unschuld erwiesen sei. Köhler: »Wollen Sie raus?«

Daß ein Abgeordneter mit entzogener Immunität kein ausgewiesener Abgeordneter ist, durfte DRP-Dr. Mießner zur »Geschäftsordnung« nicht mehr erklären. Dafür zweite Frage Köhlers an Hedler: raus oder nicht?

Hedler blieb im Wirbel demokratischer Hochspannung mit knallrotem Dickkopf solange sitzen, bis Köhler erklärte: »Durch Nichtbeantwortung ausgedrückte Beleidigung des Hohen Hauses wird der Bundestagsabgeordnete Hedler nach § 91 der Hausordnung ausgeschlossen.«

Daß es dafür keine Rechtshandhabe gab, war auch SPD-Kronjuristen Arndt entgangen. Der hatte noch eine Woche vorher sein Gewicht von »25 Jahren Dienst am Recht« in die Debatte geworfen. Nun stand er an der Spitze des SPD-Radau-Unrechts.

So konnten später die SPD-Abg. Rudolf Ernst Heiland und Herbert Wehner bei ihrer Hausknechtsstrategie an die Legalität ihrer Fäuste und Stiefelspitzen glauben.

Nach seiner Ausweisung aus dem Plenarsaal war Hedler abermals ins DRP-Fraktionszimmer gegangen. Hungrig geworden, enterte Hedler das Restaurant. Da war kein Stuhl frei. Dafür waren Kanzler-Interviewer Hal Williams von »Baltimore Sun« und ap-Kollege Nortmann da.

»Hier nicht«, sagte Hedler und schleuste die beiden Zeitungsleute durch den Vorraum des Plenarsaals in den Bundes-Ruhesalon »Nur für Abgeordnete«. Als er den beiden seine neuesten Ideen produzierte, wurde allen Dreien plötzlich der Rundtisch unter den Kugelschreibern demontiert. SPD-Heiland war erschienen, um den schwarz-weiß-roten Tempelschänder aus Bonns Parlaments-Heiligtum zu vertreiben.

»Sie schämen sich wohl nicht, sich von solch einem Kerl etwas über Demokratie sagen zu lassen, statt sich mit der Saarfrage zu beschäftigen«, wurde »Baltimore Sun«-Williams und ap-Nortmann von Heiland angeblasen.

Dann krempelte Heiland die Aermel auf. Hedler fiel aus Polsterpfühlen unsanft in die angerauhten Hände eines SPD-Rollkommandos. Heilands und Wehners Schlägermienen vor kampfbereitem Achtmänner-Kordon trieben Hedler zur Flucht durch die Wandelgänge.

Auf das Feldgeschrei des SP-Rollkommandos »Raus, Du Nazi-Lump!« keuchte Hedler: »Feigheit!« - »Durch den Hintereingang des Bundeshauses wurde ich mit Fußtritten rausgetreten und fiel draußen zu Boden.« (Hedler)

Dort erst raffte er sich zur Andeutung einer Marschpause auf, was ihn »auf der Treppe zu Fall brachte«, wie SPD-Pressereferent Manthey am Abend druckreif formulierte.

»Kaum hatte ich mich aufgerafft, schlugen sie wieder auf mich ein, so daß ich erneut hinschlug. Unter ihren Fußtritten rief ich noch 'So feige könnt nur Ihr sein!' Man schlug aber weiter, bis ein Polizist kam und mich ins Fraktionszimmer führte.« (Hedler)

DRP-Dr. Mießner war entsetzt. Mit Fritz Sängers Volksvertreter-Handbuch konnte Hedler vier SPD-Schläger identifizieren: Rudolf Ernst Heiland (Ergänzungsliste Nordrhein-Westfalen), Herbert Wehner (Wahlkreis Finkenwerder-Wilhelmsburg-Harburg). Alfred Gleißner (Wahlkreis Unna-Hamm) und Ernst Roth (Wahlkreis Neustadt/Haardt-Kirchheimbolanden). »Selbstverständlich werde ich gegen alle Strafantrag stellen«, röchelt Hedler unter seinem Kopfverband.

Polizeichef Hüßken geleitete Hedler sicher zum Bundeshaus-Feldscher. Der kühlte und pflasterte Hedlers Wundmale. So effektuiert stellte sich der schwarz-weißrote Märtyrer den Photographen.

Dann offerierte er der Presse, dummdreist wie immer, die Zuversicht des siegreich Unterlegenen. »Diese Propaganda wäre mit 200000 DM nicht zu hoch bezahlt.«

Konrad Adenauers außenpolitische Fingerspitzenbrisanz lieferte ihm ein weiteres Stichwort: »Wir wollen bei uns keine französischen Sitten einführen.«

Inzwischen war DRP-Dr. Mießner auf Erich Köhlers Präsidenten-Hochsitz geklettert, um ihm einen schriftlichen Frontbericht zuzustellen. Er forderte, sofort den Aeltestenrat einzuberufen.

Diese Uebung hatte Dr. Erich Köhler anläßlich der Götzendorff-Bodensteiner-Schlägerei im Januar selber eingeführt. Nun paßte sie ihm nicht in den Kram. Denn Köhler wollte diesmal seine Feinde lieben. Das waren die SPD-Leute, die immer an seinem schwarzhölzernen Plenar-Thron rütteln. Als er die Scherben betrachtete, die seine Verfahrensweise angerichtet hatte, verzog er sich in seine Gemächer. »Um über den Fall in Ruhe nachzudenken.«

Als Hedler anfangs März im Bundesparlament war, erwartete Erich Köhler bereits den ersten Orkan. Eilig rief er seinen Stellvertreter Carlo Schmidt an und bat fernmündlich: »Den Anfang der Sitzung leiten Sie doch bitte, ich bin heute indisponiert.« Das war klug, aber Hedler war noch klüger. Er steuerte nur die Bundeskasse an, um im Schweiße seines Angesichts erworbene, steuerfreie und pränumerando zablbare 1200 DM Diäten einzustecken.

Des Präsidenten Schiff saß längst einmal wieder auf Grund, als das Rollkommando der Volksvertreter mit dem Ruf »Wir lassen uns nicht noch einmal im KZ die Knochen polieren«, von der Wahlstatt zurückkehrte. Die Demokratie schützt sich diesmal selbst mit Sturmstaffeln. Sie fängt im Parlament damit an. Vorerst hat sie einen Feind der Demokratie mit der Gloriole erlittenen Unrechts umkränzt.

* Unrecht war: daß Präsident Köhler einen Abgeordneten von der Bundestagssitzung ausschloß, dessen Abgeordneteneigenschaften bisher durch keinen legitimen Spruch eingeschränkt sind,

* daß faustgewaltige Demokraten einen bisher noch nicht abgeurteilten Nichtdemokraten nach Wirtshausmanier behandelten,

* daß der Präsident Dr. Erich Köhler es unterließ, nach der Schlägerei im Bundestag, die nicht die erste war, sofort ein Exempel zu statuieren,

* Recht wäre gewesen: wenn Präsident Köhler nach dem Auftauchen Hedlers im Plenarsaal einen Beschluß herbeigeführt hätte, die Sitzung in Anwesenheit Hedlers nicht weiterzuführen.

* Nicht in erster Linie unrecht, sondern darüber hinaus unklug ist es, daß Demokraten das Prügeln angefangen haben. Die Gegenseite wird im Prügeln geübter sein, wenn sie stärker wird. Daß sie stärker wird, kann zumindest nicht durch Prügel verhindert werden.

Zweimal täglich ruft die DRP-Fraktion aus Bonn die Nummer Rendsburg 2368 an. Dann nimmt Frau Hedler den Hörer auf und berichtet, wie es dem Bettlägerigen geht. Schwiegersohn Fritz Podschun notiert dafür alles, was Bonn verlangt.

Denn kaum hatte Hedler seinen Rendsburger Backsteinbau erreicht, als schon die ersten Blumensträuße von Dithmarschen bis zur Schleimündung in der Flensburger Straße 42 abgegeben wurden.

Wird die Immunität des SPD-Rollkommandos aufgehoben, bekommt diesmal Hedler seinen Prozeß. Und die Märtyrerkrone dazu. Erich Köhler hat alles vorbereitet. Er kann den Ruhm für sich in Anspruch nehmen, einer der hartnäckigsten Präsidenten zu sein, der je auf seinem Stuhle sitzen bleiben wollte.

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