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Reagan: »Wir könnten wieder losschlagen«

Nach dem nächtlichen Bombenangriff auf Tripolis läßt sich US-Präsident Ronald Reagan daheim als erfolgreicher Terroristen-Bekämpfer feiern - und verdrängt die außenpolitischen Schäden seiner Aktion. Durch gezielte Indiskretionen versuchte er, die Europäer im nachhinein als scheinheilige Komplicen bloßzustellen. *
aus DER SPIEGEL 18/1986

Zuerst machte im Hafen von Tripolis eine sowjetische Fregatte fest: auf dem Deck, deutlich erkennbar, Flugabwehrraketen, Funk- und Radaranlagen. Vorigen Mittwoch erschien dann gar ein kleiner Flottenverband, angeführt - so stolz die libysche Nachrichtenagentur Jana - von drei Kreuzern.

Auf der anderen Seite des Mittelmeeres sicherte Frankreich seine Küste zwischen der italienischen und der spanischen Grenze mit zusätzlichen Radargeräten und Flugabwehrraketen. Italien versetzte seine Küstenwache in erhöhte Bereitschaft. Denn Gaddafis Vergeltung für Ronald Reagans Bombenangriff stand noch aus. Nach neuen Terrorakten schien Gefahr im Verzug.

In Beirut brachte vergangenen Mittwoch eine angeblich dem mysteriösen Top-Terroristen Abu Nidal verbundene »Revolutionäre Organisation sozialistischer Moslems« ein grausiges Videoband in Umlauf: An einem Galgen hing, unter schwarzer Augenmaske kaum zu erkennen, ein Mann, der laut Begleittext aus Rache für den US-Angriff und die britische Komplicenschaft hingerichtet worden war - der vor über einem Jahr im Libanon gekidnappte britische Journalist Alec Collet, 64.

Kurz darauf verwüstete eine Bombe mitten in Londons Einkaufsmeile Oxford Street ein Büro der »British Airways« mit Schaltern auch von »American Express« und »American Airlines«.

Spätestens zehn Tage nach ihrem Luftschlag gegen Libyen hätte eigentlich auch die Regierung in Washington erkannt haben müssen, daß die Bombenoperation im Kampf gegen den internationalen Terrorismus »keineswegs ein klarer Erfolg« war ("Newsweek"): *___Die Sowjets, zunächst auf Abstand zu ihrem ____unberechenbaren Schütz ling Gaddafi bedacht, gaben ihm ____nun, um nicht weltweit vor ihren Klienten in der ____Dritten Welt das Gesicht zu verlieren, ein Minimum an ____propagandistischer Unterstüt zung; *___Terroristen jeglicher Herkunft und Schattierung bombten ____und töteten weiter - durch die US-Attacke an scheinend ____eher herausgefordert als eingeschüchtert; *___Amerikas Militärs mußten einräu men, daß es beim ____Angriff auf Libyen erstaunlich viele Pannen und Proble ____me gegeben hatte (siehe Seite 146); *___in den USA selbst mehrten sich die kritischen Fragen ____nach Sinn und Er folg des Unternehmens, stornierten die ____Amerikaner aus Angst vor Terro risten ihre ____Europa-Besuche - obwohl das Bombardement ja gerade ____terrori stische Täter hätte abschrecken sol len (siehe ____Seite 149).

Doch Ronald Reagan und seine wichtigsten Berater taten so, als hätten sie mit dem »praktisch fehlerlosen« Schlag, »der kaum ein Vorbild hat in den Annalen des US-Militärs« (Pentagon-Sprecher Robert Sims), beinahe alles erreicht, was sie erreichen wollten.

Gaddafi, so ließ die CIA durchsickern, zeige seit dem Angriff deutliche Anzeichen manisch-depressiven Verhaltens, sei wahrscheinlich noch stärker als zuvor abhängig von Schlaftabletten. Aufputschmitteln und Halluzinogenen.

Außerdem frohlockte man in Washington, daß Gaddafi daheim bereits teilentmachtet und nur noch einer von fünf Junta-Offizieren an der Spitze des Landes sei. Da war wohl Wunschdenken am Werk. Gaddafi, meldeten Diplomaten aus Tripolis, »sitzt nach wie vor im Führersessel«.

US-Sprecher zitierten - anonyme - arabische Politiker, die angeblich bedauert hätten, daß Gaddafi bei dem Angriff am Leben geblieben sei.

Die Absicht hinter solchen Indiskretionen war offenkundig: Die Regierung Reagan wollte bei aller Welt, vor allem aber bei den eigenen Landsleuten (und bei Gaddafi), den Eindruck erwecken, daß insgeheim weit mehr Regierungen dem Bombardement zugestimmt hätten, als in öffentlichen Erklärungen zum Vorschein gekommen war.

Dies wurde noch deutlicher, als der Präsident selbst Mitte voriger Woche wiederholte, was im US-Außenministerium schon unmittelbar nach dem Angriff als Gerücht ausgegeben worden war: daß mehrere europäische Verbündete, allen voran Frankreich, die amerikanische Aktion nur deswegen abgelehnt hätten, weil sie ihnen nicht weit genug gegangen sei.

Ein Außenamts-Diplomat: »Die Franzosen wollten, daß wir richtig draufhauen - und dann gleich selbst ein paar Mirage-Flugzeuge mitschicken.«

Tatsächlich hatte Staatschef Francois Mitterrand, glaubt man den ebenfalls nicht ganz eindeutigen französischen Darstellungen, dem Reagan-Emissär Vernon Walters in der Woche vor dem Angriff erklärt, über eine umfassende Aktion zur Beseitigung Gaddafis könne man reden; ein Nadelstich, der den _(Im libyschen Fernsehen am Tag nach dem ) _(ameri kanischen Bombenangriff. )

Libyer in der arabischen Welt womöglich zum Heroen mache, sei wenig sinnvoll. Das mußte keineswegs bedeuten, daß die Franzosen zu einer weitergehenden Aktion bereit gewesen wären, sie wollten womöglich die Amerikaner mit derlei Argumenten nur vom Dreinschlagen abhalten.

Ähnlich scharfmacherisch wie Paris, so wurde in Washington kolportiert, hätten sich unterderhand auch der sozialistische Regierungschef Bettino Craxi in Rom und der Christdemokrat Kohl in Bonn geäußert - was diese sogleich mehr oder weniger aufgeregt dementierten.

Für das rechte Amerika spielte es keine Rolle, wer da die Wahrheit sagte. Ermuntert vom Präsidenten, der »keine Entschuldigung« fand für die Verweigerung der Überflugrechte durch die Franzosen, machten sich seine Freunde fast ein Vergnügen daraus, neben dem Libyer erst einmal die Europäer als die Hauptschuldigen an dem Gewaltschlag bloßzustellen - und sie mit ihren Indiskretionen zugleich nachträglich an der Gewaltoperation zu beteiligen.

»Wenn unsere »Nato-Verbündeten es nicht über sich bringen«, so die rechte »Washington Times«, »uns gegen einen mordenden Verrückten wie den Oberst Gaddafi zu unterstützen, was für einen Wert hat dann, um Himmels willen, das Atlantische Bündnis? Wer glaubt denn, daß dieselben Leute, die sich von den Libyern einschüchtern lassen, den Russen Widerstand leisten würden?« New Yorks Bürgermeister Ed Koch, sonst gewiß kein Reagan-Freund, stimmte zu: Amerika solle jene Nato-Verbündeten bestrafen, die den Angriff auf Libyen nicht unterstützt hatten. Wie? Durch Abzug der US-Truppen und deren Verlegung nach Großbritannien!

Als die Europäer dann - Folge ihres gemeinsamen Beschlusses unmittelbar vor dem Bombenflug - Gaddafis Landsleute reihenweise auswiesen, als die EG den Libyern sogar das Privileg entzog, sich weiterhin mit subventionierter EG-Butter zu versorgen, wurde das in Washington als Erfolg des energischen amerikanischen Handelns gewertet. Sogar die atlantisch eingestellte »New York Times« fragte sarkastisch, ob nicht »diese Art von Solidarität unter Verbündeten, wäre sie denn vor einem Jahr zustande gekommen, sehr wohl unschuldigen Menschen, auch Libyern, das Leben hätte retten können?«

Ronald Reagan kündigte unterdessen an, daß er fortfahren werde mit seiner Politik, Terror durch Terror zu beantworten, auch gegen Syrien und den Iran.

Zwar sei es da »sehr viel schwieriger«, Beweise für einen staatlich unterstützten Terrorismus zu finden als bei Gaddafi. Aber wenn es »unwiderlegbare« Beweise gäbe, dann werde man auch gegen Damaskus und Teheran losschlagen: »Ich denke, wir könnten es wieder tun.«

Das mochte nicht einmal der im Kampf gegen den Terrorismus als Ober-Falke ausgewiesene Außenminister George Shultz so stehenlassen: Es gebe »keinerlei Pläne für solche Operationen«, beschwichtigte er.

Doch schon bald könnte sich der Präsident als Gefangener seiner Rhetorik wiederfinden. Beinahe täglich verpflichtet er sich aufs neue, wieder zuzuschlagen wann immer das notwendig werde.

Überzeugt, das Richtige getan zu haben, und getragen »von den Winden der Freiheit«, will er seine Botschaft nun auch beim Weltwirtschaftsgipfel der sieben führenden Industrienationen Anfang Mai in Tokio verbreiten.

Das jährliche Gipfelritual hat ihn schon immer gelangweilt - und so will er es diesmal umwandeln: in eine Debatte über den gemeinsamen Kampf gegen den Terrorismus mit anschließender Verpflichtung aller Teilnehmer.

Den Gipfelpartnern steht einiges bevor. Denn inzwischen hat der US-Präsident nach Gaddafi noch einen zweiten Paten des internationalen Terrorismus ausgemacht - das Sandinisten-Regime in Nicaragua, »das versucht, ein Libyen direkt vor unserer Haustür aufzubauen«.

Bei einer Militäraktion gegen Nicaragua müßte Ronald Reagan wenigstens niemanden um Überflugrechte bitten. Mittelamerika ist über die See von den USA aus leicht zu erreichen.

Im libyschen Fernsehen am Tag nach dem ameri kanischenBombenangriff.

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