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Reagan: »Wir schießen zurück«

Amerikanische Flugzeuge gegen libysche Schiffe, amerikanisches Geld zur Bekämpfung Nicaraguas, amerikanische Politiker im Wortkrieg gegen die Sowjet-Union, Beschützer Libyens und Nicaraguas: Vier Monate nach dem Genfer Gipfel ist der »Geist von Genf« verweht, steuert Präsident Ronald Reagan wieder Konfliktkurs. *
aus DER SPIEGEL 14/1986

Es waren angeblich nur »friedliche Manöver«, die Amerikas 6. Flotte vor der libyschen Küste abhielt. Aber geschossen wurde dann doch - genau nach Plan.

Die Flugzeuge der amerikanischen Trägergruppen übten bei ihren wochenlangen Manövereinsätzen vor allem eines: Angriffstaktik gegen die Stellungen der libyschen SA-5-Raketen bei der Stadt Sirt. Geheime Einsatzakten (Aufschrift: »Ready Strike") wurden angelegt.

Die rund 250 Kilometer weit reichenden Raketen hatte Moskau seinem Schützling Gaddafi zum Jahreswechsel verehrt. Anfang voriger Woche schlug die 6. Flotte dann zu. Die von den Sowjets gerade erst aufgebauten und möglicherweise mit Russen besetzten Flugabwehrstellungen wurden von amerikanischen Luft-Boden-Raketen getroffen, drei libysche Kriegsschiffe mit insgesamt 90 Mann Besatzung versenkt.

Am Montag, kurz nach den 9-Uhr-Nachrichten des libyschen Rundfunks, unterbrach der Sender sein Programm und brachte vier Stunden lang nur Marschmusik. Erst gegen 12.30 Uhr verkündete der Sprecher, amerikanische Kampfflugzeuge hätten angegriffen, Libyen habe Tote und Verletzte zu beklagen, »Märtyrer der arabischen Revolution«.

Gaddafis Stimme ließ nicht auf sich warten. »Ich schwöre, daß das libysche Volk sich für dieses Verbrechen der Amerikaner rächen wird. Sie wollen mit ihrer Flotte das Meer, das einst Wiege der Kultur und der Zivilisation war, in ein Meer von Flammen verwandeln. Aber ich sage ihnen ganz eindeutig: Nähert euch nicht dem 32. Breitengrad, denn sonst werden wir euch vom Himmel herunter holen, wie abgeschossene Enten.«

Dann wieder Marschmusik und abermals Gaddafi: »Wir müssen eine internationale revolutionäre Front bilden, um diesem amerikanischen Drachen die Stirn bieten zu können. Che Guevara rief nach ein, zwei, drei Vietnams für die Amerikaner. Ich rufe jetzt: Bereitet den Amerikanern und ihrem drittklassigen Schauspieler-Präsidenten tausend Vietnams.«

In Washington erklärte Larry Speakes, Sprecher dieses Präsidenten, zu dem Kriegseinsatz: »Ich kann das nicht als Krieg bezeichnen.«

Das war es natürlich auch nicht. Doch aus Washington kamen in der vergangenen Woche Signale, die zeigten, wer mit dem Angriff auf Libyen gemeint war - die Sowjet-Union, angeblich Schutzherr Gaddafis - und in welche Konzeption von Außenpolitik sich die Aktion im Mittelmeer einfügt: *___Verteidigungsminister Caspar Weinberger malte ein ____Horrorgemälde sowjetischer Überrüstung, deren ____technologische Basis »teils bei uns gestohlen« sei. *___Außenminister George Shultz erklärte, das sowjethörige ____Nicaragua habe soeben »eine größere Invasion« des ____Nachbarstaates Honduras unternommen.

Ein »Hilfeersuchen« des mittelamerikanischen Kleinstaates, in dem US-Truppen schon seit Anfang März mal wieder Manöver abhalten, erreichte Washington, nachdem Truppen der linken Regierung Nicaraguas offenbar versucht hatten, Lager der rechten »Contras« auf honduranischem Staatsgebiet auszuräuchern. Den Honduranern stiftete der Präsident 20 Millionen Dollar Nothilfe, nachdem ihm das Repräsentantenhaus 100 Millionen für die Contras abgelehnt hatte. Hubschrauber der US-Streitkräfte flogen honduranische Soldaten in ihre Einsatzräume - so ähnlich hatte auch Amerikas Engagement in Vietnam begonnen.

Jäh wurden die Feindbilder der amerikanischen Außenpolitik wiederbelebt - nur vier Monate nachdem der »Geist von Genf« ein besseres Verhältnis zwischen den beiden Supermächten ankündigte.

Genf legte aber offenbar auch den Grundstein für die neuerliche Konfliktpolitik der USA. Denn der Gipfel schien jenen in Washington recht zu geben, die immer behauptet hatten, nur wenn man den Sowjets hart und kompromißlos gegenübertrete, könne man auch mit ihnen ins Gespräch kommen.

Wie wenig vom Geist der Verständigung geblieben ist, machte Ronald Reagan selbst in einem Interview am vorigen Montag klar. So als habe er keineswegs mehr die Absicht, den Chef der gegnerischen Supermacht in diesem Jahr wie vereinbart wiederzutreffen, verkündete er, daß er es überhaupt nicht bedauere, die Sowjet-Union »das Reich des Bösen« genannt zu haben. Zwar habe er sich in der Vergangenheit »taktvoll um Mäßigung bemüht«, im Prinzip aber seien die Sowjets nach wie vor »die größte Bedrohung des Friedens«.

Dabei hatten sich die Sowjets nach Genf freundlich gezeigt, die sowjetischamerikanischen Kontakte sich belebt.

Zu Neujahr zelebrierten die beiden Chefs Fernsehauftritte für das Land des jeweils anderen. Wöchentlich treffen sich sowjetische und amerikanische Delegationen und erreichten bereits Fortschritte in den Bereichen Handel, Kulturaustausch und wissenschaftliche Zusammenarbeit.

Als Zeichen sowjetischen Entgegenkommens wurden auch die Freilassung des jüdischen Dissidenten Anatolij Schtscharanski und Moskaus Versprechen gewertet, 40 (von etwa 200) Auswanderungsverfahren, für die sich die USA einsetzen, positiv zu beantworten.

Die Freundlichkeiten verdeckten indes, daß in den entscheidenden politischen Fragen - SDI, Reduzierung von Nuklearwaffen, Teststopp-Vertrag und die politische Lösung regionaler Konflikte - die Standpunkte so unvereinbar

waren wie zuvor. Daß es im Verhältnis der Supermächte »gottlob keine Fortschritte« gegeben habe, war die freudige Bilanz, die der konservative Kommentator George Will zog. Und verbal fielen die Großmächte sogar wieder auf den Stand vor Genf zurück.

Präsident Reagan und seine Regierung haben daran den größeren Anteil. Moskau sammelte mit publicityträchtigen Vorschlägen Pluspunkte: vollständige Abschaffung der Atomwaffen bis zum Jahr 2000, Verlängerung des sowjetischen Teststopp-Moratoriums bis zum nächsten US-Versuch, ein Zeitplan zum Abzug aus Afghanistan. Dem hatte die sonst so publizitätskundige US-Regierung nicht viel entgegenzusetzen.

Die Amerikaner erklärten Gorbatschows Null-Lösung schlicht für unseriös; die Sowjets zweifelten - wie Gorbatschow dem Kreml-Gast Edward Kennedy erklärte - unverändert am amerikanischen Abrüstungswillen.

Reagan versuchte, Gorbatschows Abrüstungsvorschlag dadurch zu kontern, daß er Teile des ohnehin schon visionären Planes gar noch schneller als Gorbatschow verwirklichen möchte. Er fordert den Abbau aller nuklearen Mittelstreckenwaffen in Ost und West innerhalb von drei Jahren mit Verifikationsmöglichkeiten vor Ort, ein wohl nicht ernstgemeinter Vorschlag. Weder Außenministerium noch Pentagon hatten ihn erarbeitet, sondern Reagan selbst im Flugzeug, einer spontanen Eingebung folgend.

Zwangsläufig geriet der in Genf verabredete Gipfel-Fahrplan in Gefahr. Nachdem in Moskau Zweifel am für den Sommer vorgesehenen nächsten Treffen laut geworden waren, schimpfte Reagan: »Wenn er (Gorbatschow) dieses Jahr nicht hierher kommt, werden die mich im kommenden Jahr auch nicht in Moskau zu Gesicht bekommen.«

Im Laufe dieses Monats belasteten die Amerikaner das Verhältnis durch eine Reihe unnötig provozierender Maßnahmen: *___Anfang März forderten sie Moskau ultimativ auf, ____innerhalb von zwei Jahren das Personal der sowjetischen ____Uno-Mission in New York von 275 auf 170 Mitarbeiter zu ____kürzen. *___Eine Woche danach fuhren amerikanische Kriegsschiffe ____durch sowjetische Hoheitsgewässer im Schwarzen Meer - ____in Wahrnehmung ihres »Rechts auf unschuldige Passage«, ____wie Washington erklärte. *___Noch einmal eine Woche später testeten die USA, gegen ____den Protest von nahezu 60 Mitgliedern des Kongresses ____und ohne Rücksicht auf den von Gorbatschow geforderten ____Teststopp, in der Wüste von Nevada unterirdisch eine ____Atombombe. *___Und vor seinen versammelten Nato-Kollegen brüskierte ____Weinberger schließlich die Sowjets mit dem definitiven ____Bescheid: »SDI ist kein Verhandlungsobjekt.«

Der Kreml hielt sich dagegen in seiner Rhetorik zurück. Zwar durfte »Tass« bellen, aber als beispielsweise Moskaus neuer Premier Nikolai Ryschkow am Rande der Beerdigung Olof Palmes mit Reagans Außenminister George Shultz zusammentraf, erwähnte er nicht einmal die Ausweisungsorder der USA für die sowjetischen Uno-Diplomaten.

Während Moskau offenbar noch nicht recht weiß, was es von der neuen politischen Aggressivität der USA halten soll, wurde deutlich, daß die Konfrontation mit Libyen, die Eskalation in Mittelamerika und die Verhärtung der amerikanischen Ostpolitik verschiedene Aspekte einer einzigen Politik sind, die sich aus Reagans Weltsicht erklärt.

Seine republikanischen Vorgänger Nixon und Ford hatten den relativen Niedergang der Macht Amerikas in der Welt auf unabwendbare, außerhalb der USA sich vollziehende Prozesse zurückgeführt, zum Beispiel die Entkolonialisierung. Folgerichtig betrieben sie eine Außenpolitik, die auf Stabilisierung des internationalen Machtgefüges zielte.

Für Ronald Reagan aber war der Verlust amerikanischer Vorherrschaft hausgemacht, seine Vorgänger, Republikaner wie Demokraten, hatten sie leichtfertig verspielt. Sein Ziel: Die USA müssen wieder stark werden.

Die größte Sicherheit, so trichterte Reagan vom ersten Tag seiner Amtszeit an seinen Landsleuten ein, biete militärische Stärke. Seinem Sicherheitsbedürfnis mochte er lieber durch Verwirklichung seiner »Star Wars«-Träume

Rechnung tragen als durch zweifelhafte Rüstungskontrollabkommen mit einer Macht, der er nun mal nicht traut.

Weit davon entfernt, seine zweite Amtszeit wie vielfach vorausgesagt zu einem Ausgleich mit den Sowjets zu benutzen und möglichst als »Friedenspräsident« in die Geschichte einzugehen, will Reagan die unterstellte Expansion der Sowjets und ihrer »Klienten« nicht mehr nur begrenzen, sondern umkehren.

Die neueste semantische Verkleidung der »Reagan-Doktrin« vom Rollback heißt »demokratische Revolution«. Eine wachsende Anzahl von Staaten, so beschrieb es Reagan am 14. März in einer Botschaft an den Kongreß, teile »Amerikas Verpflichtung zu nationaler Unabhängigkeit und Volksherrschaft.«

Diesen »weltweiten Trend« gelte es zu stärken: in Afghanistan, Angola, Kambodscha, Äthiopien und Nicaragua (Libyen fehlt wohl, weil Gaddafi nur noch in der Terrorismus-Abteilung geführt wird). Diese Staaten »stellen eine einzigartige Bedrohung des Friedens dar«.

Die »diplomatischen Hoffnungen (der Amerikaner) hängen nun davon ab, ob die Sowjets einsehen, daß ein Sieg unmöglich ist«. Und aus diesem Grunde »verdienen Widerstandskräfte, die gegen kommunistische Tyrannei kämpfen, unsere Unterstützung«.

Unbeschwert vom Zwang, sich nochmals zur Wahl stellen zu müssen, hat Reagan sich in seiner zweiten Amtszeit mit einem Beraterstab umgeben, in dem nahezu kein Vertreter einer flexiblen Außenpolitik mehr sitzt.

Nach Ansicht von Shultz beispielsweise ist die Vorstellung »absurd«, das Völkerrecht hindere die Amerikaner daran, Terroristen zu Wasser, zu Lande und in der Luft zu fangen oder »gegen Staaten vorzugehen, die Terroristen oder Guerillas unterstützen, ausbilden und ihnen Unterschlupf gewähren«.

Allen voran gilt dies für Libyens Gaddafi, »hinter dem wir her sein müssen«, so Shultz, selbst dann, wenn die Beweise von Gaddafis Beteiligung an Terrorakten »in letzter Sicherheit und Klarheit« fehlen. Gaddafi hat im Weltbild von George Shultz den Stellenwert, den Karthago für den altrömischen Staatsmann Cato hatte: »Gaddafi muß zurückgestutzt werden.«

Derlei Sprüche sind so recht nach dem Geschmack des Sicherheitsberaters Admiral John Poindexter, der kompromißlos den Einsatz militärischer Macht als Mittel der Diplomatie befürwortet.

Seinem Vorgänger Robert McFarlane sagte zwar niemand Weichheit gegenüber den Kommunisten nach - innerhalb der außenpolitischen Laienspielschar des Weißen Hauses aber war er der einzige mit tieferem Verständnis für außen- und sicherheitspolitische Zusammenhänge. Poindexter hingegen gilt als typischer Soldat und erklärter Verteidiger der Star-Wars-Träume seines Präsidenten.

Poindexter gelangte an die Spitze des Nationalen Sicherheitsrates mit Hilfe des Mannes, dessen Macht und Einfluß im Weißen Haus nur noch von Präsidenten-Gemahlin Nancy übertroffen werden: Stabschef Donald Regan, 67. Während unter seinem Vorgänger James Baker dem Präsidenten stets eine Vielzahl von Entscheidungsmöglichkeiten vorgelegt wurde, bekommt er von Regan jeweils nur eine Perspektive aufgezeigt.

Die Meinungsvielfalt ist insoweit innen- wie außenpolitisch abgeschafft. »Don Regan hat eine Pyramide gebaut«, so einer seiner Mitarbeiter, »an deren Spitze er selbst steht und alle anderen unter ihm.«

Das hat in seinem Ressort auch Kommunikationsdirektor Buchanan getan, Reagans erzkonservativer Redenschreiber. Aus seiner Feder stammen die mittlerweile schon legendären Floskeln, mit denen sich der US-Präsident gegen die kommunistische Weltverschwörung munitioniert.

Buchanan stellte die Contra-Rebellen in Nicaragua moralisch auf eine Stufe mit den ehrenwerten »Founding Fathers« der USA. Reagan verkündete es und auch, daß er »selbst ein Contra« sei.

Ideenschmied Buchanan, irischer Abkunft wie Reagan, ist wahrscheinlich der konservativste Mitstreiter unter den konservativen Entscheidungsträgern in Washington. Unbeirrt folgt er der »korrekten Lehrmeinung« seiner katholischen Kirche, daß »der große ideologische Feind von Christentum und Katholizismus der Kommunismus« sei.

Die eigentliche Triebfeder der neuen Außenpolitik im Zeichen der »Reagan-Doktrin« aber ist ein Geheimdienstmann: William Joseph Casey, 73, Chef der CIA. Mit missionarischem Eifer unterstützt Casey antikommunistische Rebellen, in Angola etwa und Afghanistan. Die militärische Schlagkraft dieser Gruppen wird zunehmend in Washington bestimmt, bis hin zu den letzten Details - im Raum 208 des Old Executive Office Building neben dem Weißen Haus.

Dort trifft sich regelmäßig eine kleine Gruppe von Herren, die Reagans Vision von der »Großfamilie freier Nationen« verwirklichen will - hauptsächlich mit Hilfe »kleiner schmutziger Kriege«.

Zum »208-Committee« gehören Sicherheits- und Militärexperten wie Staatssekretär Fred Ikle aus dem Pentagon. Das Hauptkontingent stellen Geheimdienstspezialisten wie Morton Abramowitz vom Außenministerium, Clair George, Chef der CIA-Unterabteilung für »Geheime Dienstleistungen«, und - vor allem - Geheimdienstchef Casey.

Unter Caseys Führung überwachen die 208er die weltweiten »Buschfeuer« in Gegenden, wo die Interessensphären der beiden Supermächte aneinanderstoßen. Sie planen und veranlassen die Schachzüge der Amerikaner.

Die Komitee-Mitglieder legen die Menge und Art der Waffen fest, die Freiheitskämpfern geliefert werden sollen. Sie bestimmen die Zwischenlager für Gewehre, Granatwerfer und Munition, sie benennen die Mittelsmänner, die das Kriegsgerät zu geheimen Landepisten

fliegen, wo es von den jeweiligen Rebellen abgeholt werden kann.

Die Geheimdienstausschüsse des Kongresses erfahren von alldem erst, wenn die Feldzüge der »dirty little wars« bereits laufen.

Casey, seinerzeit Wahlkampfmanager Reagans in der Schlacht gegen Jimmy Carter, genießt das uneingeschränkte Vertrauen des Präsidenten. »Reagan sieht in dem smarten Casey den Mann, der ihm ins Weiße Haus verhalf«, beschreibt ein alter Casey-Freund aus New Yorker Kanzleitagen die Bindung zwischen Präsident und Geheimdienstboß, »ein Verhältnis wie zwischen Schauspieler und seinem Agenten«.

Seit den Tagen des berühmten Allan Dulles hat kein Direktor der CIA so viel Einfluß auf einen US-Präsidenten gehabt wie Casey. Casey bietet nach dem Urteil von Insidern die Gewähr, die Vorstellungen des Präsidenten mit dem Instrumentarium der CIA zu verwirklichen.

Als Casey 1981 das Amtszimmer des CIA-Direktors im siebten Stock der Geheimdienstzentrale zu Langley bei Washington bezog, wurde die Marschrichtung des neuen Chefs schnell deutlich. Casey verlangte mehr Geld, mehr Personal, mehr Aktivität. Er erreichte alles. Unter ihm wurde die CIA stärker ausgebaut als je ein Geheimdienst in Friedenszeiten, zu »einem tödlichen Instrument«, wie die »Washington Post« schrieb.

In den ersten drei Jahren erhöhte sich das Budget des Geheimdienstes um jeweils mehr als 20 Prozent. Es liegt derzeit bei etwa 1,8 Milliarden Dollar jährlich.

Vorbei die Behutsamkeit, die sich »die Firma« (CIA-Jargon) Ende der 70er Jahre bei der Anwerbung neuer Mitarbeiter auferlegt hatte. »Vielleicht haben wir einen Job für Sie«, lautete die Schlagzeile einer Stellenangebotsanzeige der CIA, die jüngst in großen US-Zeitungen erschien. Erfolg: 250000 Amerikaner schickten ihre Bewerbungsschreiben, 10000 wurden zu Vorstellungsgesprächen gebeten, 1400 schließlich eingestellt.

Das überraschende Interesse zeigte den Geheimdienstlern, daß der üble Ruf, unter dem die CIA in der Nach-Vietnam-Ära gelitten hatte, offenbar vergessen ist. CIA-Experten wagen sich wieder an die Universitäten, heuern Studenten an, organisieren Seminare und Tagungen, vergeben Forschungsaufträge an Institute und einzelne Professoren. Eine jetzt erschienene Studie über das Verhältnis der USA gegenüber regierenden Diktatoren in aller Welt etwa ist ein von der CIA angeregtes und teilfinanziertes Projekt.

Mit dem Anspruch und dem Auftrag angetreten, sowjetische Infiltrationen weltweit zu stoppen, wurde Casey aktiv: *___In Afghanistan verpulvert die CIA für Waffen und andere ____Hilfsgüter Millionen Dollar pro Jahr. *___Nach Kambodscha liefert sie »Hilfe« von fünf bis zwölf ____Millionen Dollar jährlich. *___In Angola spendet sie 15 Millionen für die rechte ____"Unita«. *___In Nicaragua verminten Beauftragte der CIA Häfen und ____sprengten Treibstofflager, ließ die CIA ____regierungsfeindliche Guerillas einfliegen. *___Im Tschad verhalf die CIA dem Libyen-Gegner Hissein ____Habre zur Macht. *___In der Türkei verteilte die CIA mit Hilfe der ____türkischen Regierung Waffen an paramilitärische ____iranische Chomeini-Gegner. *___Und in Libyen betreibt die Casey-Agentur, so ein ____offizieller Auftrag vom vergangenen November, Gaddafis ____Sturz.

Nach Caseys Verständnis sind solche Unternehmen keine »covert actions«, wie sie zu Nixons Zeiten genannt wurden, sondern »special activities«. Mit ihrer Hilfe, hofft die US-Regierung und glaubt Casey, ließen sich »die Russen ausbluten«, könne der Reagan-Doktrin der Erfolg gesichert werden.

500 Millionen Dollar will die US-Regierung für den neuen Etatposten »Freedom Fighter Fund« auswerfen, mit dem auch einige von Caseys »Spezialaktivitäten« finanziert werden sollen. Mit einer derart großzügigen Ausweitung der CIA-Tätigkeit war Caseys Stellvertreter John McMahon nicht einverstanden. Er kündigte nach 34 Jahren bei der Firma zum Monatsende, kommentarlos wie in diesen Kreisen üblich.

Mit McMahons Abgang sitzt in der CIA-Spitze nun niemand mehr, urteilte die »International Herald Tribune«, der sich an die rufschädigenden »schmutzigen Tricks« der Vergangenheit erinnert und eine Wiederholung verhindern könnte. Kleine Kriege sind wieder gefragt und gewünscht.

Libyen war schon ins Fadenkreuz der USA geraten, kurz nachdem sich der Oberst Gaddafi 1969 an die Macht geputscht hatte. 1973 erhob Gaddafi den Anspruch, daß die Große Syrte südlich von 32 Grad 30 Minuten nationales Küstenmeer sei. Das Völkerrecht erkennt nur zwölf Seemeilen an, manche lateinamerikanischen Staaten verlangen bis zu 200 Seemeilen.

Zur militärischen Konfrontation mit Amerika kam es jedoch erst unter Reagan. Über der Großen Syrte beschossen am 19. August 1981 libysche Jagdbomber US-Flugzeuge, die Befehl hatten, sich um Gaddafis völkerrechtswidrig beanspruchte Hoheits-Zone nicht zu kümmern. Die Amerikaner schossen zwei libysche Maschinen ab.

Dem »Ende des Weges« (so Außenminister Shultz) im Kampf gegen Gaddafi näherten sich die USA, als palästinensische Terroristen am 27. Dezember vergangenen Jahres auf den Flughäfen von Rom und Wien 15 Menschen, darunter fünf Amerikaner, ermordeten.

Als Hintermann verdächtigte Washington einmal mehr Gaddafi. Der bestieg am 25. Januar 1986 angesichts amerikanischer Seemanöver vor der Syrte in kämpferischer Pose ein Schnellboot, um mit ihm seine bei 32 Grad 30 Minuten gezogene »Todeslinie« abzufahren, die Amerikas Streitkräfte zu jener Zeit noch gar nicht südwärts überfahren oder -fliegen wollten.

Zur militärischen Strafaktion Anfang letzter Woche zogen die Amerikaner dann eine noch größere Armada zusammen: drei Flugzeugträger, vier Lenkwaffenkreuzer, sieben zum Teil hochmoderne Zerstörer und zwölf Fregatten, eine gewaltige Streitmacht. An Bord hatten die Schiffe rund 24000 Marinesoldaten, 250 der modernsten US-Kampfflugzeuge und Hunderte von Atomwaffen aller Art. Mehr Kampf- und Vernichtungskraft war im Mittelmeer noch nie versammelt gewesen.

In der Woche vor dem Schlag vom 24. März verriet Reagan in einem Gespräch mit »Time«, daß seine Schiffe diesmal durchaus die Todeslinie überfahren sollten, und stellte auch fest: »Wir schießen zurück«, wenn auf US-Soldaten geschossen würde.

Ein hoher Reagan-Helfer wurde noch deutlicher: »Natürlich sehnen wir uns danach, gegen Gaddafi loszuschlagen. Wenn der sein Haupt erhebt, braten wir ihm eins drüber. Wir suchen nur noch eine Ausrede.«

Tage vor dem Schlagabtausch schon kreisten Spezialflugzeuge des US-Geheimdienstes NSA (Spezialität: elektronische Aufklärung) vor der Küste. Vollgestopft mit hochempfindlichen Sensoren, _(Am 24. März bei der Erklärung des ) _(amerikanischen Angriffs. )

beobachteten sie jede Aktion der Libyer. Flugzeuge wurden entdeckt, noch ehe sie ihre Pisten verlassen hatten, Schiffe erkannt, die im Hafen zum Auslaufen vorbereitet wurden.

Am Montagmittag schnappte eines der NSA-Flugzeuge, Code-Name »Burning Wind«, das entscheidende Stichwort auf: Die arabischsprechenden US-Geheimdienstler an Bord des umgebauten Transportflugzeuges hatten den Feuerbefehl für die ersten beiden SA-5-Raketen bei Syrte mitgehört.

Nur sie konnten bestätigen, daß Gaddafi wirklich den bewaffneten Kampf eröffnet hatte. Navy-Piloten, denen der Raketenangriff galt, hatten von der angeblich drohenden Gefahr gar nichts bemerkt. Weit weg von jedem möglichen Ziel waren die SA-5, dank technischer Mängel oder elektronischer Abwehr, ins Meer gefallen.

Fast fünf Stunden später starteten die Libyer zwei weitere SA-5- und eine SA2-Rakete kürzerer Reichweite in Richtung Golf - Trefferquote wieder Null. Eine halbe Stunde später folgte die sechste libysche Abwehrrakete sowjetischer Bauart.

Für ihre Antwort warteten die Amerikaner auf den Schutz der Nacht. Anders als die hochtrainierten US-Piloten fürchten Gaddafis Sowjet-geschulte Kampfflieger, bei Dunkelheit ihren Heimatflughafen zu verfehlen. Im Nachtkampf sind sie praktisch ungeübt.

Um 20 Uhr MEZ, über Libyen zog die Nacht herauf, schlugen die Amerikaner zum erstenmal zurück. Eine Kampfmaschine A-6-»Intruder«, gestartet vom atomgetriebenen Mammutträger »America« versenkte mit zwei »Harpoon«-Cruise-Missiles ein mit Anti-Schiff-Raketen bestücktes libysches Schnellboot mit 30 Mann.

Eine Stunde später schoß eine A-7"Corsair«, diesmal vom Flugzeugträger »Saratoga«, zwei radarsuchende Hochgeschwindigkeitsraketen vom Typ »Harm« gegen die Feuerleitanlagen der SA-5-Batterie. Zwei sowjetische »Square Pear«-Radars wurden zerstört.

Nach weiteren 70 Minuten setzten US-Kampfflugzeuge ein zweites libysches Schnellboot außer Gefecht. Am Dienstag versenkten oder beschädigten Marschflugkörper vom Lenkwaffenkreuzer »Yorktown« sowie von Trägerflugzeugen drei weitere Libyer-Schiffe.

Das Pentagon, dessen Sprecher das amerikanische Schiffeversenken vom Dienstag zunächst mit »weiteren Raketenangriffen der Libyer« begründet hatte, mußte widerrufen: Gaddafis Raketenstellungen waren still geblieben.

Und Mitte der Woche bereitete Moskau den Amerikanern mit einem neuen Vorschlag schon wieder Verlegenheit. Listig bot Gorbatschow den Abzug sowjetischer Kriegsschiffe aus dem Mittelmeer an - falls Washington die US-Armada in heimische Gewässer zurückbeordere.

[Grafiktext]

REAGANS WELTPOLITIK KRISENHERD 1 Angebliche Grenzverletzung durch Truppen Nicaraguas KRISENHERD 2 US-Flugzeugträger CORAL SEA SARATOGA AMERICA »Todeslinie« 32° 30'''' KRISENHERD 3 Zwölf Meilen-Zone »Yorktown« »Caron«

[GrafiktextEnde]

Am 24. März bei der Erklärung des amerikanischen Angriffs.

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