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»Reaktionäre Einseitigkeit und Langeweile«

Im Anschluß an den Terrorismus-Kongreß seiner Partei Ende November wandte sich CDU-Generalsekretär Heinrich Geißler brieflich an die Kultusminister der Länder. Auszug:
aus DER SPIEGEL 52/1977

Ich sehe (im positiven Echo auf den Kongreß) einen Auftrag und eine Ermutigung, über die parteipolitischen Grenzen der Union hinaus einen Aspekt der Diskussion dieses Kongresses an die Kultusminister beziehungsweise Wissenschaftsminister aller Länder heranzutragen, der mir besonders bedeutsam erscheint. Ich meine die Tatsache, daß der Marxismus als eines der wichtigen Ursachenfelder für den Terrorismus anzusehen ist, und daß in diesem Zusammenhang die mangelnde kritische Auseinandersetzung mit dem Marxismus an unseren Hochschulen unter anderem von den Professoren Bracher, Hofstatter, Kielmannsegg, Topitsch und Watrin bemängelt wurde. In der Tat erscheint im Verhältnis zu dem Umfang, in dem der Marxismus an unseren Hochschulen in Forschung und Lehre vertreten wird, die wissenschaftliche Marxismuskritik zu gering vertreten zu sein, so daß die Pluralität wissenschaftlicher Lehrmeinungen und Schulen an vielen Universitäten nicht gewährleistet ist. Aus diesem Grunde bitte ich Sie zu überprüfen, welche Möglichkeiten Sie für eine bessere Institutionalisierung wissenschaftlicher Marxismuskritik an den Hochschulen Ihres Landes sehen.

Vergangene Woche antwortete Bremens Wissenschaftssenator Horst Werner Franke (SPD) dem CDU-General unter anderem:

Der mit Ihrem Brief vorgenommenen Auswertung des Kongresses Ihrer Partei vermag ich nicht zuzustimmen. In den in der Presse publizierten Referaten wurde sogar ausdrücklich gewarnt davor, den Terrorismus einseitig dem Marxismus anzulasten. Dagegen ist die Betrachtungsweise Ihres Schreibens eine nicht sehr qualifizierte Fortsetzung einer politischen Auseinandersetzung mit den Mitteln von Einschüchterung und Stigmatisierung, wie Sie sie bereits vor kurzem mit einer absurden Zitatensammlung begonnen hatten.

Die von Ihnen praktisch vorgenommene Gleichsetzung von Marxismus und Terrorismus verschweigt wohlweislich, daß der Marxismus sowohl legitimes Kind der Philosophie des deutschen Idealismus als auch mit der christlichen Friedensbotschaft der Bergpredigt ursprünglich verbunden ist. Für diese wesentliche Komponente steht repräsentativ der große marxistische Denker und Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels Ernst Bloch.

Der Forderung nach einer pluralistischen Besetzung der Wissenschaftler-Stellen im Hochschulbereich ist gewiß zuzustimmen. Wenn man allerdings die Realität der deutschen Hochschulen an solcher Pluralismusforderung mißt,

könnte man eher von einem Nachholbedarf an marxistischen oder auch anderen linken Wissenschaftlern sprechen.

Angesichts dieser Realität an den Hochschulen ist Ihre Forderung nicht nur aufgrund Ihrer unzutreffenden Prämisse einer quasi monokausalen Verursachung des Terrorismus durch »den Marxismus« einseitig festgelegt, sondern zielt gefährlich -- in der Nachfolge eines McCarthy -- auf eine noch weitergehende Verkürzung des wissenschaftstheoretischen und -politischen Spektrums an den Hochschulen. Zugleich fordern Sie damit reaktionäre Einseitigkeit, Langeweile und Friedhofsruhe im Wissenschaftsbetrieb -- die in den 60er Jahren die Studentenbewegung und noch die heutige Hochschulsituation hervorgebracht haben.

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