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Nachruf Rebell mit Manieren

aus DER SPIEGEL 48/1995

Der eine erinnert sich am liebsten an die herzenswarme Ganovenballade »Atlantic City« mit Burt Lancaster. Dem anderen ist die mexikanische Revolutionskomödie »Viva Maria« unvergeßlich, deren Tingeltangel-Heldinnen Brigitte Bardot und Jeanne Moreau den Studentenrebellen von 1968 zu Traum-Leitfiguren wurden. Einer dritten ist »Auf Wiedersehen, Kinder« am nächsten, diese behutsam erzählte Geschichte von einem katholischen Provinzinternat während des Krieges, dessen Leiter es nicht gelingt, ein paar versteckte jüdische Kinder vor der Gestapo zu retten.

Eine vierte amüsiert sich noch immer in Erinnerung an die burleske Frechheit, mit der »Zazie in der Metro« vorlauten Kindermund in einen Kino-Comic verwandelte. Und ein fünfter, wenn er der coolen Sentimentalität des Trompeters Miles Davis nachträumt, sieht dazu die regennassen Nachtbilder des Thrillers »Fahrstuhl zum Schafott« aus dem Vergessen heraufsteigen.

Wie sind fünf so verschiedene, so eigene und ausgeprägte Filme auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen? Nur Louis Malle, ihr Urheber, sah nie ein Problem darin, daß er als »Autor« weder thematisch noch stilistisch auf eine spezifische Handschrift und einen Zusammenhang festzulegen war. Das Verbindende war ja er selbst, und im übrigen zog er es vor, sich durch die Wahl seiner Themen und Formen immer wieder zu überraschen.

Louis Malle, Jahrgang 1932, war ein Sproß des schwerreichen und streng katholischen Großbürgertums aus Frankreichs Norden, vielfältig durch diese Kaste geprägt, auch wenn er sich gegen sie stellte: ein Revoluzzer mit erstklassigen Manieren. Auf die Frage eines Interviewers: »Was würden Sie tun, wenn Sie hundert Millionen Francs hätten?« antwortete er gelassen: »Aber ich habe hundert Millionen.«

Malle gehörte zu jener »Neuen Welle« von Filmemachern, die Ende der fünfziger Jahre das französische Kino überrollte und verwandelte. Doch Herkommen und Vorbildung unterschieden ihn von den Generationsgefährten Godard, Truffaut, Chabrol: Malle war nicht Theoretiker und Kritiker, sondern hatte zwei Jahre lang hart und praktisch als Kameramann mit dem Meeresforscher Jacques-Yves Cousteau zusammengearbeitet.

So tat sich Malle von seinen ersten Spielfilmen an ("Fahrstuhl zum Schafott« und »Die Liebenden«, 1957 und 1958) durch technische Brillanz hervor und verstand es zugleich, mit kühner Kühle Geschichten von wilder, zerstörerischer Leidenschaft zu erzählen, denen der Hauch des Skandalösen mit zum Erfolg half. Auch in späteren Filmen wie der Mutter-Sohn-Inzestgeschichte »Herzflimmern« (1970), der Bordellromanze »Pretty Baby« (1978) oder dem Liebeskatastrophenstück »Verhängnis« (1992) bewies er sich als Regisseur mit Gespür für erotische Hochspannung.

Sein Freund Truffaut hat ihm bescheinigt, er besitze »die ganze Kühnheit eines schüchternen Mannes": Malle war ein Gentleman, den die Frauen liebten; manche seiner Leinwand-Heldinnen von Jeanne Moreau bis Susan Sarandon teilten sein Leben; er hatte drei Kinder von drei verschiedenen Frauen; seit 1980 lebte er, mit der Schauspielerin Candice Bergen verheiratet, mehr in Los Angeles als in Europa.

Kinoarbeit hat immer mit Produktionszwängen und Abhängigkeiten zu tun, doch Malle bekannte: »Ich glaube wirklich, ich bin immer ein vollkommen freier Filmemacher gewesen.« Wie jeder wollte er einmal im Leben einen Film übers Filmemachen machen, sein letztes Projekt sollte von Marlene Dietrich und Josef von Sternberg erzählen, doch dazu kam es nicht mehr. Seine Freunde wußten, daß er seit einem Schlaganfall Anfang des Jahres langsam die Kräfte verlor. Am vergangenen Donnerstag starb Louis Malle in Los Angeles.

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