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Rebellen in Schwarz-Rot-Gold

Auf der Wartburg formierte sich die erste Studentenbewegung Deutschlands.
aus DER SPIEGEL 6/2007

Die Revolution begann zur akademischen Unzeit: Um acht Uhr morgens am 18. Oktober 1817 versammelten sich rund 450 Studenten auf dem Marktplatz des thüringischen Städtchens Eisenach. Eine halbe Stunde später setzte sich der Demonstrationszug unter Glockengeläut in Bewegung hinauf zur nahen Wartburg.

Dort stimmten die Aufsässigen gemeinsam mit einigen Professoren erbauliche Lieder an, etwa Luthers Choral »Ein feste Burg ist unser Gott«, zu Ehren des Reformators. Öffentliche Sit-ins waren damals noch unbekannt, stattdessen verblüfften die Studiosi Passanten mit Freiluftgymnastik nach dem Vorbild des Turnvaters Jahn.

Brav ging es zu beim Wartburgfest von 1817, als mit einem großen Burschenschaftstreffen die erste deutsche Studentenbewegung ihren Höhepunkt erreichte. Und doch entfaltete die damalige Revolte weit mehr umstürzlerische Energie als 150 Jahre später Rudi Dutschke mit seinem Gefolge.

Die dynastischen Großmächte Preußen, Österreich und Russland hatten beim Wiener Kongress die napoleonische Hinterlassenschaft in ihrem Sinne geordnet. Nichts fürchteten die Potentaten mehr als politische Unruhestifter.

Nach damaligen Maßstäben waren die Burschenschafter gefährliche Rebellen, denn sie forderten die Einheit Deutschlands. Der Nationalismus der Burschenschaften war nicht dumpf und engstirnig, sondern jung, geradezu antiautoritär. Er richtete sich gegen Muff und Kleinstaaterei. Ihre Zusammenschlüsse verstanden die Burschenschafter als Modell für einen Nationalstaat. Ein Student, so forderte der Wartburg-Redner Lorenz Oken, müsse »ein universaler Kopf und ein gebildeter Deutscher« sein, kein beschränkter »Provinzial-Landmann«.

Viele Studenten hatten in den Befreiungskriegen gegen Napoleon gekämpft, etwa im Lützowschen Freikorps, einer Art Akademiker-Miliz auf Seiten der preußischen Armee. In der Waffenbrüderschaft begannen sie sich als Deutsche zu fühlen. Schwarz-Rot-Gold waren ihre Farben, die Studenten trugen sie in die 1815 gegründete Jenaer Urburschenschaft und später ins ganze Land als Banner der Demokratie.

Doch die Burschenschafter waren keine lupenreinen Demokraten. Der akademische Nachwuchs wollte zwar einen aufgeklärten Staat, träumte aber zugleich von einer vormodernen organischen Gemeinschaft.

Am Abend des Wartburgfestes versammelten sich die Teilnehmer, um, so ein Wortführer, mit einem »zehrenden Fegfeuer« Gericht zu halten über die »Schandschriften des Vaterlandes«. Unter antisemitischen Verwünschungen schleuderten die Burschen Papierbündel ins Feuer, auf denen die Titel verhasster Werke aufgemalt waren - echte Bücher zu verbrennen wäre viel zu teuer gewesen.

Die revoltierenden Studenten waren die Kinder einer rasanten Umbruchphase mit all ihren Widersprüchen. Die Studentenzirkel redeten sich die Köpfe heiß über scheinbar objektive Größen wie Volk, Sprache und Kultur - und sie radikalisierten sich schnell.

Das Fanal folgt fast zwangsläufig: Am 23. März 1819 bittet der Burschenschafter Karl Ludwig Sand beim Dienstpersonal des reaktionären Schriftstellers August von Kotzebue um Einlass.

Sand, 23 Jahre alt, gehört zu den »Unbedingten«, einer radikaldemokratischen studentischen Zelle. An seine Eltern schreibt er: »Die Not unseres Vaterlandes drängt mich zum Handeln. Schriften und Reden wirken nicht.«

Als Sand schließlich vorgelassen wird, zieht er einen 30 Zentimeter langen Dolch. Mit den Worten »Hier, du Verräter des Vaterlandes!« rammt er dem Dichter die Waffe in die Brust. Während Kotzebue verblutet, überreicht der Attentäter einem herbeieilenden Diener sein Bekennerschreiben: »Todesurteil, vollzogen nach den Beschlüssen der Universität Jena«.

Die reaktionären Großmächte antworten prompt und kompromisslos: Den Anlass, endlich gegen die Studenten vorzugehen, habe ihm »der vortreffliche Sand auf Kosten des armen Kotzebue geliefert«, gibt Österreichs Außenminister Metternich freimütig zu.

Am 20. September 1819 fasst die Bundesversammlung die »Karlsbader Beschlüsse": Versammlungen werden verboten, die Presse zensiert und ein Spitzelsystem installiert. Die Vordenker der Studenten erhalten Lehrverbot, Verbindungsstudenten wird der Öffentliche Dienst versperrt. Die Jenaer Burschenschaft muss sich auflösen, im Jahr 1823 werden die letzten politischen Zusammenschlüsse der Studenten zerschlagen.

Damit ist, nach nicht einmal einem Jahrzehnt, die Studentenrevolte politisch am Ende. Die Einheit Deutschlands bewerkstelligen schließlich nicht die nationalbewegten Studenten mit ihren revolutionären Ideen, sondern die preußischen Militärs mit Blut und Eisen. JAN FRIEDMANN

* Beim Wartburgfest 1817; nach einem Holzstich von Friedrich Hottenroth, um 1880.

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