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Artikel 28 / 73

Rechts ab zum Vaterland

aus DER SPIEGEL 20/1967

3. Fortsetzung

Ruf nach Gehorsam und Hingabe

Der nationale Ton kam nicht von rechts. Allmählich anschwellend, hat er sich im Verlauf eines halben Jahrzehntes aus den Sonntagsreden, Denkschriften und Wahlparolen angesehener Patrioten der Mitte in die politische Akustik der Bundesrepublik geschwungen und behindert nun erneut die Verständigung über das politisch Notwendige.

Die Konjunktur der Wirtschaft und die Hoffnungen auf ein vereintes Europa waren noch nicht verblüht, als das anfing, und die Rechtsparteien standen in der Talsohle ihrer Bedeutung. Plötzlich übten sich neben Hans-Christoph Seebohm, dem Nationalisten vom Dienst, würdigere, gewichtigere Stimmen in dem unverwechselbaren Melos eines nationalen Kultdienstes. Allen voran der evangelische Theologe Professor Helmut Thielicke.

Mit einer »Rede an die Deutschen« eröffnete er am 17. Juni 1962 als erster jene Unterbilanz vaterländischer Gefühle, der seither die politische Prominenz von Barzel bis Brandt, von Dehler bis Strauß in teils schmerzlichen, teils starken Worten Rechnung zu tragen bemüht war.

Die deutsche Jugend, gab der nationale Prediger und Universitäts-Professor Thielicke damals -- im Widerspruch zu allen soziologischen Erkenntnissen -- bekannt, wünsche wieder etwas, »für das es sich lohnt, das Leben einzusetzen«. Als befremde dieses wohlbedachte Wort ihn selbst, milderte er es sogleich ab: »Oder sagen wir vorsichtiger: was sie bejahen und wohinein sie ihr Herz legen kann.« Gab es das nicht?

Konnte man der jugendlichen Aufmerksamkeit nicht die weltbewegende Idee der bürgerlichen Freiheiten etwas eindringlicher empfehlen, Grundlage für die Verfassung des eigenen Staates und das Nationalgefühl aller großen Demokratien der Neuzeit? Konnte man ihr nicht den eigenen Staat etwas mehr ans Herz legen, diese erste, funktionierende, freiheitliche Demokratie unter Deutschen?

Thielicke fand, das sei nicht genug für die Jugend. »Wenn man ihr nur sagen könnte«, klagte er zwei Jahre vor der Gründung der NPD, »wofür sie leben soll!«

Versucht, diesen Staat mit den Augen der Jugend und doch aus dem eigenen, deutschnationalen Blickwinkel zu betrachten, kam er zu einem hoffnungslosen Schluß: Zum Staate könne er »so lange kein inneres Verhältnis« haben, solange dieser Staat nicht »die organisatorische Form für mein Vaterland ist«.

Der Präsident des Bundestages und Oberkonsistorialrat Eugen Gerstenmaier transponierte den pathetischen Mißmut des Glaubensbruders auf eine offizielle Ebene. Er machte die Suche nach dem verlorenen Vaterland zum Gegenstand eigener, an den Wirklichkeiten der Bundesrepublik hochgemut vorbeizielender Überlegungen.

Der Mitverschwörer des 20. Juli 1944 überzeugt, die Bürger der neuen, offenkundig etablierten Bundesrepublik Deutschland nähmen »fast stillschweigend« die Fortexistenz des Deutschen Reiches als »Rechtsgemeinschaft des deutschen Volkes« an, proklamierte nun mit der Autorität des Parlamentspräsidenten, dies sei »die Stunde der Nation, in der sie gegen das Vakuum in ihrer Mitte angehen muß«.

Er hielt sich nicht damit auf, gegen dieses Vakuum mit planvoller Aufklärung über den neuen, demokratischen Staat angehen zu wollen, dessen Prinzipien und innere Struktur 18 Jahre nach der Gründung noch nicht einmal von der Mehrheit der Schullehrer begriffen worden sind. Als dämmerten die alten Tage deutschtümelnden Überschwanges noch einmal herauf, verwandelten sich unter Gerstenmaiers Feder sachliche Begriffe erneut, wie gehabt, in mystische Größen.

Er fand, »daß die deutsche Geschichte ... nach unserem nationalen Bewußtsein greift«. Er fand, daß »das Vaterland ... nach unserem Herzen, unserem Charakter, unserem Ehrgefühl und auch nach unserer Liebe greift«.

Als den »produktiven Kern eines deutschen Nationalbewußtseins« identifizierte er »das von innen her kommende, freie tatkräftige Engagement für das Vaterland«. Dieses Vaterland, dessen Grenzen, Zentrum oder Verfassung genauer zu bezeichnen, schenkte er sich.

Der Schriftsteller Ernst Jünger, einst ein Leuchtfeuer nationalistischer Ideologie, war davon überzeugt, »das Thema Patriotismus« sei »abgeschlossen oder wenigstens auf die überlieferte Weise nicht mehr zu beantworten«. Ihm widersprach Gerstenmaier. Er fand, es sei mitnichten abge-

* 1962, während der Gedenkfeier für den 17. Juni 1953.

schlossen. Und er konnte offenbar nicht umhin, es auch wieder auf überlieferte Weise zu beantworten.

Öffentlich rief GerstenmaIer nach einer »Wesens- und Erlebniseinheit der Nation« und sprach von einem deutschen Nationalbewußtsein, das es »nach wie vor gibt«. Aber was es, wenn schon, der Nation bewußt machen solle, sagte er nicht.

Deutsche National-Konservative wie er stellen ihre Uhr mit Entzücken nach de Gaulle. Doch übersehen sie gerne, daß dieser große Mann seine nationalistische Politik mit einem mutigen Rückzug aus zeitwidrigen nationalen Positionen begann, mit einem Verzicht: auf Algerien und das »Heimatrecht« einer Million Franzosen. Ja, daß er sogar die Fürsorge Frankreichs für das verlorene Algerien verbürgte.

Wo es um deutsche Grenzträume geht, wünschen sie nicht Positionen der Vernunft zu beziehen; vielmehr sollen, alles in allem, noch stärker als bisher Gefühle den politischen Verstand umwölken.

An diesem nationalen Aufbruch der Mitte ist -- wie bei der NPD -- bisher nur eines außer Frage: daß er innenpolitisch etwas mit Ordnung und Unterordnung zu tun hat. Gerstenmaler sagt es: »Ein Volk in unserer Lage, mit unserer Geschichte und Veranlagung braucht einfach den Geist der Hingabe, des Opfermutes, der Ehrerbietung und auch des Gehorsames.«

Während ein nationalliberaler Romantiker wie der Bundestags-Vizepräsident Thomas Dehler den Fernsehzuschauern ein anständiges patriotisches Selbstbewußtsein an Erfahrungen einer Rußland-Reise begreiflich machte ("Überall Respekt vor den Deutschen ... der Glaube, die Deutschen bedeuten etwas"), war der pragmatische und gar nicht romantische Machtmensch Franz-Josef Strauß bereits dabei, ganz andere nationalistische Emotionen in der bayerischen Masse aufzustacheln.

Zwar empfindet er selbst »den Nationalismus als den Totengräber Europas«. Findet, daß man »bestimmte Worte wie Vaterland, Nation, Opfergeist oder das sehr ambivalente Wort Patriotismus mit großer Vorsicht« gebrauchen sollte. Doch darauf, aus dem deutschen Underdog-Komplex in seinen Wählern einen Tiger zu machen, wünschte er nicht zu verzichten.

Auf dem Parteitag der CSU im Frühjahr 1965 zeigte er sich wild entschlossen, das noch etwas schwächliche nationale Herdengefühl durch ein Wutgeschnaube künstlich zu beatmen. Die Untaten Hitlers und Himmlers, rief er, seien dem deutschen Volk »höchstens gerüchtweise bekanntgewesen«, dagegen sei »in der Tschechoslowakei und in Serbien das Foltern, Erschlagen, bei lebendigem Leibe Verbrennen von Deutschen 1945 ein am hellichten Tage ... praktiziertes Volksvergnügen« gewesen.

Auch könne man auf dem internationalen Parkett nie sicher sein, ob an den Händen von Funktionären aus Prag, die man schüttle, nicht das Blut unschuldiger Deutscher klebe.

Die genüßliche Beschreibung weltumspannender Deutschfeindlichkeit« das Ausmalen von Racheakten an Deutschen -- die im neuesten Geschichtsbuch der bayerischen Grundschule keineswegs unterschlagen werden -- waren nicht geeignet, die böse Welt zu größerer Sympathie zu zwingen. Doch hatte man damit ein schnell wirkendes Mittel, in den nationalen Kessel mehr Dampf zu bringen.

Während sich in den Bierwirtschaften erst langsam die Zukunft der NPD zusammenbraute, erfuhren die Wähler durch Strauß von einer ihnen zugemuteten »dauernden Fürsorge-Erziehung und ausländischen Zurechtweisung«.

Seine bayerische Wahlpropaganda schwelgte bereits 1962 in der Vorstellung, daß »die alten Gegner und Feinde Deutschlands vor Erwartung be-

* Am Aschermittwoch 1965 in Vilshofen.

ben«, daß auch in England, Frankreich, Italien und den USA die »alte Verschwörung gegen Deutschland« einen »Verleumdungsfeldzug gegen ... die Deutschen«, gegen »den ewigen deutschen Störenfried« in Gang setze, um diesen »auf Kosten seiner nationalen Zukunft zu opfern«.

Weiter unten in der Hierarchie der Funktionäre fand das von den Partei-Oberen vorgeführte Spiel mit den nationalen Emotionen dankbar vergröbernde Nachahmer.

So denunzierte 1966 der CSU-Vertriebenenpolitiker Franz Gaksch in einem Wahl-Inserat der »Augsburger Allgemeinen« der Öffentlichkeit die bundesdeutschen Ost-Touristen, von denen er glaubt: »Sie plappern ... gedankenlos nach, was ihnen die roten Apparatschiks oder die Kellnerinnen oder Dolmetscherinnen -- vielfach auf Sex dressierte, spionierende Animierdamen -- erzählen.« Er dagegen »klage alle an. die einschläfernde Koexistenz-Tabletten anbieten«.

Der Zulauf zu den nationalen Metzel-Abenden der NPD bestärkte auch die kleinen, innerlich rechten Wahlkämpfer der Staats-Parteien, und Männer wie Gaksch hielten es für gut, ihren deutschen Sinn durch apokalyptische Stilblüten zu beweisen: »Wir wollen keine Contergan-Nation ohne Geschichtsbewußtsein sein. Deutschland darf nicht ewig der Weltsündenbock sein.«

Straußens Mann in Schwaben forderte: »Mehr Courage.« Nach seiner Überzeugung schaufeln sich »dekadente, glaubenslose und opferfeige Völker ... durch Mißbrauch der Freiheit ihr eigenes Grab«. Deshalb: »Mit Franz-Josef Strauß ein neues, geläutertes Nationalbewußtsein.«

Gesund, geläutert, neu, so verlangen nun die Vertreter aller Parteien, solle das deutsche Nationalbewußtsein sein. Fast alle gehen sie davon aus, Läuterung bedeute, Hitler und seinen Nationalsozialismus wie einen Schwarzen Peter aus dem Spiel zu ziehen.

Alles Weitere hänge dann nur davon ab, ob man das mit seiner Geschichte wieder versöhnte Volk vor nationalem Übermut bewahre. Für Übermut und Überschwang allein finden sie den Begriff »Nationalismus« angemessen, den sie von Gerstenmaier bis zur NPD einhellig zu verabscheuen wünschen.

Es kümmert sie wenig, daß eine solche Wort- und Wertklauberei nicht mit den Erkenntnissen der Geschichtswissenschaft zu vereinbaren ist, die es gerade für das Kriterium des Nationalismus hält, daß dieser zu Gedeih wie Verderb ausschlagen kann.

Der konservative Spezialist für die Problematik nationaler Gefühls-Bindungen, Professor Dr. Eugen Lemberg« meint, es sei nicht richtig, »zwischen gutem Patriotismus und bösem Nationalismus« zu unterscheiden. Sei es doch »die gleiche psychologisch-soziologische Gegebenheit ... auf der das ... mitbürgerliche Zusammenwirken am demokratischen Staat beruht wie jener exzessive Nationalismus, den es zu überwinden gilt«.

Selbst Günter Graß glaubte 1966 versichern zu müssen, daß er über einen »gesunden« nationalen Sinn verfüge, den er freilich nicht fortwährend im Munde führen müsse: »Ich lasse mir das Wort »gesund« nicht durch den Mißbrauch kaputtmachen.«

Gleich den Rechten im Lande war er um die Erklärung verlegen, worauf sich das einschlägige Denken und Fühlen bei einem in zwei Staaten und zwei feindlichen Ideologien hausenden, von großen, illusionären Grenzforderungen belasteten Volk zu richten habe: auf welchen Staat, welchen Raum, welche Ideale?

Erich Mende meinte, für ein »gesundes Nationalbewußtsein« müsse bei der heranwachsenden Jugend geworben werden. Sie wolle nicht »im Büßerhemd der Geschichte« einhergehen. Einen »geläuterten Patriotismus« gelte es folglich zu beleben.

Wie alle anderen offerierte er solche Begriffe leer. Die Jugend soll sie offenbar ohne Inhaltsangabe übernehmen und sich erst einmal an ein hohles, ideologisches Gefäß binden, in das die verantwortlichen Führer dann den jeweils geeigneten Inhalt gießen.

Immerhin nannte Mende ein pragmatisches Motiv für die künstliche Wiedererweckung der nationalen Religion: Die Deutschen hätten nun eben auf diesem Wege eine desinteressierte Welt daran zu erinnern, daß die Verpflichtung der Siegermächte »für Deutschland als eine Nation« noch immer bestehe.

Ähnliche Motive konnte man schon früher in einer Fernseh-Meditation Thomas Dehlers heraufkommen hören: »Ich mache der Geschichte der letzten 14 Jahre den Vorwurf, daß sie das nationale Leitbild nicht genügend herausgestellt hat. Ein Volk richtet sich halt immer nach dem, was die verantwortlichen Menschen ... empfinden wollen.«

Später, als die NPD die Ernte einheimste, wurde die »nationale Welle« zu einer Art Naturereignis der unberechenbaren deutschen Seele ernannt. Aber schon bevor sie die Gemüter der Wähler kräuselte, waren nationale Wettermacher der Bundestagsparteien recht einhellig um ihre Genese bemüht: Selber wollten sie dazu beitragen, daß käme, was kommen mußte, und dem Ganzen eine gute Richtung geben, über die sie sich freilich noch immer nicht im klaren sind.

Gründe genug glaubten sie zu erkennen, um aus der Interessenten-Diskussion der pluralistischen Demokratie wieder das Volk herauszurufen und es auf ein stärkeres Gefühl von Gemeinsamkeit einzuschwören:

> Seit 1961 breitet sich unter den Bundesbürgern zusehends Angst vor einer Wirtschafts-Krise aus. Die Zahl der Besorgten stieg in fünf Jahren von 19 auf 53 Prozent.

> In der rechten Volkspartei CDU/ CSU, die für viele ihrer rechtskonservativen Wähler in Konrad Adenauers Tagen zu einem bürgerlichen Staatssymbol geworden war, drohten die zentrifugalen Kräfte die Oberhand zu gewinnen. Vor aller Augen verzehrte sich die Führungs-Garnitur in Unentschlossenheit und Diadochenkämpfen. > Parallel dazu wuchs ein Befremden an der freiheitlichen Gesellschaftsstruktur der pluralistischen Parteien-Demokratie, in der man alles erfährt und offenbar doch nicht mitreden kann. Allzu viele fingen an, die große Freiheit als verwirrend, beängstigend, ja letztlich »undeutsch« zu empfinden.

> Die besonders für Bundesbürger beflügelnde Idee einer politischen Vereinigung Europas hatte sich vor General de Gaulles restaurativem Konzept vom »Europa der Vaterländer« verflüchtigt. Osteuropa wiederum gewann mit Hilfe nationaler Eigenwilligkeit Freiheit von Moskau. Mußte da nicht in den Provisoriums-Deutschen ein Gefühl politischer Heimatlosigkeit aufkeimen, wenn man ihnen nicht einen nationalen Kurs wies?

> Die sogenannte Wiedervereinigungspolitik der Bundesrepublik, von deren verdorrten Leitsätzen -- keine Anerkennung der faktischen Ostgrenzen und der DDR -- Bundestagsparteien und NPD nicht loskommen, hatte sich als trügerisch erwiesen. Langsam sinkt der Gedanke an einen einheitlichen deutschen Staat hinter den Horizont einer neuen Generation.

> Im Ostwind der Koexistenz verkümmerten Nato, deutsch-amerikanische Allianz und der militante, bedingungslose Antikommunismus, die einzige, allumfassende, doch leider negative Ideologie der Bundesrepublik. Mit dem Nachlassen des Kalten Krieges begann sich das vertraute Bild des Feindes zu verflüchtigen, auf das die Bundeswehr ihren Wehrgeist und der Bürger seine sozialen Affekte hatte richten können.

Zum erstenmal seit 18 Jahren schien die immer wieder verschobene deutsche Nachkriegs-Inventur unausweichlich, Schlecht vorbereitet, näherte sich ein Volk von 60 Millionen dem Moment der Wahrheit. Statt es nun jedoch in der einzig soliden Basis seiner politischen Existenz, dem längst nicht mehr provisorischen, demokratisch noch nicht recht durchbluteten Staat, endlich Wurzel fassen zu lassen, statt das patriotische Denken mit dem freiheitlichen auszusöhnen und es heilig-nüchtern auf das politisch Mögliche zu richten, griffen die Wortführer der Mitte in die Mottenkiste nationaler Phraseologie.

Die zur NPD zusammengebackenen Krümel der äußersten Rechten machten das freilich besser. Sie zogen aus der schleichenden Götterdämmerung von Wirtschaftswunder und Nato, Europa-Idee und Deutschland-Strategie durch eine massive Verstärkung der plötzlich ganz offiziell wieder geschätzten nationalen Töne ihren Stimmengewinn. Das beschleunigt erneut den nationalen Puls der Mitte.

Von Rainer Barzel hatte man bereits 1965 im Parlament zu hören bekommen, wie nah ans Religiöse der patriotische Kult wieder herankam. Er glaube an Deutschland, sagte er. Mit Franz-Josef Strauß ging er darin einig, daß die Bundesrepublik, da ökonomisch in der Spitzengruppe der Welt, auch politisch nicht »nur knapp im Mittelfeld« marschieren dürfe.

Vor der letzten Bundestagswahl verbat er sich den Versuch der radikalen Rechten, seine Partei »rechts zu überholen«. Diese habe niemals »die Würde des deutschen Soldaten ver* Stempelgeld-Empfänger in Hamburg 1968. ** Bei einer Reise durch die französische Provinz 1963.

letzt«. Sie sei niemals für »nationalen Verzicht« eingetreten. Insofern gebe es bei ihr auch »keinen Nachholbedarf an vaterländischer Gesinnung«. Aber nachgeholt wurde dann doch: markig und verschwommen.

Eine Phalanx von deutschen Professoren erhob warnend die Stimme und verurteilte den fahrlässigen Ruck nach rechts, bei dem sich zeigte, was in der Mitte steckt. So der Heidelberger Philosoph Professor Georg Picht, die Erlanger Politologen Lenk und Ruffmann, der Kölner Soziologe Professor Erwin Scheuch und der Frankfurter Politologe Professor Iring Fetscher. »Statt dem Konkurrenten Wähler abspenstig zu machen«, prophezeite Fetscher, »vergrößern sie nur das Potential seiner künftigen Anhänger.«

Professor Scheuch notierte vor allem bei der SPD einen starken Eifer in nationaler Agitation. Man führe in der SPD das Wort national nicht leicht im Munde, hatte Willy Brandt im Wahljahr 1965 in seiner Godesberger Rede gesagt, in der er immerhin vierdutzendmal mit starker Betonung die Worte Nation und national gebrauchte und verlangte, »die nationale Substanz zu erhalten«. Was das ist, wurde nicht verraten.

Selbst Carlo Schmid, als Professor der Politischen Wissenschaften wohl im Bilde über die nationale Skepsis der meisten Studenten, geriet in der »Welt am Sonntag« in einen Tonfall patriotischer Schwärmerei: »Es ist Zeit, daß wir Deutsche uns wieder darauf besinnen, was eine Nation ausmacht ... daß sie eine Gemeinschaft ist, die sich durch die gemeinschaftliche Liebe zu gleichermaßen als verpflichtend anerkannten Menschheitswerten integriert weiß.«

Auch dieser Individualist will sich »vergemeinschaftet wissen«, allerdings nur im Zeichen »jener Werte deren Verkörperung durch uns ..., einst in der Welt den Ruhm des deutschen Namens ausgemacht hat«.

Diese überschwengliche Definition einer nationalen Kulturgemeinschaft, der sich Österreicher, Schweizer oder Bürger der DDR guten Mutes ebenfalls zugehörig fühlen könnten, nähert sich allerdings nur in der Tonlage jenem Inbegriff des Nationalen, wie er von Gerstenmaier bis Mende, von Ludwig Erhard bis zur NPD in beunruhigender, konturloser Einheitlichkeit durchschlägt.

Was ihnen offenbar vor allem vorschwebt, ist: möglichst viel Stolz und möglichst viel vom Ordnungsstaate Bismarcks,

Kein Volk könne ohne Stolz leben, sagte auch Willy Brandt. Freilich hatte er im Jahre 1965 einmal behutsam angefragt, ob die Bundesrepublik »in der auch von Bismarck als Eigensinn verurteilten Haltung des Alles-oder-Nichts verharrt, wenn es um Dresden und Magdeburg und Rostock geht«. Solche Nuancen der Selbstbetrachtung quälten Ludwig Erhard nicht, der den nationalen Anspruch in die gut kleinbürgerliche Feststellung übertrug, wir seien wieder wer.

Erhard verkündete in seiner letzten Regierungserklärung 1965, die Nachkriegszeit sei zu Ende. Es wurde nicht erläutert, wieso erst jetzt und nicht schon seit 1949 oder 1955, den Gründerjahren der Bundesrepublik und ihrer Souveränität. Erhard wurde eigentlich erst verständlich durch den Kommentar von Strauß: Für ihn gehe die Nachkriegszeit erst zu Ende, wenn wieder ein »gerechtes Urteil der Welt über das deutsche Volk« erreicht sei.

Kein Zweifel: Hier war nicht die Rede von einer neuen Politik, sondern von neuen, apolitischen Gefühlen. Eine gesteigerte Selbstachtung der Deutschen, eine gesteigerte Achtung vor den Deutschen wurde von nun an erwartet. Plötzlich war all das nicht Elizabeth II. von England 1965 in Bonn.

mehr genug, was den freien Teilhabern des deutschen Wiederaufstiegs eineinhalb Jahrzehnte hindurch zu ihrem ansehnlichen Selbstvertrauen verholfen hatte:

Vergessen schien die Bewunderung aller Welt für den Wiederaufbau und die unerwartete innenpolitische Stabilität der neuen Demokratie; das Ansehen der deutschen Wirtschaft; der Ruf deutscher Erzeugnisse; die Wahl Münchens zur Olympiastadt für 1972; die Farben Schwarz-Rot-Gold über den Ferienstränden in West und Ost, Nord und Süd.

Die Bundeswehr als stärkste Armee Westeuropas, ihre Generäle in Schlüsselpositionen der Nato -- es tröstete die Deutschen nicht in ihrer nationalen Melancholie. So jedenfalls meinten die nationalen Männer.

Ohne Prestigewert scheinen nun die Freundschaftsbesuche von de Gaulle, Kennedy und der Queen« die neuen deutschen Nobelpreisträger, der abermals deutsche Prinzgemahl für die Niederlande, der Deutsche Sachs an der Seite des französischen Idols BB.

Daß deutsche Schriftsteller in Amerika, Polen, der Tschechoslowakei, der Sowjet-Union respektvoll empfangen, mit Beifall gelesen, auf die Bestsellerliste gehoben wurden, zählte ohnehin nicht in einem Lande, dessen Erhard sie als »Pinscher«, dessen Strauß sie als »Geister der Zerstörung« abtat.

Es befriedigt nicht mehr, daß deutsche Stahlwerke in Indien, Südamerika, Afrika -- und demnächst Rotchina -, daß Mercedes und der Volkswagen von Kap Horn bis Alaska einen Namen für die Deutschen machen, daß der Staat der 60 Millionen Deutschen noch immer dem Staat der 17 Millionen Deutschen durch seine wirtschaftliche Macht die internationale Anerkennung weitgehend abzuschnüren vermag.

Nach Ansicht der nationalen Männer in Bonn bedarf es anderer, größerer, reinerer Zeichen, das gestörte Selbstgefühl der Bundesrepublik Deutschland in der Balance zu halten.

Die Vergangenheit, für die man nach Kräften bezahlte, soll abgeschrieben werden. Die sadistischen Deutschen sollen aus dem Repertoire des Gruselgeschäftes in den USA verschwinden, die antigermanischen Bosheiten aus dem »Daily Express«, Neonazismus und Revanchismus aus dem Vokabular der sowjetischen Noten-Diplomatie, vielleicht sogar die Erinnerungen an Auschwitz aus den Reaktionen überlebender Träger des gelben Sterns.

Da niemand erwarten kann, daß bei überdies stark verminderter Zahlungsfähigkeit nationaler Trotz der Verwirklichung dieser ebenso verständlichen wie weltfremden Anliegen dienlich sein werde, gerät das nationale Auftrumpfen gegen die bösen, äußeren Mächte in den Verdacht, eine Maßnahme nach innen zu sein: Kollektiver Groll verspricht, der offenen Gesellschaft auf dem. schnellsten Wege den seit Bismarcks Tagen für das nationale Denken obligaten Zug zur Geschlossenheit zu bescheren.

Keiner der konservativen Fürsprecher eines neuen Nationalbewußtseins hat Wert darauf gelegt, unmißverständlich zu erklären, worin sich dieses von dem nationalen Bewußtsein des Bismarck-Reiches oder der Rechten von Weimar unterscheidet.

Der Berliner Politologe Professor Kurt Sontheimer, einer der liberalen Experten für deutschen Nationalismus ("Antidemokratisches Denken in der Weimarer Republik"), warnt deshalb: Dieses neue Bewußtsein wurzle » im alten Grund des traditionellen deutschen Nationalismus«. Es beschwöre »einen neuen geschichtlichen Auftrag der Nation, ohne ihn zu benennen«. Es spreche von »Opfermut, Hingabe und Gehorsam, ohne anzugeben, welchen Aufgaben und Zielen unser Opfer und unsere Hingabe gelten sollen«.

Fürsprecher und Auftraggeber dieses Nationalgefühls sagen, es setze voraus, daß die deutschen Bundesbürger sich auf die ganze deutsche Geschichte besinnen. Keiner wagt darauf einzugehen, daß die derzeitige Lage ein Resultat dieser Geschichte oder gar als solches zu akzeptieren sei.

Keiner verschwendet Zeit an den Gedanken, daß schon seit mehr als hundert Jahren den nationalen Idealen in Deutschland -- anders als in den großen Demokratien des Westens -- stets die demokratischen Ideale zum Opfer fallen mußten.

Während Amerikaner, Franzosen und Briten den Nationalstaat als ein Produkt des gemeinsamen, revolutionären Strebens aller Bürger nach Freiheit im Innern erlebten, als ein Dach, unter dem es Platz für alle gab und unter dem sich eine vielfältige Gesellschaft gleichgeachtet regen durfte, war das liberale deutsche Bürgertum nach der gescheiterten Revolution von 1848 vollauf mit der ökonomischen Freizügigkeit zufrieden, die man ihm von oben gewährte.

Aus Liberalen wurden Nationalliberale, denen die Einheit der Nation, die monarchisch repräsentierte Staatsmacht und das eigene, unbehinderte Profitstreben wichtiger schienen als Demokratie und politische Freiheit nach innen.

Noch 1832, nach dem Hambacher Fest, hatte sich die nationale Forderung der Liberalen vordringlich auf die Verwirklichung demokratischer Grundsätze im Innern gerichtet. Der badische Oppositionsführer Karl von Rotteck damals: »Ich will die Einheit nicht anders als mit Freiheit, und lieber Freiheit ohne Einheit als Einheit ohne Freiheit.«

16 Jahre später verzagten deutsche Bürger und Kleinbürger, die zwar gegen Staatsallmacht, nicht aber für die Gleichheitsideale der Französischen Revolution gestritten hatten, vor dem weiter zielenden Freiheitsstreben der deutschen Republikaner und schlugen sich auf die Seite der Staatsgewalt und der Landesfürsten. Das Frankfurter »Professoren-Parlament« von 1848 resignierte vor der Macht des Bestehenden.

Freiheit nach außen und nur nach außen, Freiheit im Sinne von außenpolitischer Dynamik und Macht galt diesem Bürgertum schon vor Bismarck für das Wahre.

»Die Bahn der Macht ist die einzige, die den gärenden Freiheitstrieb befriedigen und sättigen wird«, rief Heinrich von Treitschkes Lehrer, der Liberale Friedrich Christoph Dahlmann, 1849 in der Frankfurter Paulskirche und schlug der Nationalversammlung vor, dem König von Preußen die deutsche Kaiserkrone anzutragen. Aber von den Bürgern wollte sie Friedrich Wilhelm IV. nicht nehmen.

Nach der gescheiterten Revolution trennte sich der bürgerliche Liberalismus in Deutschland von den Demokraten, die erreichen wollten, daß die staatliche Gewalt vom Volk ausgehe: Die egalitäre Demokratie wurde in Deutschland zur Sache der Sozialisten.

Das Bürgertum aber empfing die Einheit der Nation und das allgemeine. gleiche und geheime Wahlrecht als ein Geschenk von oben -- als eine Huld der Monarchie und des autoritären Reichsgründers Bismarck, Von der politischen Mitverantwortung schloß er das Volk wie das Bürgertum aus. Die Bürger störte es nicht, wurden sie doch wirtschaftlich entschädigt.

Der zweite Versuch einer deutschen Demokratie, die Weimarer Republik, mündete mit Hilfe des nationalen Bürgertums aller politischen Schattierungen in dem monströs-kleinbürgerlichen Nationalismus Adolf Hitlers.

Offenbar treffen nun in der Bundesrepublik zum drittenmal die in Deutschland feindlichen Begriffe national und demokratisch aufeinander, deren vermeintliche Synthese anfangs zu den stärksten Attraktionen des Firmenzeichens der Nationaldemokratischen Partei zählte.

»Es gehört geradezu zu den Lieblingsbeschäftigungen der Geschichte, sich zu wiederholen«, versuchte der Wiener Publizist Friedrich Torberg 1967 Bundesbürger zu beunruhigen. die eine Wiederholung der Ereignisse von 1933 für undenkbar hielten.

Und auch Franz-Josef Strauß wollte, jedenfalls in der Nacht nach der letzten bayerischen Landtagswahl, Parallelen zur Weimarer Zeit nicht von der Hand weisen. Falls die deutsche Sozialdemokratie ihre schicksalhafte Aufgabe (nämlich die Grolle Koalition) jetzt nicht erkenne, meditierte er, im Gesicht noch Fernsehschminke und die Bei Ablehnung der Kaiserkrone.

euphorische Erschöpfung des Wahlsieges, so gäbe es vielleicht doch unausweichliche Gesetzmäßigkeiten, »denen auch ich mich nicht entziehen könnte«.

Konservative wie liberale Fürsprecher eines neuen deutschen Nationalbewußtseins in der Bundesrepublik geben zu erkennen, daß bei ihnen das eingleisige Streben aufs Ganze -- auf dessen Wiederherstellung sich für ein Menschenalter keine Hoffnung bietet -- noch immer einen Vorrang genießt gegenüber der inneren Freiheit einer neuen Ordnung, die das Unglück hat, ein Provisorium zu heißen.

Politiker, die sich 1949 mit diesem Provisorium über ihre eigenen Reichsträume hinwegsetzten, verweigern ihm nach eineinhalb Jahrzehnten entschlossener denn je ihre für das »größere Deutschland« (Thomas Dehler) aufgesparte Liebe.

Dazu paßt, daß der Präsident des Bundestages sich zum Gedenken für den Reichsgründer Bismarck verpflichtet fühlte, während es üblich geworden ist, über den Geburtstag der dritten deutschen Demokratie (7. September 1949) und ihrer De-jure-Souveränität (5. Mai 1955) diskret hinwegzusehen.

Weder Konrad Adenauer noch Theodor Heuss noch Heinrich Lübke brachten es fertig, den Tag dieser wiedergewonnenen Souveränität nach dem größten Zusammenbruch der deutschen Geschichte als einen Termin staatsbürgerlicher Besinnung zu etablieren.

Bürgerliche Politiker, die nun lieber ein nationales Ohrensausen anbieten als eine vorbehaltlose Hinwendung zur parlamentarischen Verfassung und freiheitlichen Lebensauffassung, haben es immerhin geduldet, daß in der rechten Staatspartei CDU das höchste Amt der Republik nach dem Tode von Theodor Heuss unter den Augen des nach Würde lechzenden Volkes wie ein Vereinsvorsitz herumgeschoben und vergeben wurde.

Neben den Zapfenstreich-Visionen, Schellenbäumen und Traditionsfahnen, die dem Horizont der bürgerlichen Rechten längst wieder -- und immer stärker -- die historischen Perspektiven vermitteln, hat sich in den 20 Jahren nichts Neues ansiedeln dürfen. Ohne Kraft zu einem neuen Stil, selber geschient und gegürtet von Protokoll-Ergebenheit und Überlieferung, rümpfen sie die Nase über außerplanmäßige Enthusiasten der Demokratie.

Daß Günter Graß in Ost und West als ein respektabler Aktivposten der jungen deutschen Literatur empfunden wird, daß er in seiner Kampagne »Dich singe ich, Demokratie« mit Einfalt und Anstand Bürgersinn unter der Jugend verbreitete und die Diskussion mit der Bundeswehr suchte, hat ihn in den Augen der Konservativen nicht vom Ruch der Zersetzung befreit oder unter die Ehrenwerten ihrer ganz speziellen Nation aufrücken lassen.

Sie hatten keine Anerkennung für sechs junge Studienräte aus Schleswig-Holstein, die sich mutig gegen den Strom von klebrigen Rasse-Überlieferungen stemmten und dagegen ankämpften, daß man dem antisemitischen Germanisten, Ideologen und NS-Idol Adolf Bartels Straßen, Schulen und einen aufwendigen amtlichen Grabkult widmete.

Es waren Mandatsträger der Christlichen Union, die diesen jungen Ehrenmännern offiziell die Fehde ansagten. Und statt öffentlicher Hochachtung vor ihrer Zivilcourage gab es nur ein diskretes Angebot der Versetzung.

Dieser Staat verteilt seine höchsten Ehrungen, als fürchte er sich davor, in sein Pantheon neben Generaldirektoren und Ministern außer Diensten einen von der Jugend bewunderten Freigeist einzulassen.

Viele konservative Würdenträger des sozialen Rechtsstaates von Bonn, dessen Grundgesetz die erste lebenstüchtige, freiheitliche Demokratie unter Deutschen garantiert, sind, das lehrte die Farce der »Deutschland-Stiftung«, nach wie vor befangen in unverändert undemokratischen Traditionen der Nation und nur bereit, nach rechts hin patriotische Weihen zu spenden.

Mit nationalem Aufwallen ohne vernünftige Zielsetzung behindern sie besonders die jungen Bürger -- über deren Teilnahmslosigkeit sie zu Unrecht Klage führen -, sich diesem Staat und seinen freiheitlichen Grundsätzen mit Bewußtsein zu verbinden; sich im Mitdenken und im Interesse an offener Auseinandersetzung zu üben statt in fraglosem Gehorsam oder in Ehrerbietung.

Statt dessen verweisen die großen Patrioten auf die verblassende Fata Morgana eines Staates der ganzen Nation, dessen Chancen selbst einem vaterländischen Bodybuilder wie Franz-Josef Strauß gleich Null erscheinen.

»Nur indem die deutsche Wiedervereinigung nicht mehr unter dem Aspekt einer nationalstaatlichen Restauration in Erscheinung tritt«, räumt er ein, »wird man sie ihrer Verwirklichung näherbringen können. Es wäre einfach unrealistisch wenn wir von unseren europäischen Nachbarn erwarteten, daß sie das Entstehen einer wirtschaftlichen und politischen Eigenmacht mit dem Potential unseres 72-Millionen-Volkes begünstigen würden.«

Gleichlaufend mit einem kaum verhohlenen altbürgerlichen Nationalismus, mitunter auch als Abwehr gegen seine Unaufrichtigkeit, verbreiten sich Widerwille, Undankbarkeit und innere Distanzierung gegenüber dem neuen Staat.

Patriotische Melancholie setzt sich über ihn ebenso hinweg wie autoritäre Freiheitsverachtung. Zu einem überwirklich edlen Gelehrtenstaat, einer Führerdemokratie ohne Parteien und Mittelmäßigkeit, wird den freien Deutschen -- mit bedenklichem Erfolg bis hinüber zur NPD -- vom philosophischen Puristen Karl Jaspers geraten.

Treue Freunde des versunkenen Preußentums bieten der pluralistischen Industriegesellschaft die Tugenden, Ideale und Disziplinen eines armen, raubgierigen Agrarstaates an. Selbst die liberale Marion Gräfin Dönhoff spricht 1967 in der »Zeit« von »einem wirklichen Staat«, den die überlebenden »staatsbildenden Kräfte« Preußens den Deutschen dereinst wieder schenken müßten.

In Axel Springers »Welt«, die sich dem bürgerlichen Kurs des Jahres 1967 mit massiver Überbemannung auf der Rechten anheimgibt, seufzt Winfried Martini -- von Führungskräften der NPD versehentlich für ihresgleichen gehalten und um Mitarbeit am Partei-Lexikon gebeten -, daß man sich im Grundgesetz so unabänderlich auf Föderalismus und Demokratie festgelegt habe.

Auch der bayerische Oberstaatsanwalt und Polizei-Dozent Dr. Rudolf Samper leitet Chargen der Polizei offiziell zu Vorbehalten gegen das Grundgesetz an. »Das Grundgesetz«, das ist es, was ihn bitter stimmt, »ist eben wesentlich vom Geiste alt-liberalen Gedankengutes beherrscht, und die neoliberalistische Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichtes, die in Wahrheit zutiefst reaktionär ist, vertieft dieses Gedankengut.«

Während Werner Kuhlmann, der Vorsitzende der Polizeigewerkschaft, die Mitglieder seiner Organisation gerade um Berücksichtigung der Erkenntnis bittet, »daß jemand, der wider den Stachel löckt, ein ehrenwerter Bürger und guter Demokrat sein kann«, denunzierte Samper vor den Männern der Exekutive den angeblich »staatsfeindlichen Grundton der Massenmedien, die im Sinne der grollen Demontage Jahr und Tag verkündeten, der wahre demokratische Bürger lasse sich nichts gefallen«.

Schließlich, diesen »provokanten Satz« erlaube er sich, »ist noch kein Staat daran zugrunde gegangen, weil seine Polizei irgendwo hingeschlagen hat, wo sie nicht hätte hinschlagen dürfen«.

Im »Göttinger Arbeitskreis ostdeutscher Wissenschaftler« erhebt Vorstand Joachim Freiherr von Braun Gebietsforderungen zum Kriterium innerer Rechtlichkeit: »Ob die Rechtsstaatlichkeit im Inneren echt, haltbar oder nur Schein ist ... muß bei uns zulande zuerst dort gemessen werden, wo es um die Wiederherstellung der äußeren Rechte des Staates geht.«

Eine Reihe von Honoratioren der schleswig-holsteinischen Landeshauptstadt Kiel vereinbarte es ohne Beschwer mit dem nationalen Gewissen, daß sie dem freiheitlichen Rechtsstaat die Loyalität verweigert und jahrelang den gesuchten Euthanasie-Verbrecher Professor Heyde alias Sawade als amtlichen Gutachter durchgefüttert hatte.

Und der christlich-demokratische Patriot und ehemalige Bundestagsabgeordnete Jakob Diel ließ die Leser der »National-Zeitung« wissen: »Billig und einfach, nicht aber überzeugend ist es, wenn man alles Demokratische verherrlicht und alles Diktatorische verurteilt.«

Im Namen der Nation sucht man Anschluß an anti-demokratische Relikte der Weimarer Republik und versieht die eben noch geheiligten Grundsätze wieder mit doppeltem Boden. Selbst aus den elenden Reflexen des Rassenhasses erlaubt sich ein national gestimmtes Gewissen -- die »National-Zeitung« beweist es in nahezu jeder Ausgabe -, wieder wirtschaftlichen Gewinn und politischen Einfluß zu schürfen.

Da muß ein nationaldemokratischer Studentenführer wie der Freiburger Bernhard Pauli die Feder schon kräftig eintunken, seinem Widerwillen gegen die bestehenden Verhältnisse noch etwas Kontur zu verleihen: »Aus einem bürgerkriegsähnlichen, fremdmachthörigen, geistig verwanzten, machtlosen und armseligen Deutschland«, so ließ dieser adrette Jurastudent sein vom AStA der Freiburger Universität vorsichtshalber zurückgehaltenes Studentenblatt mitteilen, wolle er »ein in sich gefestigtes, geistig autonomes, kräftiges Staatswesen entstehen ... sehen, dessen Bürger der eigenen Gemeinschaft in erster Linie verpflichtet sind, bevor sie pseudosozialistische Phrasen nachbeten, die einzig und allein einem fremden Machtblock dienen«.

Das gleiche Heft berichtete voll Hochachtung über den »Idealismus«, mit dem in der DDR »breite Schichten der Bevölkerung den Staat ausbauen«.

In den von der Bundesregierung finanzierten Anleitungen der »Bundesarbeitsgemeinschaft für Deutsche Ostkunde im Unterricht« wurde den Lehrern empfohlen, nicht den Verstand, sondern den Instinkt für die »innere Abwehr gegen untermenschliche und fragwürdige Ambitionen« zu bilden. Durch eine ideologisch unnachsichtige Ostkunde hoffe man etwas heranzubilden, was »der demokratische Apparat« nach Meinung der Arbeitsgemeinschaft nicht vermag, nämlich: »Überzeugungen und Einsichten im Handeln für alle.«

Antikommunismus als eine nationale Ersatzideologie hat selbst jetzt noch einen solchen Grad von Verbindlichkeit, daß Bundesinnenminister Lücke keine Verlautbarung über Verfassungsschutz-Erfahrungen mit der NPD herausgibt, ohne sich sozusagen paritätisch über den ziemlich bedeutungslosen Linksradikalismus auszulassen.

Die erste, 1966 vom Gewerkschaftsfunktionär Erwin Essl (SPD) dem Bayerischen Landtag präsentierte Mahnung vor dem Rechtsradikalismus der NPD wurde von den Christlich-Sozialen des Parlaments erst akzeptiert, nachdem ihr wie ein falscher Zopf ein paritätisches Kapitel über die Gefahren von links eingeflochten worden war.

»Linke« und »linke Literaten« sind der bevorzugte Feind einer Mitte, die sich ihrer Rechtsneigungen kaum erwehrt.

So wollte der CSU-Staatssekretär Erwin Lauerbach aus dem bayerischen Kultusministerium 1966, gereizt durch den Widerstand deutscher Schriftsteller gegen die damalige Fassung der Notstandsgesetze, sogar im Untergang der Weimarer Republik das Werk »einer Reihe von Literaten« sehen.

Im gleichen Atemzug setzte er Hoffnungen auf die militärischen Traditionsverbände. Und warum? Weil sie, nach Lauerbach, »eine Beziehung auch zur Vergangenheit haben«.

Deutlicher spricht der Vorbehalt gegen die Mobilisierung eines liberalen Staatsbewußtseins auch nicht aus dem Kulturteil des NPD-Blattes »Deutsche Nachrichten": »Nur das ganze Deutschland kann junge Menschen begeistern und mitreißen.« Und: »Weil dem so ist, muß jeder Versuch ... eine separatistische Vaterlandsliebe für das Territorium zwischen Elbe und Rhein, Nordsee und Alpen ins Leben zu rufen, erbärmlich scheitern.«

Wer die Präambel und ihre nationalstaatliche Auslegung für das Wichtigste am Grundgesetz hält, der kann jenen, die sich aufs Grundgesetz konzentrieren, wieder das Prädikat des guten Deutschen absprechen. So will es die Tradition nationaler Mißweisung, die ohne Draußengebliebene nicht auskommt.

Solange die eigentlich gemeinschaftsbildenden Mittel ihnen noch nicht zu Gebote stehen, pflegen rechte Konservative vor allem die versteinerten Totems einer deutschen Schicksalsgemeinschaft. Früher und einschneidender als die »National-Zeitung« und der kleine NPD-Redner Hans Modschiedler ("Emigranten und Widerstandskämpfer sind Landesverräter") hatte Kai-Uwe von Hassel als einer von vielen den späteren Außenminister Willy Brandt außerhalb der wahren Nation zu stellen versucht: »Ich verleugne nicht meine Volks- und Staatsangehörigkeit persönlicher und sonstiger Vorteile wegen. Ich kann diese Schicksalsgemeinschaft nicht verlassen, wenn es mir persönlich gefährlich erscheint, und ihr wieder beitreten, wenn das Risiko vorüber ist.«

Während NPD-Publizisten einem liberalen Schriftsteller wie Sebastian Haffner das Recht absprechen, im Deutschen Fernsehen Kritik an der geheiligten deutschen Flotten-Politik von 1907 zu üben, verweist Heinrich Lübke die redliche, frankophile Bundesbürgerin Klara Maria Faßbinder aus der Gemeinschaft der von ihm repräsentierten, aller Ehren werten Bürger. Billigte sie doch die Friedensideale der letzten zugelassenen Linkspartei.

Aus dem Bundespräsidialamt verlautbarte nach den ersten Fortschritten der NPD Heinrich Lübkes Staatssekretär Dr. Hans Berger, der nun offenkundige Mangel an Staatsgefühl sei hauptsächlich »die Folge der fortwährenden Abwertung unserer Tradition durch die Massenmedien und eine Schicht von Intellektuellen, die sich in der Zerstörung von Werten gefielen«.

Wie aber lauten die vom Bundespräsidialamt empfohlenen Inbegriffe von Demokratie?. »Wertbewußtsein« und »Staatsautorität«.

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Die Schule erzieht Untertanen -- Bücher auf dem Scheiterhaufen -- Wozu die Deutschen bereit sind

Peter Brügge
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