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Rechts-Kurve

aus DER SPIEGEL 45/1947

Der Parteisekretär von Englands Konservativen, Sir Herbert Williams, gab einen massiven Wahlspruch heraus: »Wir haben die unfähigste Regierung, die je über diese Insel herrschte.« Der Parteiboss Winston Churchill verlangte allgemeine Neuwahlen, »und zwar bald«.

Hunderte von Meetings der Konservativen forderten London ein neues Unterhaus. »Allgemeine Wahlen«, rief ein Spruchband von dem Sockel der Nelson-Säule auf dem Trafalgar-Square. Parteiredner unterrichteten durch Lautsprecher die Londoner über die »Sünden der Labour-Regierung«. Zur gleichen Zeit hing ein anderes Spruchband am Trafalgar-Square. Text: »Vielleicht im Traum.« Es war eine Theaterreklame.

Der konservative Traum verwirklichte sich am Wochenende. In England und Wales wurde ein turnusmäßig zurückgetretenes Drittel der Gemeinderäte neu gewählt. Die Wahlbeteiligung war überraschend. Von 15 Millionen berechtigten Männern und Frauen gingen bis zu 80 Prozent zur Urne.

In seinem 20-Zimmer-Landhaus in Chartwell, West-Kent, langte sich Winston Churchill am Samstagabend eine Zigarre aus der Sonntagskiste. »Ein politischer Erdrutsch«, sagte er zu den versammelten Parteigrößen, als er die einlaufenden Resultate überblickte.

Von 1475 Labour-Sitzen gingen 695 verloren. Nur 43 wurden neu erobert. Die Konservativen traten von ihren 618 Mandaten 18 ab und gewannen dafür 639. Die Stärke der Liberalen blieb unverändert. Die Kommunisten verloren 9 von 10 Sitzen. Am Dienstag bestätigte das Ergebnis der schottischen Gemeindewahlen die. Wandlung der öffentlichen Meinung.

Die Tories hißten Siegesflaggen. Ihr Vorsitzender Lord Woolton proklamierte den bardigen »Tag der Befreiung«. Winston Churchill dankte und beglückwünschte alle Wähler, die gegen die »schlechte Geschäftsführung der Sozialisten« protestiert hatten. Offiziell wurde Premierminister Attlee aufgefordert, sich erneut um das Mandat des britischen Volkes zu bemühen. Ebenso offiziell war die Ablehnung. Die Amtszeit der Labour-Regierung läuft noch bis 1950. In Downingstreet wurde entgegnet, man sei »nicht verpflichtet, wegen eines Stimmverlustes in den Gemeindewahlen allgemeine Wahlen auszuschreiben.

Das Gallup-Institut hat festgestellt, gegenwärtig ständen 45 Prozent der Wähler in Großbritannien hinter den Konservativen, die Labour-Party könne sich nur auf 40 Prozent stützen. Die liberale »News Chronicle« veröffentlicht das mit dem Kommentar: »Gegenwärtig hat die Kurve der Labour-Party den Tiefstand seit fünf Jahren erreicht.«

Labour-Sprecher gaben zu, einen ernsten Rückschlag erlitten zu haben. Parteisekretär Morgan Phillipps erinnerte jedoch daran, seine Partei habe im November 1945 immerhin 1359 Gemeinderatssitze gewonnen. Und seitdem habe man keine einzige Unterhaus-Nachwahl verloren.

Auch in den USA hat man die britischen Wahlen aufmerksam verfolgt. Ein Regierungssprecher in Washington meinte, die Durchführung des Marshall-Plans sei jetzt viel leichter geworden. Das britische Wahlresultat sei mindestens 200 Ja-Stimmen im amerikanischen Repräsentantenhaus wert. Die »New York Times« überschreibt ihren Artikel: »Gezeitenwende in Großbritannien« und spricht von einer Demonstration des neuen Windes, der in Europa westlich des Eisernen Vorhangs wehe. Die Ergebnisse »fegen nicht nur die kommunistische Flut zurück, die ganz Europa in den Strudel eines Krieges zu reißen drohte, sondern bieten gleichzeitig auch dem Sozialismus Einhalt«.

Churchill hält seine Zeit wieder für gekommen. Er fühlt sich noch jung. Wenn jemand seine 72 Jahre zitiert, dann erinnert er an den viktorianischen Minister William Gladstone, der noch mit 84 Jahren Premier war. Seine Presse stellt ihn als guten Propheten heraus. Weil sich seine düsteren Voraussagen des Jahres 1945 über kommende Einschränkungen des privaten und gesellschaftlichen Lebens erfüllt haben.

»Wir trecken los«. Eine Wahlvorhersage der »News Chronicle«

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