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TIERE Reden und Singen

Mit einem komplexen Einsatzplan will die bayerische Regierung ihre Bürger vor freilebenden Braunbären schützen. Nur: Es gibt keine Bären im Freistaat.
aus DER SPIEGEL 19/2007

Die Nachricht wurde allenthalben überlesen, und doch avisiert sie das wahre Grauen - zumindest für den bayerischen Umweltminister Werner Schnappauf (CSU): Jurka aus Südtirol ist schon wieder Mutter geworden, und ihre drei Sprösslinge werden sich in Kürze allein in die Büsche schlagen. Über die Alpen Richtung Norden, weil es dort nach dem milden Winter das beste Futter gibt.

Schon einmal ging das gründlich schief, im vergangenen Mai, als sich Jurkas Sohn nach Bayern absetzte - und dort eine blutige Spur durch Hasen- und Kaninchenställe zog. Der Chefsessel im bayerischen Umweltministerium schwankte bei jedem Tritt des Bruno getauften Braunbären, weil Schnappauf die Wilderei nicht stoppen konnte und eingeflogene finnische Bärenjäger sich häufiger dem hochprozentigen Alpen-Enzian hingaben denn der Suche nach dem Raubtier.

Als der Christsoziale den Problembären dann mit einem feigen Blattschuss erledigen ließ, wäre er unter den Buhrufen der Volksseele beinahe von seinem Stuhl gekippt. Sogar um den Kadaver entwickelte sich noch eine diplomatische Verstimmung:

zwischen den Jägern aus Bayern und Brunos Landsleuten aus dem Trentino.

Um einer derartigen Regierungskrise künftig vorzubeugen, brüteten im Winter Experten in Schnappaufs Auftrag über einem Geheimpapier: dem »Managementplan Braunbären in Bayern - Stufe 1«.

Kaum ist das Dokument nun auf dem Tisch, hagelt es auch schon Hohn und Spott aus den eigenen Reihen: Das bürokra- tische Monstrum sei umfangreicher als die amerikanische Unabhängigkeitserklärung, feixten die CSUler im Landtag, der Augsburger Abgeordnete Max Strehle bezeichnete den Plan gar rüde als »Schwachsinn«.

Der Minister reagierte beleidigt. Man habe schließlich nicht das Rad neu erfunden, sondern vergleichbare Pläne in Österreich und der Schweiz zum Vorbild genommen, konterte Schnappauf. Der Unterschied ist nur: In Österreich und anderen Alpenländern gibt es Braunbären - in Bayern nicht.

Trotzdem, sollten Brunos Brüder plötzlich über die grüne Grenze schleichen, läuft das Management an: Die Steuerungsgruppe »Große Beutegreifer« wird sich mit Arbeitsgruppen und dem Wildtierfonds kurzschließen, dieser verständigt das »Monitoring vor Ort«, das im Ernstfall eine schnelle Eingreiftruppe aus Österreich in Marsch setzen kann. Die Alpen-Task-Force ist wiederum vertraglich an das Landesamt für Umwelt gebunden und muss am Ende zwingend den Minister befragen, bevor das Feuer eröffnet oder der Bär anderweitig »aus der Natur entfernt« wird.

Man könne aber, beschreibt der Plan, den Bären auch umerziehen, schließlich sei das Tier hochintelligent und äußerst lernfähig. Erreicht also Meister Petz das vom Ministerium gesteckte Klassenziel, den Umgang mit den Menschen »möglichst konfliktfrei« zu gestalten, winkt ihm, wie in Behörden üblich, eine Art Beförderung: »Bei einem Bären, der als ,kritisch' oder ,gefährlich' eingestuft ist, sich dann aber über längere Zeit wieder ,normal' verhalten hat, empfehlen die Fachleute eine entsprechende Zurückstufung.«

Die Wildtiermanager sind sich durchaus im Klaren, dass es - wie im wirklichen Leben - solche und solche Bären geben kann. Die also, die sich brav im Wald und an Flussläufen laben, und andere, deren Pelz auf Krawall gebürstet ist. Doch auch damit lässt das neue Paragrafenwerk den Wanderer nicht allein. Eine üppige Tabelle hilft, das Tier bei plötzlichen Begegnungen einzustufen: Von »ungefährlich« bis »sehr gefährlich« ist alles drin.

Dazu müsse man, wie das Papier empfiehlt, auch die Vorgeschichte des Einwanderers kennen, was dem einfachen Spaziergänger freilich verwehrt bleiben dürfte.

Was tun? Gelassenheit und ruhiges Reden sollen, so die Verhaltensregeln, dazu beitragen, den Räuber erst einmal milde zu stimmen. Eventuell, lernt man beim Weiterlesen, ist der Bär auch nur neugierig oder startet einen Scheinangriff. Wer nicht genug Nerven besitzt, das abzuwarten, kann sich immer noch flach auf den Boden legen und die Hände im Nacken verschränken: »Der Bär wird in der Regel nicht zuschlagen, sondern Sie beschnuppern und als ungefährlich bewerten.«

Was der Braunbär gar nicht mag, sind offenbar Überraschungen. Deshalb empfehlen die Experten, vor allem an rauschenden Wildbächen frühzeitig auf sich aufmerksam zu machen, etwa durch lautes Singen.

Bei der Opposition im bayerischen Landtag konnte das 16-seitige Werk trotz dieser Tipps keine Begeisterung entfachen. Denn SPD und Grünen geht der Managementplan nicht weit genug. So monierten die Sozialdemokraten, es sei in all den Expertengremien keine einzige neue Teilzeitstelle geschaffen worden. Die Grünen vermissen zügige Pläne auch für die Beutegreifer Luchs und Wolf. Was fast wie eine Drohung klingt, bringt Schnappaufs Task-Force nicht aus der Ruhe: Dort arbeitet man mit Hochdruck am Bärenplan Stufe 2. CONNY NEUMANN

* Am 9. Mai 2003 im Nationalpark Berchtesgaden.

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