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JUDEN Redende Steine

Juden protestierten, Polizisten marschierten - in Frankfurt werden die historisch wertvollen Reste des einstigen Judenviertels geschleift. *
aus DER SPIEGEL 37/1987

Frankfurts Oberbürgermeister Wolfram Brück, 50, ehemals Staatsanwalt und immer noch mit Anklagen fix zur Hand, hat eine neue politische Kampfvokabel entdeckt - die Würde.

Stadtgeschichte, erklärt der schneidige Christdemokrat neuerdings, habe sich »in würdiger Form« zu präsentieren. Wer seine Auffassung nicht teilte, daß Geschichte am besten im Museum »zu würdigen« ist, bietet in seinen Augen ein »würdeloses Schauspiel«.

Das Urteil des konservativen Rathauschefs gilt einer städtischen Baustelle, auf der nichts mehr nach Plan läuft: Historisch bedeutsame Funde stehen am Börneplatz den Betonmischern im Wege.

Auf dem Platz, benannt nach dem streitbaren Schriftsteller und Journalisten Ludwig Börne, der 1786 in der Hölle des Frankfurter Judengettos geboren wurde, stießen Bauarbeiter vor drei Jahren erstmals auf Reste der »Judengasse«, eines einst 300 Meter langen Straßenzuges, in dem zu Börnes Zeiten 3000 Juden zusammengepfercht waren.

Archäologen legten Keller und Grundmauern von 19 Häusern frei, darunter ein Hospital und jüdisches Ritualbad - insgesamt fünfzig Meter der Judengasse kamen ans Tageslicht. »Die Steine reden nun an diesem Ort«, schrieb die »Süddeutsche Zeitung«, »und lauter als man glauben mag.«

Plötzlich war die schmale Gasse wieder zu erkennen, die Börne ("mühsam

durch den Koth watend") beschrieben hatte und auf der sich das Leben der weitgehend rechtlosen Frankfurter Juden abspielte, weil die »düsteren Behausungen« (Börne) ihnen nicht genug Platz boten. Es sei etwas anderes, meinte die »Frankfurter Rundschau«, »von Gettos zu wissen, als die Drangsal ihrer Enge und Düsterheit nachzuempfinden«.

Doch »das vielleicht wichtigste Zeugnis jüdischen Lebens in Deutschland«, wie das Frankfurter Presseamt unlängst noch urteilte, wird nach dem Willen der Stadt nur in Bruchstücken erhalten bleiben. Auf der Fundstelle soll ein Zweckbau der Stadtwerke entstehen, in dessen Schalterhalle sodann einige alte Gebäude-Grundrisse rekonstruiert werden.

Nach Ansicht Brücks, läßt sich auf diese Weise »die historische Situation in hervorragender Weise deutlich« machen. Leserbriefschreiber hingegen befürchten »unerträgliche Reminiszenzen«, weil die Ausstellungshalle »auch noch für Gasabrechnungen« dienen soll.

Tatsächlich bietet der überstürzte Baggereinsatz ein bedrückendes Beispiel für instinktlosen Umgang mit der Vergangenheit. »Darf man am Börneplatz überhaupt bauen?« fragte die »Frankfurter Allgemeine«- das Blatt erinnerte daran daß die Stadt auch bei früheren Planungen »bedenkenlos über alle kulturgeschichtlich bedeutsamen Spuren« des Judengettos »hinweggegangen« sei.

Die CDU-Stadtregenten lassen sich allerdings gar nicht gern nachsagen, keinen Sinn für Lokalgeschichte zu haben. Schon Brück-Vorgänger Walter Wallmann hatte einen »Nachholbedarf an Identifikation und Heimatgefühl« bei den Frankfurtern ausgemacht - und entsprechend gehandelt.

Wallmann ließ mit Multi-Millionen-Aufwand alte Plätze restaurieren und traditionsreiche Gebäude erhalten oder gar völlig neu bauen, etwa die Fachwerkhäuser auf dem Römerberg, die mehr als fünfzig Millionen Mark kosteten. Bei jeder Einweihung ließen sich Wallmann und die Frankfurter Union für ihr Geschichtsbewußtsein feiern.

An gerade elf Millionen Mark, die in aller Schnelle in den Rohbau der Stadtwerke auf dem Börneplatz gesteckt worden sind, soll nun die völlige Erhaltung der Reste des Judengettos scheitern. Der Vorstand der Jüdischen Gemeinde hatte dem widerwillig zugestimmt, nachdem, so Vorstandsmitglied Salomon Korn, die Stadt ihm »drohend die Kosten für die Konservierung vorgehalten« habe.

Der Friede endete, als Bagger vorletzte Woche im städtischen Auftrag die Westseite der Judengasse völlig niederrissen, so daß die Enge des Gettos am Beispiel der gerade zwei Meter breiten Gasse nicht mehr sichtbar blieb.

Junge Juden und Christen besetzten aus Protest den Bauplatz. Kirchenobere, Gewerkschaftsführer und Politiker wie der Ex-Minister Armin Clauss gesellten sich dazu. »Hier entsteht ein Geschichts-Entsorgungspark«, sprühten Demonstranten auf die Planungstafel des Neubaus.

»Wir im Römer«, tönte Brück aus dem Rathaus zurück, »werden den Rechtsbruch nicht hinnehmen.« Am Mittwoch letzter Woche ließ er die Polizei zu einem bizarren Einsatz aufmarschieren: Junge Juden wurden wegen »Hausfriedensbruch« aus den Resten des einstigen Judengettos gezerrt.

Brück tut den Streit um die Zeugnisse jüdischer Geschichte in Frankfurt schlicht als Produkt »aufgeregter Beflissenheit« gegenüber den Juden ab. In Frageform behauptete der Unionschrist im Stadtparlament gar, die Debatte wäre so nicht entstanden, wenn Häuser von Menschen gefunden worden wären, die »Benachteiligungen« erlitten hätten, ohne Juden gewesen zu sein. _(Historische Darstellung. )

Historische Darstellung.

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