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»REFORM WEDER MÖGLICH NOCH OPPORTUN«

aus DER SPIEGEL 39/1964

Von fast allen nichtkatholischen Kirchenführern und Theologen, die sich über das Konzil äußerten, wurde die Revision der katholischen Haltung zur Mischehe als eine der wichtigsten Aufgaben bezeichnet. In der innerkatholischen Debatte, die bislang kaum publik wurde, gehen die Meinungen weit auseinander:

»Herr, ich bitte Dich, ändere Du die Gesetze der (katholischen) Kirche für die Mischehen zwischen Christen verschiedener Konfession und zwischen Christen und Nichtchristen. Lasse nicht zu, daß von diesen Menschen ein heroisches Entsagen gefordert werde, denn Du bist es, der die edlen Herzen zueinander zieht ... Herr, erbarme Dich Deiner Kirche! Herr, erbarme Dich derer, die durch diese moderne Gesetzgebung zu Fall kamen!«

ABBE PAUL COUTURIER (Frankreich)

»Es ist wohl nicht zuviel behauptet, wenn ich erkläre, daß es heute viele katholische Theologen und auch Bischöfe gibt, die gerade im Hinblick auf die Mischehe sich für eine solche Ordnung einsetzen, die dem Evangelium entspricht, wenn es auch offen bleibt, ob das gegenwärtige Konzil sich zu einer entsprechenden Neuregelung durchzuringen vermag.«

PROFESSOR THOMAS SARTORY (München)

»Die katholische Mischehenpraxis ist eine Wunde in unserem gegenseitigen Verhältnis. Das empfinden nicht nur evangelische Christen; wir können ihnen das ganz nachfühlen. Es ist eine Wunde, die nicht von selbst zuheilt; sie müßte schon zugenäht werden, um verheilen zu können. Zunähen würde bedeuten, daß die katholische Kirche ihre Mischehenpraxis ändert, indem sie etwa für Länder mit stark konfessionell gemischter Bevölkerung das alte Ausnahmerecht wieder aufleben ließe, das vor 1918 ... z. B. in Deutschland galt.«

GERTRUDEREIDICK, Kirchenrechtlerin (Dortmund)

»Nicht alles (ist) dogmatisch und nicht alles göttliches Recht, was so oft gesagt wird bezüglich der Versprechen, die (vor katholischer Trauung einer Mischehe) abgelegt werden müssen usw. Wenn wir (Katholiken) schon ein Gewissen haben müssen, sollen wir immer daran denken, daß die anderen auch eines haben.«

PROFESSOR HANS KÜNG, Konzilstheologe (Tübingen)

»Gewiß, auch die anderen haben ihr Gewissen. Dadurch wird aber die Gewissenspflicht des katholischen Teils nicht aufgehoben oder beschränkt, zumal die Situation objektiv eine andere ist. Hier liegt die Übereinstimmung mit der objektiv richtigen Ordnung vor, dort nicht. Der Konflikt zwischen Gewissen und Gewissen kann zuweilen unvermeidbar sein. Aber das ist im allgemeinen kein Grund, eine nichtkatholische Erziehung der eigenen Kinder zu billigen oder hinzunehmen.«

PROFESSOR HERIBERT SCHAUF, Konzilstheologe (Aachen)

»Die vom Konzil so vielfach erbetene Neuregelung des Mischehenrechts muß dafür Zeugnis ablegen, wie sehr der katholischen Kirche die Wiedervereinigung der Christenheit am Herzen liegt.«

PROFESSOR BERNHARD HÄRING, Konzilstheologe (Rom)

»Die Herausnahme der Mischehen aus der kanonischen Formpflicht (die Gültigkeit aller Mischehen) ist ... weder notwendig noch möglich noch opportun. Das geltende kirchliche Eheschließungsrecht wird der Aufgabe der Kirche, Hort der Wahrheit und Stätte des Heils zu sein, die Welt zu heiligen auch durch das Ehesakrament, am besten gerecht.«

GEORG MAY, Professor für Kirchenrecht an der Universität Mainz

»Die Aussicht, daß ich mit diesem Vorschlag durchkommen werde, die halte ich selbst nicht für allzu groß.«

JOSEPH KARDINAL FRINGS nach seiner Konzilsrede, in der er die Forderung stellte, alle Mischehen als gültige Ehen anzuerkennen.

»Sicherlich werden gemäß der ökumenischen Haltung dieses Konzils im Eherecht der Kirche manche Einzelheiten über die Mischehe neu gefaßt und spürbar geändert und verbessert werden.«

JULIUS KARDINAL DÖPFNER, Erzbischof von München und Freising, am 8. Dezember 1963

»Eine globale Beurteilung oder richtiger Verurteilung, das katholische Mischeherecht sei reformbedürftig, führt in die Irre. Mit gutem Gewissen kann nur die Änderung unwesentlicher Bestimmungen empfohlen werden, während das wesentliche Gefüge erhalten bleiben muß.«

DOMKAPITULAR HEINRICH EISENHOFER, Erzbischöflicher Offizial in München, am 2. April 1964

»Die alten Normen werden von den Kreisen Andersgläubiger teilweise als verletzend empfunden. Dies liegt nicht in der Absicht dieser Normen und nicht in der Absicht der Kirche. Die Kirche will jedoch niemand verletzen, und sie wird, soweit es in ihrer Macht steht, d.h. soweit sie nicht selbst von Gott gebunden ist, das Ihrige tun, um solche auch unbeabsichtigte Verletzungen des Empfindens anderer zu vermeiden. Dies zu verwirklichen, dürfte, gerade im Bereich der Mischehenneuordnung, durch die Entwicklung der Zeit möglich geworden sein.«

ERZBISCHOF JOSEF SCHNEIDER (Bamberg)

»Wir sind sicher, daß diese Fragen auf dem Konzil von den Bischöfen im Bewußtsein ihrer Verantwortung vor Gott und für die Kirche Jesu Christi geprüft und in der Neufassung des Kirchenrechtes zu einer Klärung gebracht werden.«

BISCHOF HELMUT HERMANN WITTLER (Osnabrück)

»Es mag ... die ökumenische Haltung des Konzils zu dem trügerischen Schluß verleitet haben, das Konzil werde alle derzeitigen Vorschriften und Maßnahmen beim Abschluß einer Mischehe beseitigen ... Die seelsorglichen Notstände sind uns nur zu gut bekannt, und wir suchen nach Wegen, ihnen zu begegnen. Aber man kann hier nicht vorschnell entscheiden. Die Verhältnisse sind komplizierter, als manche meinen. Bei alledem wird das Konzil und vor allem die Kommission zur Reform des Kirchenrechtes jede Möglichkeit prüfen, um seelsorgliche Notstände im Geist christlichen Verstehens zu beheben.«

ERZBISCHOF LORENZ JAEGER (Paderborn)

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