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GENERALE Regelrechte Panik

Divisionskommandeur Bastian, wegen seines Eintretens für Wehners Abrüstungsthesen heftig attackiert, entspricht nicht dem Bild des unpolitischen Militärs.
aus DER SPIEGEL 14/1979

Unter den Generalen, die ihm bei der Verabschiedungsfeier für den Heeresinspekteur Horst Hildebrandt vorgestellt wurden, besah sich Verteidigungsminister Hans Apel den Kommandeur der 12. Panzerdivision etwas genauer. »So, so«, grüßte Apel jovial, »Sie sind also der, der uns den ganzen Wirbel verschafft hat.«

Einen Tag später, am vergangenen Freitag, erreichte der Wirbel um Generalmajor Gert Bastian seinen Höhepunkt, als im Bundestag die CDU/CSU erneut die Entlassung des Kommandeurs forderte und wiederum bei dem Versuch scheiterte, den »unglaublichen Vorgang« (CDU-Verteidigungsexperte Manfred Wörner) zu einer neuen Generalsaffäre zu stilisieren. Bastians Vergehen: Der Offizier hatte sich erlaubt, der These des Sozialdemokraten Herbert Wehner von der defensiven Haltung der Sowjet-Union gegenüber dem Westen beizupflichten.

Selbst unter den Offizieren, die -- anders als Bastian -- in der Sowjet-Armee eine tödliche Bedrohung sehen, hat der zu jäher Publicity gekommene General »so etwas wie einen Solidarisierungseffekt« ausgemacht: »Die Kampagne war eindeutig überzogen.«

Als nachgerade hilfreich für den General erwiesen sich die Angriffe der Oppositionspresse, allen voran »Welt« und »Frankfurter Allgemeine' ("FAZ").

Den Krieg, so berichtete etwa die »Welt« viertelwahr' habe Bastian »in Frankreich erlebt«. Die Unterstellung deutete der Panzerkommandeur durchaus richtig: »Damit soll wohl der Eindruck erweckt werden, ich sei dort von Bordell zu Bordell getorkelt.«

Und in der »FAZ« verdächtigte Militärstratege Adelbert Weinstein den Zwei-Sterne-General, er wolle sich mit allen Mitteln profilieren, um »den dritten Stern« zu bekommen.

Der 56jährige Bastian wird in vier Jahren pensioniert und ist durch übertriebenen Ehrgeiz noch nie aufgefallen, höchstens durch unkonventionelles Verhalten: So fuhr er zu einer Kommandeurstagung in Sindelfingen nicht im bundeswehrüblichen dunklen Mercedes-Diesel vor, sondern in einem rostfarbenen Matra-Bagheera -- für den »FAZ«-Oberst der Reserve gewiß »ein Sonderling«, der nicht der Vorstellung eines rechten Kommißstiefels entspricht.

»Er ist«, beschreibt ihn ein Lokaljournalist aus Bad Mergentheim, »ein Mann, der keine lauten Töne liebt« und seine Einheiten -- 18 400 Mann zwischen Nürnberg und Koblenz -- »am langen Zügel führt«, ein Offizier, der, wie Major Jens Braunschmidt von der Divisionszentrale in Veitshöchheim bei Würzburg weiß, »die Zentrale Dienstvorschrift nicht bis ins letzte Detail befolgt«.

Hart reagiert Bastian allerdings, so berichten Offiziere, wenn Vorgesetzte ihre Untergebenen rüde behandeln. »Da kenne ich keine Gnade«, gibt Bastian zu: »Ich habe immer wieder den Leuten eingehämmert, daß sie. die Wehrpflichtigen zu Wehrunwilligen machen, wenn sie sie falsch behandeln.«

Weniger Wert pflegt der Kommandeur auf Formalausbildung zu legen, und aus seiner Abneigung gegen Drill und ähnliche »sinnlose Mätzchen« macht er keinen Hehl: »Wenn ich die Nationale Volksarmee der DDR im Stechschritt paradieren sehe, läuft es mir kalt den Rücken herunter.«

Die »gedrillten Marionetten« hat er allerdings früher, »noch vor fünfzehn Jahren schön gefunden« -- wenig verwunderlich für einen Berufsoffizier, der schon 1953, drei Jahre vor Gründung der Bundeswehr, bei der damaligen Dienststelle Blank um Einstellung nachsuchte.

Das Kriegshandwerk hatte er als 18jähriger gelernt. Sofort nach dem Notabitur meldete er sich freiwillig und kam 1942 an die Ostfront. Zweimal verwundet, wurde er im Juni 1944, bei Beginn der alliierten Invasion, in die Normandie versetzt, wo er zum drittenmal verwundet wurde. Seine Schußverletzung kurierte er in einem Bad Tölzer Lazarett bis März 1945 aus und wurde dann noch einmal an die nahe Ostfront geschickt.

Nach kurzer Gefangenschaft lernte er Buchbinderei, machte sich 1948 selbständig, verdingte sich aber nach drei Jahren, als der Kleinbetrieb nicht so recht florierte, beim Münchner Versorgungsamt als Rentensachbearbeiter -- bis er 1956 als Oberleutnant bei der Bundeswehr anfing.

»Major wollte ich schon werden«, erinnert er sich an sein Karriereziel. Mehr dem Zufall als der eigenen Tüchtigkeit schreibt er zu, daß er vier Stufen höher gestiegen war, als er im Oktober 1976 die 12. Panzerdivision übernahm.

Als Kommandeur setzte er Vorstellungen um, die er zwanzig Jahre zuvor von Ulrich de Maizière, dem Erfinder der »Inneren Führung« und späteren Generalinspekteur, gehört hatte.

Bastian ließ Oberst Fritzjürgen Kunze, der von der »Schule für Innere Führung« in Koblenz kam und in Tauberbischofsheim das Artillerieregiment 12 befehligt, ein Konzept der Politischen Bildung entwickeln, das derzeit als »Tauberbischofsheimer Modell« vom Verteidigungsministerium daraufhin geprüft wird, ob es für die ganze Bundeswehr empfohlen werden soll.

In die Schlagzeilen kam der Kommandeur allerdings durch andere Aktivitäten. So geriet er vor zwei Jahren mit dem Neonazi Erwin Schönborn aneinander, der dem »Kameraden« Bastian antisemitische Pamphlete zuschickte. Der General verbat sich die Belästigung, Schönborn wurde ausfallend und wegen Beleidigung verurteilt.

Im vergangenen Jahr sorgte Bastian für Aufregung im rechten Lager, als er seiner Division die Aufführung des »Badenweiler Marsches« untersagte: Die »Geisberg-Buben«, eine Folkloregruppe der Division, hatten bei einer öffentlichen Veranstaltung Hitlers Lieblingsmarsch geblasen -- unter »Heil Hitler«-Rufen aus dem Publikum. »Der Badenweiler«, erläuterte Bastian, »wurde im Dritten Reich nur gespielt, wenn Hitler kam« -- und das ruft noch heute bei dem General »eine Aversion gegen das Stück hervor«.

Eine »regelrechte Panik« (Bastian) löste der parteilose Kommandeur im vergangen Monat aus, als er, auf einer Juso-Veranstaltung im fränkischen Bad Mergentheim befragt, sich positiv zu den Abrüstungsvorschlägen des SPD-Fraktionsvorsitzenden Wehner äußerte.

Die persönlichen Verunglimpfungen, mit denen Bastians Gegner ihre Kampagne garnierten, nahm der General gelassen hin -- bis auf eine. Bastian habe, so fabulierte der »FAZ«-Leitartikler Weinstein, »gestelzte, oft recht mühsam formulierte Erklärungen« abgegeben.

Das, sagt Bastian, »hat mich in meiner Eitelkeit getroffen«.

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