Botschaften in Moskau Amerikaner und Briten lassen Regenbogenfahne flattern

Gemeinsam machen sich westliche Diplomaten in Moskau für die Rechte von Minderheiten in Russland stark. Demonstrativ hissten die Botschaften der USA und Großbritanniens die Regenbogenflagge - und trotzen der Kritik aus dem Kreml.
Die Regenbogen- und die Nationalfahne wehen an der US-Botschaft in Moskau

Die Regenbogen- und die Nationalfahne wehen an der US-Botschaft in Moskau

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Valery Sharifulin/ ITAR-TASS/ imago images

Für die Liebe und gegen Hass und Hetze, das ist das Motto von vielen westlichen Diplomaten in Russland, die mit ihren Aktionen für LGBTI-Rechte in diesen Tagen den Kreml verärgern. Bereits am Donnerstag sorgte die US-Botschaft in Moskau für Aufregung, als sie an ihrem Gebäude mitten im Stadtzentrum die Regenbogenflagge raushängte - das Symbol der Homosexuellenbewegung direkt neben der "Stars and Stripes"-Nationalflagge. Die britische Botschaft zog nach und hisste ebenfalls die Regenbogenfahne. 

Am Samstag veröffentlichten dann fünf Botschaften eine gemeinsame Stellungnahme  und forderten die russische Regierung auf, die Rechte aller Bürger zu schützen, "einschließlich der LGBTI-Community". Das Kürzel steht für Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transsexuelle und Transgender sowie Intersexuelle.

"Wir bekräftigen die jedem Menschen innewohnende Würde, wie sie in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte zum Ausdruck kommt", heißt es im Statement der Diplomaten. Leider seien LGBTI-Personen auf der ganzen Welt nach wie vor Gewalt, Belästigung und Diskriminierung ausgesetzt, "nur weil sie so sind, wie sie sind". Der Schutz des Gesetzes stehe allen zu, unabhängig von der sexuellen Orientierung oder Geschlechtsidentität: "Menschenrechte sind universell. Jeder hat darauf vollen Anspruch."

Britische Botschaft in Moskau: Ein Signal für Toleranz

Britische Botschaft in Moskau: Ein Signal für Toleranz

Foto: SHAMIL ZHUMATOV/ REUTERS

Unterzeichnet haben die Erklärung die Botschafter Australiens, Kanadas, Neuseelands, Großbritanniens und der Vereinigten Staaten. Sie kritisieren damit die Unterdrückung von Minderheiten in Russland. Dort stellt ein Gesetz das Zeigen gleichgeschlechtlicher Liebe und das Reden darüber in Anwesenheit von Kindern unter Strafe. 

Neue Festnahmen in Russland 

Daher müssen sexuelle Minderheiten in Russland zunehmend Repressalien und Gefängnis befürchten. So gab es in Moskau und St. Petersburg am Samstag Dutzende Festnahmen bei Mahnwachen für die unter Hausarrest gestellte LGBTI-Aktivistin und Künstlerin Julia Zwetkowa. Weil sie erotische Zeichnungen von Frauen angefertigt hat, droht ihr eine Haftstrafe wegen Verbreitung von Pornografie. Insgesamt habe es mehr als 40 Festnahmen gegeben, wie das Portal Owd-Info samt Fotodokumentation berichtete. 

Die Regenbogenflagge steht als Symbol für Toleranz, für das Akzeptieren der Vielfalt von Lebensmodellen. Sie sei von dem amerikanischen Künstler Gilbert Baker gestaltet und am 25. Juni 1978 bei der Parade des Gay Freedom Day in San Francisco gehisst worden, erklärte die US-Botschaft auf Facebook in russischer Sprache zu einem Foto ihres am 25. Juni neu dekorierten Gebäudes: "Der Monat des Stolzes soll betonen, dass jeder Mensch es verdient, ein Leben zu führen, das frei von Hass, Vorurteilen und Verfolgung ist." US-Botschafter John Sullivan ergänzte die Aktion mit einer Videobotschaft.

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Der Ausgangspunkt der LGBTI-Bewegung war eine Polizeirazzia Ende Juni 1969, als Schwule und Lesben sich an der Christopher Street in New York City gegen die Polizei wehrten und es zu tagelangen Unruhen kam. Damit begann vor einem halben Jahrhundert der Kampf für die Rechte von Homosexuellen. Seitdem finden weltweit Paraden in großen Städten zum Christopher Street Day statt, in diesem Jahr durch die Coronakrise gestoppt oder nur mit kleineren Demonstrationen, wie am Samstag bei "Berlin Pride 2020".

Mit ihrer öffentlichen, gemeinsamen Aktion trotzen die fünf Botschaften der russischen Regierung, die mit ihrer Politik seit Langem in der Kritik steht, Hass gegen sexuelle Minderheiten zu schüren, ähnlich wie die Regierungen Polens und der Ukraine. Am Donnerstag hatte Kremlsprecher Dmitri Peskow nach dem Hissen der Regenbogenflagge an der US-Botschaft gesagt: "In jedem Fall sind jedwede Vorkommnisse der Propagierung nicht traditioneller sexueller Minderheiten und so weiter in unserem Land per Gesetz nicht zulässig." Im Außenministerium werde bereits eine angemessene Reaktion auf die Aktion der Diplomaten erörtert, sagte Peskow weiter. 

In Russland soll in umstrittenen Verfassungsänderungen unter anderem festgelegt werden, dass eine Ehe nur zwischen Mann und Frau möglich ist. Präsident Wladimir Putin hatte betont, dass es in Russland niemals gleichgeschlechtliche Ehen geben werde, solange er an der Macht sei - und Verfassungsänderungen sollen ihm noch 16 weitere Jahre an der Macht ermöglichen.

jol/dpa
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