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Hausbesetzer Reges Leben

Die Stadt Potsdam entwickelt sich zur Hausbesetzer-Hochburg. Sicherheitsexperten fürchten eine neue »Hafenstraße«.
aus DER SPIEGEL 12/1994

In der Lindenstraße ist die Ruhe dahin. Im Altbauviertel der Potsdamer Innenstadt formiert sich in buntbemalten Häusern postsozialistischer Protest.

Ein Tarnnetz der Sowjetarmee ziert das Dach, unter dem Kai, 25, umrahmt von Hunden ohne Halsband und Hundemarke, gemeinsam mit Freunden alternatives Leben probt. Quer über die Straße gespannt, verkündet ein gelbes Transparent das Motto der Szene: »Hausbesetzungen sind kein Problem, sondern die Lösung.«

Das sehen Potsdams Stadtobere ganz anders. Der sozialdemokratische Oberbürgermeister Horst Gramlich, 55, will »den Hausbesetzern nicht die Innenstadt überlassen«. Baustadtrat Detlef Kaminski, Vertreter des rechten SPD-Flügels, äußerte gar schon Verständnis für Aufrufe zur »Selbstjustiz«.

Anlaß für die Aufregung in der sonst eher beschaulichen Preußenstadt: Seit der Wende haben etwa 200 bis 300 junge Leute in der City und im Villenvorort Babelsberg zahlreiche leerstehende Altbauten besetzt. Derzeit sind 20 Gebäude in ihren Händen. _(* Am 22. September 1993 in der ) _(Gutenbergstraße. )

Anwohner und Kommunalpolitiker haben die Aktionen der »Instandbesetzer«, wie sich die Aktivisten selbst nennen, zunächst toleriert. Doch der Spielraum für die Alternativen, die einen Verein »Spaß am Leben e. V.« gründeten und in der einstigen Musikschule der Sowjettruppen eine »Volksküche« einrichteten, wird enger.

Haus-Erben, westdeutsche Investoren und konservative Hardliner drängen seit Monaten darauf, das »rege Jugendleben«, so ein Geschäftsmann, zu beenden. Im September kam es nach der Räumung einer von den Besetzern genutzten »Tanzfabrik« in der Gutenbergstraße zu ersten Krawallen, bei denen die Polizei 36 Teilnehmer festnahm.

Die Auseinandersetzungen zwischen Besetzern und Staatsmacht eskalierten, als Polizisten nach einer Hausräumung im Februar 60 Demonstranten festnahmen, darunter zahlreiche Jugendliche unter 18 Jahren. Bei einer Straßenschlacht wurden mehrere Polizisten und Hausbesetzer verletzt, Fensterscheiben von Banken und Geschäften gingen zu Bruch.

Zu den bislang heftigsten Krawallen kam es schließlich Anfang des Monats, als die Polizei eine Demonstration von etwa 400 Sympathisanten der bunt-alternativen Szene auflöste. Wieder flogen Steine und zerbrachen Schaufensterscheiben. Bilanz der Randale: 85 Festnahmen, Verletzte bei Polizei und Demonstranten. Am darauffolgenden Wochenende schepperte es bei einer Räumung erneut, die Polizei zählte 57 Festnahmen.

Die Ausschreitungen haben die Besetzer Sympathien gekostet, vor allem bei Anwohnern der besetzten Häuser. »Solche anarchistischen Zustände sind in hohem Maße geschäftsschädigend«, klagt Volker Wegner, 46, Geschäftsführer eines Funk- und Fernsehladens in der Gutenbergstraße.

Die von Baustadtrat Kaminski verkündete »härtere Linie« ist unter den regierenden Sozialdemokraten umstritten. Jugendstadträtin Hannelore Knoblich hält dagegen: »Allein mit dem Knüppel erreicht man gar nichts.«

PDS-Fraktionschef Rolf Kutzmutz, 46, der bei den Kommunalwahlen im Dezember mit 45,3 Prozent der Stimmen das Oberbürgermeisteramt nur knapp verfehlte, profiliert sich als Vermittler zwischen Stadt und Besetzern. Kutzmutz möchte »Konzepte für alternatives Wohnen« entwickeln.

Selbst Strategen in der Potsdamer Polizeiführung suchen nach Alternativen zum Knüppel-Kurs. Verfassungsschützer warnen derweil vor einem Hafenstraßen-Effekt. Die Auseinandersetzung um die Hausbesetzer in der Hamburger Hafenstraße hat in der Vergangenheit immer wieder zu schweren Gewaltausbrüchen geführt.

Auch die Potsdamer Hausbesetzer sind uneins, wie weit sie die Eskalation treiben sollen. Die Mehrheit ist nach Einschätzung der Polizei gegen eine bedingungslose Konfrontation. »Randale«, sagt Besetzer Kai, »ist nicht unsere Linie.«

Der Verein »Barocke Denkmalsanierung«, der sich um eine gewaltfreie Lösung bemüht, hat für 21 Besetzer bereits ein Ausweichquartier am Stadtrand gefunden, eine ramponierte Villa. Ein dreijähriger Nutzungsvertrag soll in dieser Woche unterzeichnet werden.

Doch eine militante Minderheit von Autonomen ist an Frieden nicht interessiert. Sie werden durch Gesinnungsgenossen aus Berlin-Kreuzberg und der brandenburgischen Provinz verstärkt. Eine »Bewegung 8. Mai« aus Rathenow hat zu »erbitterter Gegenwehr« aufgerufen. Im Berliner Autonomenblatt Interim drohen Militante: »Wir können auch anders.«

Angeheizt wird der Konflikt zudem von einigen Geschäftsleuten, die eine Bürgerwehr gegen die Hausbesetzer aufstellen wollen. Die könnte gefährlichen Zulauf bekommen: Für das Rambo-Projekt interessieren sich vor allem Schläger aus der mit dem Rotlichtmilieu verfilzten rechtsextremistischen Szene in Potsdam. Y

* Am 22. September 1993 in der Gutenbergstraße.

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