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Briefe

Regiehaken
aus DER SPIEGEL 38/1950

Regiehaken

In Ihrer Nummer 33 findet Frau Dethloff durchaus mit Recht einen »Regiehaken« in der gesundheitlichen Versorgung des deutschen Volkes, wie ich ihr als Arzt bestätigen kann: Auf der einen Seite Tausende Kollegen ohne ärztliche Arbeit, auf der anderen Tausende mit Arbeit überbürdet, so daß die Patienten darunter leiden und u. a. zwei Stunden im Wartezimmer sitzen müssen. Beide Arztgruppen gleichen sich lediglich darin, daß sie unterbezahlt werden. Der »Regiehaken« liegt im herrschenden System einer überholten Sozialversicherung. Für diese Sozialversicherung setzen sich freilich noch heute recht mächtige Kräfte ein, der Patient wird nicht gefragt, und die Aerzte, die seine Interessen wahrnehmen, haben jetzt auf dem Aerztetag einen durchgreifenden Reformplan vorgelegt. Hoffentlich dringt darüber, der Wichtigkeit der Sache entsprechend, auch etwas in die Tagespresse.

Plankstadt

JULIUS DEUSSEN

Dr. med. habil. Dr. phil.

Der »Regiehaken« ist leicht zu erklären. Die Lage ist so, daß es zwar sehr viele niedergelassene Aerzte, aber nur einen bestimmten Prozentsatz zu sämtlichen Kassen zugelassener Aerzte gibt. Ihre Zahl ist so begrenzt, daß die große Mehrzahl stets volle Wartezimmer hat. Der Kassenpatient hat praktisch keine freie Arztwahl, er muß zu dem nächsten Kassenarzt gehen und dort eventuell eine stundenlange Wartezeit auf sich nehmen. Geht er zu einem weiter entfernt wohnenden Kassenarzt, so riskiert er, daß dieser etwa erforderlich werdende Hausbesuche wegen Zeitmangel ablehnt und ihn an den nächstwohnenden Kollegen überweist, von dem er gar nicht behandelt sein wollte. Liegt ein Notfall vor, so darf der Kassenpatient nur dann einen Nichtkassenarzt zuziehen, wenn er vorher vergeblich die ihm erreichbaren Kassenärzte zu alarmieren versucht hat.

Daß diese zahlenmäßige Begrenzung der Kassenärzte nicht im Interesse der Kassenpatienten liegt, ist einleuchtend. Es läge also nur im Interesse der Kassenpatienten, wenn die Kassenzulassung erheblich erweitert oder ganz freigegeben würde. Dann hätten die Patienten wirklich freie Arztwahl und die Aerzte die Möglichkeit, sich nach ihrem Können und Wissen durchzusetzen.

Köln-Klettenberg

ROBERT NOIRHOMME

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