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PEYREFITTE Reiche Ritter

aus DER SPIEGEL 23/1957

Eine neue Anklage« nennt der französische Autor Roger Peyrefitte sein neuestes Buch, das dieser Tage in Paris erschien. Peyrefitte, bekannt durch die Skandalerfolge seiner Enthüllungsromane (SPIEGEL 35/1955), hat seine Aufmerksamkeit diesmal dem Orden der Malteserritter* zugewandt. Seine Anklage, behauptet er, sei »so schwer, daß ich sie mit allen möglichen Hüllen umgeben habe«. Er hoffe, daß es ihm gelungen sei, die Person des Papstes »über der Affäre zu halten«.

Peyrefitte glaubt ernstlich, diesmal - im Gegensatz zu seinen früheren Büchern - eine geistige Institution nicht angegriffen, sondern verteidigt zu haben, freilich auf Kosten einer anderen: Er möchte den Orden der Malteserritter gegen Herrschaftsansprüche verteidigen, die nach seiner Ansicht vom Vatikan geltend gemacht werden. Die »Affäre«, aus der Autor Peyrefitte die Person des Papstes herausgehalten zu sehen wünscht, ist ein Kompetenzstreit zwischen dem in weltlichen Dingen vom Vatikan unabhängigen katholischen Ritterorden des Heiligen Johann von Jerusalem, der unter dem Namen Malteserorden bekannt ist, und der römischen Kurie. Der Malteserorden übt gewisse Souveränitätsrechte aus und steht im Rufe, über beträchtliche Reichtümer und internationalen Einfluß zu verfügen (SPIEGEL 9/1957).

Der Großmeister des Ordens gilt als letzter Reichsfürst des »Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation« - er kann sich auf Privilegien berufen, die dem Orden von Kaiser Karl V. im sechzehnten Jahrhundert verliehen und erst 1954 von einem Kardinalsgericht bestätigt worden sind. Die Malteser, geführt von einer »Ordensregierung«, unterhalten diplomatische Vertretungen in fünfzehn Staaten, darunter auch in der Bundesrepublik.

Die weitaus überwiegende Zahl der Malteserritter - Ziele des souveränen Ordens sind Krankenfürsorge und tätige Ausübung der Nächstenliebe - besteht aus (zumeist adligen) Laien, die organisatorisch in »Genossenschaften« zusammengefaßt sind. Da die Zahl der Ordensritter verhältnismäßig gering bleibt - es gibt etwa 3000 -, muß ein großer Teil der Ordensmitglieder diplomatische Funktionen ausüben und genießt auf diese Weise auch die angenehmen Erleichterungen, die der Diplomaten-Status im zwischenstaatlichen Verkehr mit sich bringt.

In Peyrefittes Buch, das in der letzten Woche in einer ersten Auflage von 30 000 Stück auf den Pariser Buchmarkt gegeben wurde, nimmt der ohne Zweifel zwischen dem Vatikan und der Ordensleitung herrschende Konflikt den Charakter eines Intrigenspiels von Kardinälen an, die aus kommerziellen Gründen den alten Orden der Tempel- und Hospital-Ritter von Jerusalem unter ihren Hut bringen wollen.

Als treibende Kräfte bei diesem Unternehmen nennt Peyrefitte die Namen des Kardinals Canali, des Papst-Neffen und Generalrats im Vatikanstaat Fürst Pacelli und des technischen, Generaldirektors im Vatikan, Galeazzi. Der Kardinal Canali, vor Jahren zum Großprior des Malteserordens ernannt, versuche gemeinsam mit den beiden anderen seit Jahren, den Papst Pius XII. zu überreden, er möge den Orden durch einen Machtspruch unter die Aufsicht eines Kardinalkollegiums stellen.

Bei diesem Unternehmen, so räumt Peyrefitte ein, komme dem Kardinal Canali freilich zugute, daß der Malteserorden - formal auch heute noch ein geistlicher Ritterorden, dem katholische Laienritter angehören dürfen - sich weit von seinem Ordenszweck entfernt habe und eine internationale Notabelnverbindung geworden sei. Von zur Zeit über dreitausend Ordensrittern sind nur noch sechzehn geistliche Ritter.

Diese Verweltlichung, so behauptet Peyrefitte, diene dem Kardinal aber nur als Vorwand. In Wirklichkeit gehe es ihm mehr um die weltlichen Güter des nicht nur an Privilegien und Traditionen reichen Malteserordens.

Die drei im Vatikanstaat einflußreichen Männer wollen nun, laut Peyrefitte, dem Papst begreiflich machen, welche Möglichkeiten sich für den Vatikan ergeben, wenn er die Malteser völlig unter seine Botmäßigkeit brächte: Über ihn könne die Kurie auf die politischen Kreise anderer Staaten unmittelbaren Einfluß nehmen, ohne dazu die Kirchenfürsten der betreffenden Länder zu beanspruchen. Noch wichtiger aber seien die kaufmännischen Möglichkeiten des Ordens überall in der Welt, selbst in Moskau.

Für seine Vermutungen, die der vorsichtige Peyrefitte sicherheitshalber in eine Art von Romanform gekleidet hat, kann er seinen Lesern freilich kaum einen Beweis oder ein Indiz nennen. Konkret wird der Skandalautor nur hinsichtlich einer Person, die er dubioser finanzieller Transaktionen bezichtigt: Peyrefitte wirft dem amerikanischen Kardinal Spellman vor, dem Malteserorden Beträge in Höhe von einigen Millionen Dollar vorenthalten zu haben.

In den Vereinigten Staaten, behauptet Peyrefitte, habe sich der Kardinal Spellman aus eigener Machtvollkommenheit zu einem Protektor des Ordens, vor allem aber ohne jeden Auftrag auch zu dessen Geschäftsführer in der Neuen Welt gemacht. Seit mehreren Jahren lasse sich der Kardinal von Amerikanern, die in den Malteserorden aufgenommen werden, größere Dollarbeträge überweisen, und zwar mindestens 50 000 Dollar je Ritter, in der Regel aber 100 000 Dollar und zuweilen das Doppelte. Von diesen Einnahmen aber habe Spellman die Ordenskanzlei in Rom niemals unterrichtet.

Die Malteser hätten von diesen Einnahmen nur durch einen Zufall erfahren: Bei einem Besuch des (vor fünf Jahren verstorbenen) Malteser-Großmeisters Fürst Ludovico Chigi in New York sei der Gast von einem der neuen amerikanischen Malteserritter gefragt worden, auf welche Weise sich die amerikanischen Eintrittsgelder ohne Verlust nach Rom transferieren ließen. Dem erstaunten Großmeister habe der neue Ritter zudem berichtet, Kardinal Spellman habe ihm und allen anderen Neulingen stets dringend davon abgeraten, bei Besuchen in Rom ihre Ordensbrüder zu besuchen: Die Malteser lebten dort in klösterlicher Zurückgezogenheit und wünschten von der Außenwelt nicht behelligt zu werden.

Ob Peyrefittes Angaben stimmen oder nicht, wird möglicherweise in der Öffentlichkeit niemals bekanntgemacht werden. Sicher ist, daß Kardinal Spellman sich bisher zu den Beschuldigungen nicht geäußert hat.

Auf die Frage nach dem Wahrheitsgehalt seines Buches gab Roger Peyrefitte die orakelhafte Antwort: »Ich liebe den Skandal, wenn er der Wahrheit dient. Der Skandal von heute ist oft die Wahrheit von morgen.« Die prominente Pariser Kunstzeitschrift »Arts et Spectacles«, die über Peyrefittes neues Buch ausführlich berichtete, schloß an ihre Überlegungen die Frage: »Ist Peyrefitte der Voltaire unserer Zeit?« Sie konnte sich jedoch nicht entschließen, diese Frage zu beantworten.

* Roger Peyrefitte: Les Chevaliers de Malte«; Verlag Flammarion. Paris; 334 Seiten; 676 ffrs.

Autor Peyrefitte

»Der Skandal von heute ...

Kardinal Spellman

... ist die Wahrheit von morgen«

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