Zur Ausgabe
Artikel 2 / 110
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Reif, reifer, am reifesten

Von Rudolf Augstein
aus DER SPIEGEL 42/1994

Die Wochenzeitung Rheinischer Merkur wußte es schon drei Tage vor der Wahl: »Noch ist die Opposition nicht reif fürs Kanzleramt.« Dagegen der Schriftsteller Lew Kopelew: »Es gehört sich nicht, daß eine Partei so lange an der Macht ist wie die CDU.«

Martin Walser wußte am Vortag der Wahl noch nicht, wen er wählen würde. Und Fuldas Erzbischof Johannes Dyba bereicherte die Umfrage von Bild am Sonntag mit der unglaublich witzigen, dieses Kirchenfürsten würdigen Bemerkung: »Am Sonntag wähle ich zum Braten am liebsten Kohl - leicht abgebrüht.« Römische Elegie, leicht abgebrüht.

Daß Oppositionen ausreifen müssen, ist eine nicht ungewöhnliche Erkenntnis. Nur, sie tun das manchmal, während sie regieren. Daß Regierungen verbraucht sein können, ist auch bekannt, »überreif« sozusagen, wie Fallobst vom Birnbaum.

War Kohls eigener Wahlkampf »ruchlos«, wie Helmut Schmidt ihm vorhielt? Wohl kaum. Ein Bundestag ohne FDP, wie Schmidt ihn sich immer gewünscht hat, hätte noch keine andere Republik bedeutet, und einer mit PDS-Leuten wird keine andere herbeiführen. Die Trickser-Klausel mit den drei Direktmandaten stammt ja noch vom Urvater Konrad Adenauer, sie wird auf Dauer keiner Partei das Überspringen der Fünf-Prozent-Latte ermöglichen. Da war wohl Schmidts Afghanistan-Wahlkampf von 1980 ruchloser.

Ohnehin kann man nicht herausfinden, ob der Magdeburger SED-Knüppel, einziges Wahlkampfthema der Union, der SPD in echt geschadet hat. Da versagen die Eingeweide-Beschauer, diese modernen Auguren.

Kanzler Kohl mußte nur beharrlich Präsenz zeigen, mehr brauchte, mehr konnte er aber auch nicht tun. Eine Erneuerung der FDP war nicht zu befürchten, darum hätte es einer Zweitstimmen-Kampagne schon nicht mehr bedurft. Genügend Anhänger der rechtsbürgerlichen Union hätten der FDP schon aus Eigeninteresse den Weg in den Bundestag geebnet, jeder Wirtschaftsbürger riecht so etwas. Mit 3,5 Prozent Stammwählern (Lambsdorff) kann man keine Sprünge machen.

Helmut Kohl mußte seinen einzigen Kampf mit sich selbst bestehen, das ist ihm siegreich gelungen. Er hätte auch verlieren können. Für sein geschichtliches Polster hätte er aus seiner Sicht genug geleistet. Wenn er nicht dümmer ist, als die Polizei erlaubt - und das anzunehmen besteht nicht der geringste Anlaß -, dann weiß er, oder ahnt es vielleicht auch nur dumpf, daß er sich zwar als unangefochtener Chef der stärksten Fraktion und Gruppierung behauptet hat, aber er ahnt oder weiß auch den Preis.

Er hat alle kontroversen Themen mit irgendwelcher Substanz von sich weg und vor sich hergeschoben, bis ins Jahr 2010 und darüber hinaus. Wollten wir das so? Ja, als bewährte Wähler haben wir das so gewollt. Die FDP als Mini-Volkspartei kann bei allem Respekt vor dem sich zu Tode hetzenden Klaus Kinkel andere als Mitleidsgefühle nicht mehr mobilisieren. Aber da gibt es doch noch die altehrwürdige SPD?

Sie hat ihre Troika, und in diesem Bild des Dichters Gogol kommt zum Ausdruck, daß es da eine Kutsche und einen Kutscher gibt. Wer sitzt in der Kutsche? Wir. Wer kutschiert? Das personifizierte Selbstverständnis dieser wichtigsten Oppositionspartei.

Wie sieht das aus? Im Prinzip so: Nur keine schlafenden Hunde wecken. Den Hunden, so sagt es das Deutsche Allgemeine Sonntagsblatt, ist nichts lieber als ihr Schläfchen. Wieso den Hunden? Ich denke, wir sitzen . . . ach, lassen wir das. Jedenfalls sagen uns Blüm von der CDU und Dreßler von der SPD nicht, daß die Renten nach dem Jahre 2010 alles andere als sicher, daß sie höchst unsicher sind. Sie sagen auch nicht, daß wir von Staatsknete auf Pump leben.

Zwei Drittel der Wähler, und mehr als die, wollen von Staatsknete und von Staatsquote, von Steuer- und von Abgabenlast und von Staatsverschuldung schon gar nichts wissen. Schließlich haben wir Personenwahlen, oder?

Da hapert es nun bei den von Natur aus anarchischen Grünen plus Bündnis 90. Die haben das große Talent Joschka Fischer, aber der rangelt ständig mit seiner Partei. Sonst bieten sie nur Programmatisches, Papier eben. Wie soll solch ein Haufen die SPD »richten«.

Hier ist der einzige noch unverbrauchte Führungsmann, Niedersachsens Gerhard Schröder, gleichzeitig der Chef-Opportunist seiner Partei. Er hat sich Kohl schon vor der Wahl als Minister angedient. Da er auch zur PDS hin geblinzelt hat, war das denn doch wohl des Schlechten zuviel. Er hat noch mehr »Porzellan zerschlagen« (Voscherau) als ehedem der Should-be-Finanzminister Oskar Lafontaine.

Was sagt unser Niedersachsen-Held? Dies: Das »theoretische« Gespräch mit der Deister- und Weserzeitung in Hameln (!) sei »geglückte regionale Wirtschaftsförderung« gewesen. Nun, dann bleib mal in deiner Region. Verarscht wollen wir werden, aber nicht so dammelig (ehedem dämlich).

Ob dem Troika-Vormann Rudolf Scharping mit diesen beiden Begleitpferden wirklich gedient war, wird nie zu ergründen sein. Jedenfalls versteht man Johannes Rau, der Scharping vorzog und Schröder verhindert hat.

Es nutzt nichts, Scharping bleibt ein unbeschriebenes Blatt, vorerst. Ganz unabhängig von der realen Lage ist er sowieso schon wie der radelnde Sachzwang einhergerauscht. Beschädigen lassen hat er sich nicht, aber noch einmal darf er sich solch eine Zitterpartie nicht aufzwingen lassen. Allein hätte er vielleicht mehr hinzugewonnen, wenn auch noch ohne Kanzlerqualität.

Fazit: Diese Bonner Wahlen zeigen einen Zustand auf, aber sie bewirken nichts. Ruhe bleibt - und das liegt weder an den Politikern noch an der Politikverdrossenheit der Wähler - oberste Richtungspflicht.

PS: Als wir 1945 aus dem Krieg zurückkamen, glaubten wir mit Anton Tschechow, die Zukunft der Menschheit sei zumindest auf Jahrtausende gesichert. Gemessen an den gar nicht mehr bestreitbaren Trends in Richtung Lemmingshausen, wird dieser »Richtungswahl« nicht einmal eine Fußnote in der real dann nicht mehr existierenden »Gechichte« sicher sein.

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 2 / 110
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.