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2000: Kultur »Reif wie Beethoven«

Verfallsdatum 2000: Die Zeitenwende könnte viele Gegenwartskünstler bald alt aussehen lassen. Der SPIEGEL fragte elf Prominente nach ihren Ängsten und Hoffnungen.
aus DER SPIEGEL 52/1999

* Wie wollen Sie verhindern, dass Sie von Januar an bloß noch als Künstler des letzten Jahrhunderts gelten? * Wird nach Ihrer Einschätzung die Kultur im nächsten Jahrhundert wichtiger oder unwichtiger? -------------------------------------------------------------------

Gerhard Merz Der 1947 geborene Bildhauer und Raumkünstler gestaltete 1997 den deutschen Pavillon auf der Biennale in Venedig.

* Ich bin ein Künstler des 21. Jahrhunderts.

* 1908 endete das 1. futuristische Manifest mit dem Ruf »Kopf hoch! ... Aufrecht auf dem Gipfel der Welt schleudern wir noch einmal unsere Herausforderung den Sternen zu!«

Jetzt habe ich die Hoffnung, dass diese Sterne endlich die Funktion von Kunst in die rechtmäßigen Bahnen lenken mögen, nämlich dorthin, wo die Philosophen und die reinen Wissenschaftler die Welt der Ideen und nicht die Welt der Sinne erforschen. Schluss mit dem Spiel der Kunstformen, Kunst ist nichts für große und kleine Kinder, und Kultur ist schon gar nicht gemeint, sondern eine Trennlinie zwischen »allem anderen« und der Kunst als radikale Ausnahme.

Im 21. Jahrhundert wird man erkennen, dass die Anarchie der individuellen Anstrengungen nur eine Staubwolke von Werken erzeugte, die nichts bedeuten. 1951 meinte José Ortega y Gasset im Gespräch mit Octavio Paz, dass die einzig mögliche Tätigkeit in der modernen Welt das Denken sei, und er schließt hart und apodiktisch: »Alles andere können Sie vergessen.«

Der Laden hat dichtgemacht, auch wenn die es in New York noch nicht wissen. -------------------------------------------------------------------

Bernhard Schlink Der Jurist und Schriftsteller, 55, hat mit seinem Roman »Der Vorleser« einen Welterfolg erzielt.

* Ein Jahrhundert ist für einen Schriftsteller genug.

* Die Kultur wird im nächsten Jahrhundert so wichtig bleiben, wie sie immer war - was sonst? -------------------------------------------------------------------

Elke Heidenreich Die Schriftstellerin und Kritikerin, 56 ("Kolonien der Liebe"), wurde zunächst populär als Rundfunk- und TV-Journalistin.

* O Gott, könnte das denn passieren? Ich bin noch nie auf die Idee gekommen, dass ich im nächsten Jahrhundert nicht so wahnsinnig wichtig sein könnte wie in diesem - was kann ich bloß tun? Ich könnte mir ein Ohr abschneiden, das hat schon mal einem geholfen, unvergessen zu bleiben. Oder soll ich nicht lieber gleich den Becher Schierlingssaft leeren? Ich bin verzweifelt. Ich glaube, ich lasse mich einfach von Christo verpacken. Dann werde ich einerseits bleibend berühmt und muss andererseits das ganze Elend nicht mehr sehen.

* Was für eine Frage! Wir sehen doch, dass die Kultur das Allerwichtigste überhaupt ist - im Fernsehen: fast nie Sport, immer nur Kultur. Fußballspiele werden einfach abgebrochen, wenn »Aspekte« kommt. Kultur auf den ersten Seiten aller Zeitungen, und erst die Streitkultur der Abgeordneten! Die Kulturbeflissenheit unserer Politiker ist ja schon sprichwörtlich, neulich sah ich gleich zwei Herren aus der CDU auf einmal in einer Theaterpremiere, und ich bin sicher, so was gibt es in anderen Städten auch. Wirtschaft, Geld, Verteidigung - nichts ist in diesem Land so wichtig wie die Kultur, vom Kunsthonig bis zur Expo, und jeder Politiker weiß seit diesem Jahr, was für ein wunderbarer Komponist Goethe war. (Oder war es Schiller? Egal.) Darauf wollen wir stolz sein, so soll es bleiben. -------------------------------------------------------------------

Georg Ringsgwandl Der Liedermacher ("Das Letzte"), Kabarettist und Arzt, 51, wurde früh als »Punk-Qualtinger« bekannt.

* Der Gedanke, man könnte im neuen Jahrtausend eventuell zum alten Eisen gehören, kann ja nur ein ganz besonders verzicktes Gehirn umtreiben. Der rechtschaffende Kunstgewerbler geht am besten seinem Tagwerk nach und kümmert sich nicht darum, ob und wie seine Erzeugnisse später noch jemand kratzen.

Zur Zeit sieht es nämlich so aus, dass uns die Archivare als jene abheften werden, die auf den Katastrophen der vorherigen Generation herumkauen. Als diejenigen, die mehr oder weniger geschickt das riesige Loch zu füllen versuchen, das entstand, als in Deutschland zwischen 1933 und 1945 Geist, Kunst und Kultur vernichtet oder vertrieben wurden. Unsere Errungenschaften sind die Liebe zu Allergien, die Umwelt- und Verarmungsangst sowie eine gewisse Unschlüssigkeit im Umgang mit Amokschützen und Neonazis. Wir werden als Privilegierte in die Geschichte einfahren, denen Sonnenfinsternis und Jahrtausendwende in einem Jahr beschert war. Nicht unbedingt bedeutend, aber als die, denen es gut ging.

* Heute, wo schon jedes Kaff seinen Kulturreferenten hat, wo an jeder Ecke Museen gebaut werden und Ausstellungen stattfinden, wo sogar die Kaffeefahrten Goethes Geburtshaus nicht auslassen, kann man Kunst und Kultur gar nicht mehr weiter aufblasen.

Gott sei Dank ist es bei uns nicht mehr so, dass Diktatur und Armut die Entwicklung künstlerischer Talente verhindern. Ganz im bösen Gegenteil. Das einzige, was die Kunst bei uns noch töten kann, sind viel Geld und geebnete Wege.

Jeder kreativ noch so Schmächtige wird an die Öffentlichkeit gezerrt. Es gibt zwar nicht mehr Künstler, aber das Marketing wird immer besser. Die Explosion der Medienwelt sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass die kreative Substanz im Volke nicht zu vermehren ist. Waldorf-Schulen und Drehbuchworkshops machen keinen einzigen Nabokov oder Spielberg. -------------------------------------------------------------------

Harald Schmidt Mit der 1995 gestarteten »Harald Schmidt Show« ist der bühnenerfahrene Entertainer, 42, zum TV-Star der Intellektuellen aufgestiegen.

* Das Schicksal will es, dass ich als Brückenkünstler das 20. mit dem 21. Jahrhundert verbinde. Vergleichbar mit Kreativen wie Beethoven und Napoleon wird es meine Aufgabe sein, als Klassiker das Tor zur Moderne aufzustoßen, gewissermaßen taub von Elba aus weiterzuregieren. Vereinfacht: Mein Spätwerk kommt noch! Als letzten Bildschirmkünstler, der noch in der »Peter-Alexander-Show« aufgetreten ist und dennoch Einzug ins Internet gehalten hat, fällt mir die Aufgabe zu, im Gegensatz zu den Frühvollendeten durch ein reifes, heiteres und von Weisheit durchdrungenes Alterswerk die Menschheit mit den Irrtümern eines Kopernikus oder Newton zu versöhnen. Mein gesamtes bisheriges Schaffen dient dem Zweck, die Schwerkraftlüge zu entlarven. Ich bin kurz davor.

* Natürlich wird Kultur im nächsten Jahrhundert viel wichtiger, allerdings nur für eine sehr kleine Elite. Durch Börsenspekulation im Internet steinreich geworden, wird sie in ihren Bibliotheken ihren privaten Symphonieorchestern lauschen, während in den Nebengebäuden das Gesinde - dank Gentechnologie steinalt mit den Körpern von Twens - sich alles runterlädt, was der »Mensch« so braucht, für Märkte und Erlöse. Prosit Neujahr! -------------------------------------------------------------------

Walter Kempowski Der Schriftsteller, 70, hat als Romancier ("Heile Welt") und Stimmensammler ("Echolot") das Jahrhundert durchmessen.

* Es geht ja schon damit los, dass man als Jahrgang 29 von Geburt an aus einer anderen Zeit stammt. Ein 20er zu sein ist, wenn man alles überstanden hat, etwas Besonderes, so wie die Herren des Jahrgangs 10, die ja noch unter uns sind, quasi von Natur aus unsereinem überlegen sind. Abgesehen davon, dass man ja hoffentlich nicht noch im Jahre 99 sterben wird, mag gerade die Tatsache, dass man noch in die Weimarer Republik hineinreicht, dazu beitragen, dass man auch im nächsten Jahrhundert der Menschheit noch etwas zu sagen hat. Hauptsache ist: nicht lockerlassen, Hauptsache überhaupt Künstler und Hauptsache überhaupt gelten.

* Wenn wir uns erst an das Verfallsdatum 00 gewöhnt haben und mit 02 oder 03 uns bereits auf dem Weg befinden, werden wir feststellen, dass sich die Kultur wie eh und je um uns ausbreitet. Da sie dann älter ist, wird sie reicher werden. Zu hoffen ist, dass man sich mehr mit den Schätzen der Vergangenheit beschäftigt. Apropos Kultur: Wenn recht viele Ausländer eingebürgert werden, kann es mit der Kultur ja nur aufwärts gehen. -------------------------------------------------------------------

Hannelore Elsner Die Schauspielerin, 55, ist seit den Sechzigern eine der wenigen deutschen Stars; die bekannteste ihrer TV-Rollen ist die der so sinnlichen wie energischen ARD-»Kommissarin«.

* Ich verhindere dies, indem ich mich immer wieder neu erfinde. Eleanor Roosevelt hat mal gesagt: »Die Zukunft gehört jenen, die an die Schönheit ihrer Träume glauben.« Da hat sie Recht.

* Die Kultur im nächsten Jahrtausend muss wichtiger werden, weil sie die einzige Sprache ist, die die Menschen immer wieder verbindet. -------------------------------------------------------------------

Loriot (Vicco von Bülow) Die Auftritte und Sketche des Karikaturisten, Autors und Regisseurs, 76, beglücken seit 1967 die deutsche Fernsehnation.

* Dumme Frage. Ich freue mich darüber, kein Künstler des völlig unbekannten dritten Jahrtausends zu sein. -------------------------------------------------------------------

Karen Duve Gleich mit ihrem Debüt, dem »Regenroman«, hatte die Erzählerin, 38, durchschlagenden Erfolg - inzwischen folgte eine Sammlung mit Erzählungen ("Keine Ahnung").

* Ich werde ständig darauf hinweisen, dass das neue Jahrhundert erst mit dem Jahr 2001 beginnt.

* Wichtiger. Zumindest in Europa. Der Materialismus bröckelt ja bereits. Gleichzeitig wird es in der Kultur eine weitere Niveau-Verschiebung Richtung Stella-Musical geben. Kurzer Lyrik-Boom zwischen 2008 und 2011. Dann wieder Stella-Musical. -------------------------------------------------------------------

Durs Grünbein Der 1962 in Dresden geborene Lyriker ("Schädelbasislektion"), der auch glänzende Essays schreibt, erhielt 1995 den Georg-Büchner-Preis.

* Warum sollte ich das denn verhindern wollen? Weil es eine Schwäche ist, gewesen zu sein, ein Übel wie Krätze oder Inkontinenz? Als hätte alles Gewesene den Hautgout des Verwesenden. Dabei riecht alles Werdende schließlich auch nur nach frischer Erde. Wir schreiten von Grab zu Grab, gravitätisch wie Landvermesser, und hoch hebt ein jeder sein Schild mit der Aufschrift Zukunft.

Die Slogans wechseln, aber die Zuversicht bleibt: gnadenlos. Einmal heißt es Neuland unterm Pflug, ein andermal Märkte ohne Grenzen.

Vielleicht war ich ja schon in diesem Jahrhundert von gestern. Dann werde ich demnächst also von vorgestern sein. Das Neue, weit entfernt, sich zu kennen, ist aber das Unendlich-Langweilige, wenn auch in aufregender Form. Das Alte, denkbar unaufgeregt und bestens mit sich bekannt, ist das Endlich-Langweilige, wenn auch oft süß wie Sirenengesang.

Ich nehme an, dass ich den größten Teil meines Lebens, die Zeit, die mich geprägt hat, im zwanzigsten Jahrhundert verbracht haben werde. Was kommt, muss nicht von schlechteren Eltern sein.

Wissen werde ich das aber erst, wenn ich 74 bin. Bitte fragen Sie mich dann noch einmal.

* Alles wird immer wichtiger, warum nicht auch die Kultur? Leider lässt sich, von einem, der auszog, im zwanzigsten Jahrhundert das Fürchten zu lernen, schwer sagen, was Kultur eigentlich ist. Ich habe aber einen Verdacht, der mit dem Unterschied zwischen Mozart und Mozartkugeln zusammenhängt.

Für die einen handelt es sich um Inseln der Philharmonie, für die andern ums große Ganze als Goldgrund und Vorwand für blumige Reden. Daneben gibt es die Skeptiker, die sich vielleicht noch zu einem Lob der Sanitäranlagen herbeilassen, sonst aber abwinken. Keiner bestreitet, dass Kultur, wie sie sich heute geschäftstüchtig und festivalhaft darstellt, auf Breitenwirkung angelegt ist. Allem Anschein nach ist sie das Reich der Gleichheit. Kunst dagegen war lange Zeit eine Sache der Höherentwicklung.

Geniale Alpinisten kümmerten sich darum, dass die lieben Flachlandbewohner aus dem Staunen nicht mehr herauskamen. So fühlten sich alle Beteiligten reich beschenkt, und manch einem war das Flügelrauschen Befreiung aus ärmlicher Existenz.

Der Blick war bergauf gerichtet, es ging um Meisterwerke und Gipfelleistungen. Doch eines Tages sank die Menschheit ermattet zurück, schlief ein und begann, dasselbe noch einmal zu spielen, auf niederster Warte diesmal, dafür umso entspannter, in einer Art Opiumdämmer.

Seither ist Kultur als das gewisse Etwas im Schwange, dicht auf den Fersen der leicht verkäuflichen Künste. Aus einer Daseinsberechtigung, dem absoluten Surplus des Lebens, wurde die schönste Nebensache der Welt. Ein Heer von Kulturangestellten ist zur Stelle, wann immer es einen Rest Kunst zu verwalten gilt. Und so wird es wohl weitergehen. Kultur schafft Arbeitsplätze und nimmt Visionen.

Kein Künstler muss mehr ins Armengrab, Gott sei Dank, die Beteiligten gehen, ein wenig gelangweilt, aber gut bezahlt, abends nach Hause, wo das Dessert sie erwartet: in Form eines kulinarischen Fernsehprogramms. Die Zeiten des totalen Kulturkapitalismus brechen eben erst an. Kultur, das lässt sich voraussagen, hat eine große Zukunft. -------------------------------------------------------------------

Franz Xaver Kroetz Die Theaterstücke des Schriftstellers, Schauspielers und Regisseurs, 53, wurden seit 1971 in mehr als 40 Ländern aufgeführt.

* Sollte ich überhaupt zu den Künstlern gehören, die man so wichtig findet in Zukunft, dass man fragt, wann haben denn die gelebt, kann ich zufrieden sein: 1946 geboren, Anfang der Neunziger abgeschrieben, weil ausgeschrieben. Ich werd doch schon seit Jahren nur noch mit toten Kollegen in einem Atemzug genannt, wenn mein Name auch vorkommt zwischen Brecht und Fleißer, Nestroy und Fassbinder, um mal letzte Nennungen, die ich hier auf Teneriffa mitbekommen hab, zu erwähnen. Jaja, wie ein Schafott wird die Schublade zugestoßen, da biste drin, da bleibste drin, du bist arriviert und archiviert, tot und im Lexikon; das ist genug, halt's Maul. Ich hab mich daran gewöhnt. Lieber im Lexikon als vor dem Arbeitsamt, lieber zurückgelehnt mit den toten Kollegen in der Zeitung als im Nassen stehen. Es ist auch mein Lebensweg: Ich hab ganz schön hart gegen die Gesellschaft, die mich umgibt, gekämpft. Und das hat nichts genutzt. Da hab ich eine Wut auf mich bekommen und mich vorgeführt und öffentlich fix und foxi geschrieben. Hat auch nichts genutzt, aber ist eben »Fatwa bajuwaris«.

* Solang der Turbo-Kapitalismus mit der neoliberalen Schmier dröhnt, wird Kultur immer kleiner geschrieben werden. Ich denk, dass sie noch ganz unsichtbar wird, deshalb ist sie aber nicht fort, bloß nicht zu sehen. Wenn Joop und Co. in ihren Klamotten, von ihrem Fressen und geweihräuchert mit ihren Parfums sich totgelebt haben, seh ich auf'm abgelatschten Kulturtablett wieder 'n bisschen grün.

Grün für Kultur. Wobei das arme Schneiderlein ein Beispiel ist. Von »Schlafes Bruder« bis »Sofies Welt« reicht der Mehltau in meiner Zunft. Fazit, ganz claro: Erst wenn das Credo »zerstört die Welt, sie braucht es« maximal verwirklicht ist, dann, ja dann wird's morgenlüftig für 'ne neue Kultur. Und dat erleb ick nicht mehr, wie der Bayer sagt.

[Grafiktext]

UMFRAGE In der Zukunft lesen »Glauben Sie, dass die deutsche Sprache das nächste Jahrtausend überleben wird?« Ja 78 Nein 20 »Werden Sie im nächsten Jahr- hundert noch Bücher lesen?« Ja 91 Nein 8 »Was lesen Sie lieber: eher er- zählende Literatur oder eher Sachbücher bzw. Zeitschriften?« Literatur 20 Sachbücher, Zeitschriften 52 Beides 24 Lese überhaupt nicht 4 Emnid-Umfrage für den SPIEGEL vom 10. und 11. Dezember; rund 1000 Befragte; Angaben in Prozent; an 100 fehlende Prozent: keine Angabe

[GrafiktextEnde]

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