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GRIECHENLAND Reifes Volk

Verängstigte Kommunisten und glückliche Bauern bescherten Papandreou seinen unerwartet hohen Wahlsieg. *
aus DER SPIEGEL 24/1985

Einen solchen Empfang war die Kulturministerin Melina Mercouri nicht gewohnt. Rund eintausend Anhänger der konservativen Gegnerpartei Nea Dimokratia empfingen die einst gefeierte Schauspielerin ("Sonntags nie") mit Schmährufen wie »Poutana« (Nutte) und »Kabarettsmieze«, als sie am vorletzten Sonntag im Wahllokal Nr. 321 im noblen Athener Viertel Kolonaki erschien.

»Jetzt begreife ich, was lynchen heißt«, kommentierte die Politikerin, die tätlichen Angriffen nur knapp entkommen war. Ihre Schlußfolgerung: »Der Revanchismus der Rechten, sollten sie an die Macht kommen, wäre schrecklich.«

So verschreckt wie Frau Mercouri waren offenbar auch Kommunisten, die dem griechischen Sozialistenchef Papandreou und seiner Panhellenischen Sozialistischen Bewegung (Pasok) am vorletzten Sonntag zu einem neuen Wahlsieg verhalfen. Aus Furcht vor der Rechten entschieden sich rund 3,5 Prozent der Anhänger der moskauorientierten Kommunisten für die Sozialisten.

In der Wahlnacht wertete Papandreou das Wahlergebnis als eine neue Vollmacht an die Sozialisten, »das Werk des Wechsels zu vervollständigen«. Zwar gelang es Papandreou nicht, seinen überwältigenden Wahlsieg vom Oktober 1981 mit einem Stimmenanteil von 48 Prozent und 172 Abgeordneten zu wiederholen. Mit dem Zulauf von Kommunisten übertraf er aber sein Ergebnis bei den Europawahlen von 1984 um vier Prozent und errang mit 45,8 Prozent der Stimmen und 161 von 300 Abgeordneten die absolute Parlamentsmehrheit.

Im härtesten Wahlkampf der griechischen Nachkriegsgeschichte hat Papandreou geschickt wie nie die Fehler seiner rechten Gegner im letzten Moment genutzt und Kommunisten auf seine Seite gezogen.

Er rechnete schon mit Zulauf von links, als er am 9. März seine Zusage zurückzog, den konservativen Staatspräsidenten Konstantin Karamanlis für eine neue fünfjährige Amtszeit zu unterstützen.

Als im Mai Oppositionsführer Konstantin Mitsotakis drohte, im Falle eines Wahlsieges werde er den unter linken Griechen geachteten neuen Präsidenten Christos Sartzetakis zum Rücktritt zwingen, schlug Papandreou zu: Er warf den Konservativen Umsturzpläne vor.

Der Fall des Präsidenten, so Papandreou, sei nur unter Verletzung der Verfassung zu erzielen, und das »bedeutet Revolution«. Eine Staatskrise würde das Land »riesigen Gefahren« aussetzen, die siebenjährige Diktatur liege ja nicht eben weit zurück.

Es half wenig, daß Mitsotakis später beteuerte, er wolle auf dem Boden der Verfassung bleiben und den Staatsrat über die Rechtmäßigkeit der Präsidentenwahl befinden lassen.

Papandreou ließ nicht locker, warnte vor »nationaler Zwietracht« und baute Konstantin Mitsotakis zum nationalen Buhmann auf. Dabei bediente er sich einer unter griechischen Demokraten noch immer traumatisch nachwirkenden Initiative des kretischen Politikers im Jahre 1965: Mitsotakis gehörte zu jenen Abtrünnigen aus der Zentrumsunion des Papandreou-Vaters Georgios, die nach seinem Streit mit dem damaligen König Konstantin die sogenannte Dissidenten-Regierung bildeten und damit innenpolitische Unruhen auslösten, die 1967 zum Putsch der Obristen führten.

Auch jüngere Wähler, die selbst keine Erinnerungen an die ungeklärten Intrigen jener Zeit haben, beeindruckte Papandreou: Mal schrieb er seinem Gegner Geheimkontakte zum Ex-König Konstantin zu, mal warf er ihm vor, Amnestiepläne für die in Piräus einsitzenden Putschisten zu favorisieren.

Vollends zum »Aussätzigen der politischen Geschichte« suchte Papandreou den Kreter zu brandmarken, indem er ihn in die Nähe von Kollaborateuren der deutschen Besatzer im Zweiten Weltkrieg rückte. Er nutzte dabei die Veröffentlichung eines Photos im regierungsnahen Boulevardblatt »Avriani«, das Mitsotakis zwischen zwei deutschen Offizieren zeigt.

Mitsotakis, am Widerstand auf Kreta maßgeblich beteiligt, zweimal zum Tode verurteilt und beim Abzug der Besatzer gegen deutsche Gefangene ausgetauscht, ließ sich seinen Untergrundkampf von Widerstandsgenossen und von einem der abgebildeten Deutschen attestieren. Doch es half ihm nichts, Papandreous Jungvolk war eingestimmt. Am Wahltag skandierte es: »Heute abend stirbt der SS-Freund.«

Mitsotakis zieh den Gegner, er wende »Gangstermethoden« an - allein wahlentscheidend waren sie nicht. Enttäuschten Pasok-Wählern bot die Oppositionspartei _(2. v. l.: Papandreou-Ehefrau Margaret. )

trotz attraktiver Wahlversprechen keine überzeugende Alternative.

Vor allem gelang der Opposition nicht der Einbruch in die Wählermassen auf dem Lande. Ironischerweise erwies sich hier die Europäische Gemeinschaft, die Papandreou vor vier Jahren noch verlassen wollte, als bester Wahlhelfer.

Via Brüssel erhielten die Bauern gute Preise für ihre Produkte. Mit weiteren EG-Zuschüssen konnte Papandreou die regionale Infrastruktur ausbauen, die Bauernrenten erhöhen und die Provinz mit einem Netz von 200 Gesundheitszentralen überziehen.

In ländlichen Wahlbezirken sicherten sich die Sozialisten 47 Prozent der Stimmen, in der Domäne des Gegners Mitsotakis auf Kreta sogar zwischen 55 und 69 Prozent.

Daß die Sozialisten einen derart klaren Sieg erringen konnten, ist nicht zuletzt dem Volksverzauberer Papandreou selbst zu verdanken. Es hat sich abermals erwiesen, daß Papandreou, eine charismatische Führerfigur, eine fast magische Anziehungskraft auf breite Wählermassen ausübt. Wo es ihm an Argumenten fehlte, sprach er die Griechen emotional an.

Als dies Papandreous Gegnern in der Schlußphase des Wahlkampfs bewußt wurde, holten sie hilfesuchend einen alten Charismatiker aus der Reserve: Nur eine halbe Stunde nach einer gewaltigen Schlußkundgebung Papandreous in Athen, zwei Stunden vor der offiziellen Beendigung des Wahlkampfes, warnte Ex-Staatspräsident Karamanlis vor »drohenden Gefahren«.

Die Warnung verfing nicht recht, weil Papandreou Staatsrundfunk wie Fernsehen verbot, die Erklärung zu senden. Dazu ließ er mitteilen: »Das Volk ist reif und hat keinen selbsternannten Beschützer oder Retter nötig.«

In der Siegesnacht, als Papandreous Anhänger auf Straßen und Plätzen des Landes tanzten, Lämmer brieten und dauerhupend in ihren Autos Korso fuhren, gestand KP-Führer Charilaos Florakis den Aderlaß seiner Partei ein, aber: »Diese Wähler heimste die Pasok durch psychologischen Terror ein.«

Mit seinem Wahlsieg auf Kosten der Kommunisten kann Papandreou Volksfront-Ängstliche aus dem Westen besänftigen: Es gelang ihm, zum erstenmal seit 1974, den Aufwärtstrend der Moskautreuen aufzuhalten und ihren Stimmenanteil von knapp 11 auf weniger als 10 Prozent zu drücken. Damit wird die KP nach der Geschäftsordnung des Parlaments nicht mehr als Parteienfraktion anerkannt, sondern als »Gruppenfraktion« mit entsprechend weniger Rechten.

Andreas Papandreou ist nun mächtiger denn je. Er braucht nur 151 Stimmen, um die geplanten Verfassungsrevisionen durchzupauken, welche die Machtbefugnisse des Präsidenten beschneiden - zugunsten des Premiers.

Seine Position in der Partei ist unumstritten. Und mit der zum zweiten Mal geschlagenen und schon jetzt wieder zerstrittenen Rechtsopposition wie auch mit den abgeschlagenen Kommunisten hat er künftig leichtes Spiel.

Trotz seiner Top-Position gab Papandreou zu erkennen, daß er in Zukunft von seinen Höhenflügen als Friedensapostel und Querulant auf der Weltbühne in die Niederungen der Probleme seines Landes herabsteigen will. Außenpolitisch sollen »ruhigere Gewässer« angepeilt werden, das Land soll in EG und Nato bleiben, sogar die Beziehungen zu den USA sollen verbessert werden.

Um die dringenden Probleme - Inflation, Arbeitslosigkeit, Haushaltsdefizit, Auslandsschulden - anpacken zu können, will der Sozialistenchef die Kabinettsarbeit straffen und seine Regierungsmannschaft von bisher 52 Ministern und Staatssekretären halbieren. Am letzten Mittwoch stellte er ein Rumpfkabinett von nur 19 Mitgliedern vor, darunter selbstredend die neue, alte Paradefrau Melina Mercouri.

2. v. l.: Papandreou-Ehefrau Margaret.

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