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OSTBLOCK Reihen geschlossen

Werden die Sowjets »nach Tito« in Jugoslawien intervenieren? Die sozialistischen Nachbarn befürchten es offenbar und bringen jetzt schon ihr eigenes Haus in Ordnung. Jüngstes Opfer: Rumäniens Premier Maurer.
aus DER SPIEGEL 14/1974

Ungeachtet einer gewissen Entspannung«, grollte Sowjetmarschall Gretschko Im Ost-Berliner Parteiorgan »Neues Deutschland«, trage die Sowjetarmee »erhöhte Verantwortung": Sein Politbüro-Kollege Breschnew habe darauf hingewiesen, daß sich »ein Prozeß verstärkt, der nichts anderes darstellt als die materielle Vorbereitung eines Weltkriegs«.

Wer was vorbereitet, sagte Gretschko nicht genau, sicher aber ist: Seit Februar veranstaltet die Militärallianz des Ostblocks, der Warschauer Pakt, Manöver an der ungarisch-jugoslawischen Grenze, spielen die Operationsabteilungen der Armee-Kommandos von Rumänien und der Sowjet-Union auf Landkarten ihre lang hinausgezögerten »Stabsmanöver« auf rumänischem Territorium durch.

Zwei sowjetische Luftlande-Divisionen wurden nach Ungarn verlegt, und in Budapest trat am vorigen Dienstag der Militärrat des Warschauer Pakts zu einer Sitzung zusammen (wie schon einmal sieben Wochen zuvor die Verteidigungsminister des Blocks in Bukarest).

Zur selben Zeit überprüfte das österreichische Bundesheer seihe Verteidigungsbereitschaft. Denn der 1968 in die USA geflüchtete Prager Polit-General Jan Sejna hatte die österreichische Öffentlichkeit mit der Enthüllung erschreckt, im Falle einer Krise »nach Tito« werde die Sowjetarmee über österreichisches Gebiet in Jugoslawien intervenieren.

Und die Krise »nach Tito« scheint zumindest in Sicht, seit unbestätigte Meldungen davon wissen wollen, der 81 jährige Marschall habe einen Schlaganfall erlitten. Obwohl er sich vorigen Donnerstag mit seinem ägyptischen Gast Sadat photographieren ließ, wertete das Belgrader Parteiorgan »Borba« den Vorgang als »Element ausländischen Drucks und einer antijugoslawischen Kampagne« dennoch wieder zu einem Politikum auf.

Die Block-Anrainer des sozialistischen Jugoslawien, durch die Sowjet-Interventionen von 1956 in Ungarn und 1968 in der CSSR gewarnt, schlossen in den letzten Tagen vorsichtshalber in ihrer inneren Politik die Reihen:

* Am 20. März kündigte Bulgariens Parteichef Schiwkoff »konkrete politische Maßnahmen« zur »Annäherung an die Sowjet-Union auf einer höheren Ebene gegenseitiger Durchdringung« an, das sei der »Hauptweg der Entwicklung des Weltsozialismus, für den morgigen Tag der Welt«.

* Am 21. März wurden in Ungarn die ZK-Sekretäre Nyers, der dem Land eine auflockernde Wirtschaftsreform bescherte, und Aczel, der eine liberale Kulturpolitik betrieben hatte, ebenso wie zwei Vizepremiers amtsenthoben.

* Am 26. März -- Gretschko brach einen Tag früher als vorgesehen einen Besuch in Bagdad ab, um zu einer Sondersitzung des Politbüros nach Moskau zu fliegen -- bildete Rumäniens Parteichef Ceausescu seine Führung um.

Denn im Fall einer außenpolitischen Balkan-Krise müssen die Parteiführer in Europas Wetterecke sich wenigstens auf Ruhe im Innern verlassen können, um anderen Mächten keinen Vorwand zum Einschreiten zu liefern -- Ruhe nach Moskauer Muster.

Rumäniens Ceausescu hatte schon während des polnischen Arbeiter-Aufstands 1970 erkannt, daß auch ihm »gewaltsame Zusammenstöße« mit unzufriedenen Arbeitern ins Haus stehen könnten. 1972 umringten im Schiltal, hoch in den Karpaten, meuternde Kumpel ihren Partei- und Staatschef und boten dem »geliebten Sohn des Volkes« Prügel statt Blumen an.

Ceausescu versprach den Arbeitern, »daß die Löhne nicht sinken werden«. Später aber forderte er »patriotische Arbeit« auch noch in der Freizeit: »Niemand kann jeden Tag länger als acht bis zehn Stunden schlafen.« Denn Ceausescu hat den Ehrgeiz, den bis 1975 laufenden Fünfjahresplan der rumänischen Wirtschaft in viereinhalb oder sogar nur vier Jahren zu erfüllen.

Diesem Gewaltakt widersetzte sich Premier lon Gheorghe Maurer, 71. Er rügte die überstürzte Expansion der Industrie und die schlechte Qualität der Waren: »Der Plan muß mit der Realität zu tun haben.«

Maurer mäkelte auch an dem Personenkult um Ceausescu -- der Premier. Nachkomme deutschstämmiger Siebenbürger, war das einzige Gegengewicht gegen den nach Alleinherrschaft drängenden Ceausescu, 56.

Vorigen Dienstag Wurde Maurer entlassen. Er war einer der dienstältesten Ministerpräsidenten Europas -- mit seinem Amtsantritt 1961 hatte Rumäniens Unabhängigkeits-Kurs seinen Anfang genommen.

Nachfolger wurde der Partei-Technokrat Manea Manescu, 57, dem Zahlenspiele und Zentralismus schon immer näher lasen als die Stimmung des Volkes. Manescu -- Namensvetter des im Westen bekannten, vor anderthalb Jahren gefeuerten Außenministers -- ist Nationalökonom, Freund Ceausescus seit der Kriegszeit und auch dessen Schwager.

Säuberer Ceausescu hat sich selbst vom »Vorsitzenden des Staatsrats« zum »Präsidenten der Republik« (mit Zepter und Schärpe) befördert, um in Zukunft einsame Entscheidungen treffen zu können, ohne eine Sitzung des Staatsrats einberufen Zu müssen.

Als absoluter Machthaber kann Ceausescu dann entscheiden, ob Rumänien den im kommenden Jahr auslaufenden Warschauer Pakt verlassen oder aber weiter in dem Bündnis verbleiben wird, das seine Mitglieder nicht vor einer Intervention anderer Mitglieder schützt.

Kündigungstermin ist in sechs Wochen, am 14. Mai. »Ehrenvoll und würdig«, versicherte Sowjetmarschall Gretschko am 24. März im »Neuen Deutschland«, hätten die Sowjet-Soldaten stets ihre Mission erfüllt, wofür sie »die aufrichtige Anerkennung ... der Völker der sozialistischen Gemeinschaft verdienten«.

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