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JUSTIZ / BEGÜNSTIGUNG Rein hypothetisch

aus DER SPIEGEL 23/1968

Zwölf Jahre lang -- von 1947 bis 1959 -- überboten sich Deutsche gegenüber einem Deutschen, der steckbrieflich gesucht wurde, in praktischer Nächstenliebe. Und sie verhalfen ihm zu neuem Ausweis, zu Amt und Ansehen: dem ehemaligen Leiter der »Reichsarbeitsgemeinschaft Heil- und Pflegeanstalten«, Professor Werner Heyde -- verantwortlich für den Tod von mindestens 80 000 Geisteskranken.

Aufrechte Schleswig-Holsteiner und am zugereister Schwabe ermöglichten es: Die einen beschafften dem Euthanasie-Professor einen Personalausweis auf den Namen Dr. Fritz Sawade, andere brachten ihn unter -- als Hausmeister, Sportarzt, Gerichtsgutachter.

Heyde-Sawade, offiziell entlarvt, floh am 5. November 1959 aus Flensburg und stellte sich eine Woche später in Frankfurt. Als er sich dann nach vierjähriger Untersuchungshaft am 13. Februar 1964 am Heizkörper seiner Zelle erhängte, nahm er weniger Geheimnisse mit in den Tod, als manchem seiner langjährigen Gönner lieb war.

1959 wußte der damalige Kieler Ministerpräsident Kai-Uwe von Hassel (CDU) von »Ermittlungen gegen etwa 20 Personen, die als Mitwisser in Frage kommen«. 18 angesehenen »Wissensträgern« bescheinigte 1961 ein Parlamentarischer Untersuchungsausschuß Mangel an »notwendigem Staatsbewußtsein«. Am Montag letzter Woche trat ein einziger geständiger Mitwisser vor die Richter -- nur als Zeuge.

Doch wußte sich der Internist Professor Hans Glatzel, 65, vor der Ersten Großen Strafkammer des Landgerichts Kiel im Prozeß gegen den früheren Ersten Staatsanwalt in Flensburg, Bruno Bourwieg, 66, an die alten Geschichten nur ungenau, an seine früheren Aussagen gar nicht zu erinnern.

Schwabe Glatzel hatte in den frühen fünfziger Jahren Frau Erika Heyde behandelt und als Krankheitsursache »psychogen bedingte Konflikte« konstatiert. Kurz nach der Konsultation stellte sich ihm der Ehemann vor: »Ich bin die Konfliktsituation.«

Glatzel machte daraufhin den Untergetauchten mit dem Präsidenten des Landessozialgerichts, Ernst-Siegfried Buresch, bekannt und stiftete den Richter an, Sawade als Gutachter zu beschäftigen. Als er sich später überzeugt hatte, daß Heyde zur Festnahme ausgeschrieben war und überdies die Identität Heyde-Sawades im Landessozialgericht offenes Geheimnis wurde, sann der Internist auf Absicherung.

Er habe deshalb -- so seine Aussage im Prozeß -- Bourwieg und Buresch 1954 in seiner Wohnung zu einem Gespräch empfangen, um zu klären, ob man Heyde anzeigen müsse.

Aber außer Glatzel und Ehefrau Marianne, die in alten Zeiten mit Frau Bourwieg gemeinsamen Anschlag auf dem Glatzel-Flügel übte, mag sich niemand mehr erinnern, daß der damalige Ankläger und spätere Leitende Regierungsdirektor die Herren beriet.

Buresch, im Dezember 1959 amtsenthoben, hatte zwar vor dem Untersuchungsrichter erklärt: »Aufgrund des ... Gespräches Glatzel/Bourwieg rief Bourwieg bei mir an und teilte mir mit, daß ich nicht anzeigeverpflichtet sei.« Aber wegen zweier Herzinfarkte, die schließlich 1967 zur Einstellung eines Verfahrens gegen Buresch führten, kann der frühere Gerichtspräsident heute nicht einmal mehr als Zeuge vernommen werden.

Derartigen Prozeßsituationen aus alter Berufspraxis gewachsen, sah Bourwieg im Angriff seine beste Chance und drängte auf die Verhandlung. Den Vorwurf, er habe Heyde festzunehmen versäumt und ihn damit »wissentlich der im Gesetz vorgesehenen Strafe entzogen« (Begünstigung im Amt), bestreitet er entschieden.

»Ich bin doch nicht wahnsinnig«, polterte der angeklagte Ex-Ankläger, »einen Mann, der wegen derartiger Verbrechen gesucht wird, nicht anzuzeigen.« Seit 180 Jahren diene seine Familie dem preußischen und deutschen Staat,

»Rein hypothetisch« erwog der empörte Gesinnungs-Preuße, daß er möglicherweise gefragt worden sei, wie falsche Namensführung rechtlich zu beurteilen wäre. Doch schließe er mit Bestimmtheit aus, daß dabei von einem gewissen Flensburger Arzt oder gar von Dr. Sawade die Rede gewesen sei.

Da mochten -- im achten Jahr -- auch die früheren Kollegen Bourwiegs letzten Dienstag ihre Anklage nicht länger verfechten und beantragten Freispruch. Das Urteil war nur noch eine Formalität: Freispruch.

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