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Barzel Rein menschlich

Rainer Barrel ist geständig: Er hat 60 000 Mark Beraterhonorar von Fritz-Aurel Goergens Henschel-Werken kassiert.
aus DER SPIEGEL 15/1972

Der Vorstoß kam aus der neutralen Ecke. Rainer Barzel ließ die Deckung fallen.

Bruno Dula, eidgenössischer Engros-Händler in Auto-Zubehör, Garageneinrichtungen und Elektrogeräten aus Zürich (Firma »Dulimex"), hatte Ende 1971 seine Tageszeitung studiert und war »alarmiert, so daß ich mich gefragt habe: »Was ist denn da los?"'

Was los war, hatte der SPIEGEL in Nummer 51 berichtet: CDU/CSU Kanzlerkandidat Rainer Barzel bezog in den Jahren 1959 bis 1961 von der 1964 in ein Betrugsverfahren verwickelten Rüstungsfirma Henschel ein 60 000-Mark-Honorar -- davon 10 000 Mark für ein Gutachten, das nie erstellt wurde. Der CDU-Politiker war zu jener Zeit stellvertretendes Mitglied des Verteidigungsausschusses, der über die Rustungskäufe der Bundeswehr mitentscheidet.

Als Vertreter der Staatsanwaltschaft Koblenz 1964 in den Kasseler Büros des Henschel-Chefs Fritz-Aurel Goergen wegen des Verdachts ermittelten, der Lastwagen- und Rüstungsbetrieb habe die Bundesrepublik Deutschland betrogen, meldete sich Barzel am Telephon. Goergen bat den prominenten Christdemokraten vor den Ohren der Staatsanwälte um Hilfe. Auf eine mutmaßliche Einwendung des Abgeordneten donnerte der cholerische Henschel-Boß: »Dann müssen halt die Gesetze in Bonn geändert werden.«

Der »ins Zwielicht geratene CDU-Vorsitzende verweigerte bislang jede Stellungnahme zu dem inzwischen bekanntgewordenen Deal. Barzel-Gattin Kriemhild befand bündig über den SPIEGEL: »Die sind ja verrückt.« Barzel-Intimus Eduard Ackermann glaubte zu wissen: »Keinen Pfennig hat Barzel persönlich bekommen. Meines Wissens ist das Geld der Partei zugeflossen.«

Dula -- nach eigenem Bekenntnis »überhaupt nicht politisch interessiert, sondern ein neutraler Mann« -- wollte es genau wissen. Ihn interessierte, »ob Barzel tatsächlich Geld genommen hat und ob ein so vorbelasteter Mann in der Bundesrepublik Kanzler werden kann«.

So schrieb denn der Urschweizer aus dem Luzerner Buttisholz am 20. Dezember an den CDU/CSU-Fraktionsvorsitzenden und bat um Aufklärung. Dula: »Ich wollte wissen, ob das eine Verleumdung war oder nicht.«

Auch in Deutschland rätselten Freund und Gegner über den Verbleib der 60 000 Mark. Wäre der Betrag, wie Ackermann meinte, als Henschel-Spende in die CDU-Parteikasse weitergeflossen, hätte er von Goergen versteuert, in den Henschel-Büchern auftauchen müssen. Ein Barzel-Honorar dagegen hätte von dem CDU-Abgeordneten in seiner Einkommensteuer-Erklärung angegeben werden müssen. Die zur Wahrung des Steuergeheimnisses verpflichteten Finanzämter verweigerten die Aussage.

Acht Wochen lang hütete Rainer Barzel sein Steuergeheimnis mit. Dann, am 7. Februar 1972, enthüllte er dem Schweizer Dula, was er der deutschen Öffentlichkeit vorenthalten hatte. »Im Auftrage von Herrn Dr. Barzel« schrieb Manfred Hohnstock, Bürovorsteher des CDU-Vorsitzenden, dem Züricher Zubehörhändler, es treffe zu, »daß Herrn Dr. Barzel von der Firma Henschel für eine Beratertätigkeit über einen längeren Zeitraum auf Grund eines Honorarvertrages 60 000 DM gezahlt wurden; der Betrag wurde versteuert«. Von einer Parteispende war keine Rede.

Hohnstock beteuerte weiter, sein heutiger Chef habe »zu keiner Zeit versucht, ein Gericht oder eine sonstige Justizbehörde in Zusammenhang mit den Strafverfahren gegen Herrn Dr. Goergen und andere Angehörige der Firma Henschel zu beeinflussen«. Auch sei Barzel »niemals in Rüstungssachen tätig gewesen«.

In welchen Sachen Barzel tätig geworden ist, umschrieb der Chef der Christen-Kanzlei eher allgemein: »Er hat ausschließlich Herrn Dr. Goergen, vermittelt durch einen Anwalt, beraten.«

Der neugierige Eidgenosse fand sich mit dem Ergebnis seiner Recherche ab: »Ich ziehe keine Konsequenzen. Es interessierte mich rein menschlich.«

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