Zur Ausgabe
Artikel 28 / 83
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

DDR Rein zufällig

Umsiedler müssen für den Transport ihrer Habe oft üppige Preise zahlen: Die DDR verdient daran harte Devisen. *
aus DER SPIEGEL 50/1984

Seinen letzten Umzug wird der Hamburger Filmemacher Heiner Sylvester so schnell nicht vergessen. Schon Wochen bevor die Möbelwagen anrückten, listete er sämtlichen Hausrat seiner Familie auf.

Auf neun Schreibmaschinenseiten notierte er Hunderte von Büchern mit Titel, Jahreszahl und Preis, zählte 3591 Post- und Ansichtskarten, 257 Familienphotos, 29 Christbaumkugeln und registrierte unter anderem »1 Füllhorn (Glas), 1 Puppengeschirr - Blech - 27 Teile, 1 Glasstöpsel« und »11 bemalte Ostereier«.

Über die Fleißarbeit zu Jahresbeginn ist der ehemalige Ost-Berliner heute froh. Denn die Umzugsliste, die alle DDR-Aussiedler vor ihrer Reise in den Westen anfertigen müssen, ist nun ein wichtiges Beweisstück.

Wie viele der über 30 000 DDR-Bürger, die dieses Jahr in die Bundesrepublik kamen, fühlt sich Familie Sylvester von deutsch-deutschen Umzugsmanagern hereingelegt. Die DDR, so werfen die Umsiedler den ostdeutschen Behörden vor, zwingt ihre Ex-Einwohner durch extrem kurze Ausreisefristen zum überstürzten Aufbruch und sahnt dabei kräftig Devisen ab.

Vor allem die West-Berliner Firma Schmeling, so klagen DDR-Umsiedler, erschwere ihnen durch happige Preise den ohnehin schwierigen Start in der Bundesrepublik. Schmeling wickelt die von der staatlichen DDR-Spedition »Deutrans« vermittelten Transporte in den Westen ab.

Filmemacher Sylvester wollte die Schmeling-Rechnung über 4099 Mark (inklusive Lagergeld) nicht klaglos hinnehmen. Deshalb schickte er seine Umzugsliste an die »Fachvereinigung Möbeltransport Hamburg e. V.«. Die errechnete, anhand der Unterlagen und gefahrenen Kilometer, einen Umzugspreis von 2055 Mark und empfahl dem Familienvater, eine »ordnungsgemäße Rechnung« anzufordern. Die West-Berliner Spedition ließ dem Neu-Hamburger jedoch nur 300 Mark nach.

Ähnlich wie Heiner Sylvester weigerten sich viele DDR-Aussiedler zunächst, die unerwartet hohen Rechnungen zu begleichen. Einige hatten überhaupt kein Westgeld und konnten daher nicht, wie gefordert, sofort und in bar bezahlen. In solchen Fällen drohten die Schmeling-Spediteure mitunter, den Hausrat wieder mitzunehmen.

Seit der Ausreisewelle im Frühjahr häufen sich beim West-Berliner Senat und im Innerdeutschen Ministerium Proteste erboster Schmeling- und Deutrans-Kunden. Die meisten beschweren sich über horrende Rechnungen und die Willkür der Spediteure. Andere klagen, daß ihre zumeist selbstgezimmerten Kisten nicht, wie vereinbart, mit der Bahn, sondern per Lastwagen befördert wurden.

So mußten die Ost-Berliner Schriftstellerin Doris P. und der Maler Jürgen S. für ihren Umzug in den Westteil der Stadt insgesamt 2757 Mark an die Firma Schmeling bezahlen, obwohl im Vertrag für den Transport bis zum Lager des Spediteurs zunächst nur 1363 Mark ausgemacht waren. Das Sozialamt übernahm für das Künstlerpaar 1363 Mark, allerdings unter dem Vorbehalt der »fachtechnischen Prüfung durch den Senator für Wirtschaft«.

Beamte der West-Berliner Behörde hatten die Rechnung, ebenso wie andere Schmeling-Forderungen, in »mühsamer Kleinarbeit« (eine Senatssprecherin) nachrecherchiert. Die happigen Aufschläge für Lagerkosten und angeblich notwendige Zusatz-Fahrten innerhalb West-Berlins mußten die DDR-Umsiedler selbst bezahlen.

Weitere Einzelheiten ihrer Kontrollaktion wollen die Prüfer nicht mitteilen. »Aus übergeordneten politischen Gründen«, so Senatsdirektor Detlef Stronk, müßten die Ergebnisse vertraulich bleiben.

Auch die Beamten im Bonner Innerdeutschen Ministerium sind schweigsam. DDR-Umsiedler könnten ja, so wiegeln sie ab, ihren zinsverbilligten Einrichtungskredit von 3000 Mark pro Erwachsenem für die Umzugsrechnung verwenden.

Die Experten wollen die Gespräche mit der DDR nicht durch öffentliche Erklärungen belasten: Inzwischen befaßt sich die deutsch-deutsche Verkehrskommission mit dem heiklen Thema. Im Innerdeutschen Ministerium weiß man zwar, daß Deutrans bei dem grenzüberschreitenden Geschäft mitverdient. Doch rechtlich ist den DDR-Umzugsmanagern nur schwer beizukommen.

Mit welchen Mitteln die DDR-Speditionsfirma Deutrans arbeitet, zeigt das Beispiel des Berufsschullehrers Götz Burghardt aus Schwäbisch Hall. Nach einer Pressemitteilung des Innerdeutschen Ministeriums können Bahn-Frachtkosten, anders als Rechnungen für West-Spediteure, »bis zum Zielort in Mark der DDR entrichtet werden«, wenn »der Umziehende für die Bezahlung der Frachtkosten vor seiner Übersiedlung Vorsorge trägt«.

Doch obwohl ein Freund Burghardts bei Deutrans im voraus 1000 Ostmark für den vorgesehenen Bahntransport einzahlte,

mußte der Lehrer nachträglich noch einmal blechen - diesmal in DM-West.

Dabei hatte der Umsiedler für seine Kisten ausdrücklich Bahnverladung von Zedlitz bei Leipzig bis zur Station Laufen am Kocher vereinbart. Fast drei Monate später traf das Umzugsgut endlich in der neuen Heimat ein - allerdings nicht, wie zunächst mit Deutrans abgesprochen, am Bahnhof in Laufen. Vielmehr kam Burghardts Habe in Schwäbisch Hall an - mit einem Lastwagen der Firma Schmeling.

Deutrans hatte den Hausrat zunächst nach West-Berlin geschafft. Von dort fuhren die Schmeling-Spediteure die Kisten ins Schwäbische. »Kurioserweise«, wundert sich Burghardt, »ging der Transport wieder über Leipzig.«

Für ihre unerbetenen Dienste verlangten die West-Berliner Möbelfahrer 1358 Mark. Die zuständige Außenstelle des Landratsamtes in Crailsheim erstattete dem Lehrer 592 Mark und 11 Pfennig - die Bahn-Frachtkosten ab Hof/DDR-Grenze bis Schwäbisch Hall.

Nicht viel besser erging es einem Freund Burghardts aus Frohburg bei Leipzig. Der Techniker Jürgen Hummel, nach Ebersbach an der Fils umgezogen, wollte seine Kisten per Bahn zur Station in Göppingen schicken. Auch er hatte sich an die Bestimmungen gehalten und noch in der DDR 1000 Ostmark bei Deutrans bar beglichen.

Doch wieder rollten, absprachewidrig, die Spediteure der Firma Schmeling an. Beim Ausladen in Ebersbach sollte Jürgen Hummel 1085 Mark nachzahlen.

Wie eng das West-Berliner Umzugsunternehmen mit seinen Ost-Berliner Geschäftspartnern zusammenarbeitet, zeigt nicht nur die reibungslose Abwicklung solcher fragwürdigen Transaktionen. Auch das Bürohäuschen an der Buckower Chaussee 114 läßt auf beste Verbindungen zur DDR schließen.

Unter dem Firmenschild prangt das Emblem eines in Branchenkreisen wohlbekannten Speditionsunternehmens: Die Firma Ihle teilt sich dort mit Schmeling Büro, Adresse und Telephonnummer.

Die in Hamburg ansässige Spedition Ihle fungiert in der Bundesrepublik als Generalvertreter der staatlichen DDR-Spedition Deutrans. An der Firma ist laut Handelsregister zu 80 Prozent das Liechtensteiner Unternehmen »Unisped« beteiligt. Das aber dient vermutlich nur der Verschleierung der wahren Besitzverhältnisse. Die Firma verfügt, laut Liechtensteiner Handelsregisterauszug vom 2. 4. 1976, nicht einmal über eine eigene Adresse, sondern wird von der Präsidial-Anstalt, Vaduz, mitvertreten. Da Ihle nur eine Lizenz für den Güternahverkehr besitzt, also nur im Umkreis von 50 Kilometern um Hamburg transportieren darf, vergibt das Unternehmen Ferntransporte weiter - zum Beispiel an Deutrans oder, wie bei den DDR-Umsiedlern, an Schmeling.

Welch starke Position Deutrans in dem deutsch-deutschen Deal von Anfang an hatte, zeigt auch der Vertrag, der 1968 zwischen den beiden Firmen geschlossen wurde. Ihle mußte an Deutrans zunächst 25 Prozent des Bruttospeditionsgewinns aus dem DDR-Geschäft abführen. Schon damals rügte die Oberfinanzdirektion in Hamburg, diese Vereinbarung verstoße gegen die Bestimmungen im innerdeutschen Handel.

Auch die Spedition Schmeling kommt bei den deutsch-deutschen Transportgeschäften auf ihre Kosten. Zwar beteuert deren Geschäftsführer Wilfried Pfeifer, sein Unternehmen und Ihle hätten »nicht das geringste« miteinander zu schaffen. Die gemeinsame Adresse auf dem Buckower Industriegelände sei »rein zufällig«.

Doch DDR-Aussiedler, bei denen Pfeifer vor dem Umzug den Transportumfang begutachtete, haben andere Beobachtungen gemacht. So wies sich der Schmeling-Manager etwa gegenüber Doris P. und Jürgen S. als »Beauftragter für Umzugs- und Möbeltransporte« der Firma Ihle aus. Die Visitenkarte, die er überreichte, lautete auf die Firma Ihle, Adresse und Telephonnummer sind mit der von Schmeling identisch.

Gerade die Unklarheit, wer für die Abwicklung der Umzüge verantwortlich zeichnet, wird von der DDR ausgenutzt. Meist hatten die Umsiedler nur mit der staatlichen Deutrans einen Vertrag geschlossen, die das Geschäft dann, ohne Wissen der Kunden, weitergab, entweder über Ihle oder direkt an Schmeling. Bei Beschwerden verweist Geschäftsführer Pfeifer an die Auftraggeber im Osten. Denen aber ist vom Westen aus nicht beizukommen.

Diese Erfahrung machte auch Norbert Behnk, als er versuchte, dem Trio Deutrans-Ihle-Schmeling ein Schnippchen zu schlagen. Weil der Maler aus Hagenow, Bezirk Schwerin, die hohe Umzugsrechnung für den Transport nach Tornesch bei Hamburg nicht bar bezahlen konnte, drohten die Spediteure, den Hausrat wieder mitzunehmen. Erst als der DDR-Aussiedler »die Polizei und einen Rechtsanwalt« einschaltete, so Behnk, »wurde es möglich, mit dem Geschäftsführer, Herrn Pfeifer, ein sachgemäßes Gespräch zu führen«.

Die Spediteure luden ihre Fracht ab, und der Maler zahlte - allerdings in Ost-Mark auf das Konto des volkseigenen Betriebs Deutrans in Ost-Berlin. »Da wir bezüglich des Möbeltransports einen Vertrag mit VEB Deutrans haben und nicht mit Ihnen«, schrieb er an die Firma Schmeling, »müssen Sie sich zur Begleichung Ihrer Rechnung mit dem VEB Deutrans in Verbindung setzen.«

Doch die volkseigenen Spediteure zeigten sich über den Geldeingang wenig erfreut: Sie überwiesen den Betrag zurück auf Behnks Ost-Konto. Die Bezahlung in Ost-Währung, so ließen die Deutrans-Manager ausrichten, verstoße gegen das DDR-Devisengesetz und sei daher nicht zulässig. Nach monatelangem Hickhack beglich der Maler die Rechnung doch noch in harter West-Währung.

Dabei könnte auch er sich - zumindest theoretisch - auf das DDR-Devisengesetz berufen. »Bis zur Staatsgrenze der Deutschen Demokratischen Republik«, heißt es nämlich in den Durchführungsbestimmungen vom 19. Dezember 1973, dürfen DDR-Aussiedler Transporte aus ihrem zurückgelassenen Ost-Guthaben bezahlen.

Zur Ausgabe
Artikel 28 / 83
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.