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BURMA Reis vom gelben Pfau

Drei Wochen nach der Sturmkatastrophe dürfen nun doch internationale Helfer einreisen. Die Opposition aber muss weiter heimlich ihre Spenden verteilen.
aus DER SPIEGEL 22/2008

Noch immer thront stolz die goldene, mit Edelsteinen besetzte Shwedagon-Pagode über der Altstadt Ranguns. Bislang hat sie noch jede Militärjunta überdauert, und selbst Zyklon »Nargis« hat ihr nur wenig anhaben können: Hie und da ist eine vergoldete Spitze des buddhistischen Tempels abgeknickt, aber das meiste ist schon repariert. Jetzt, in Woche drei nach dem todbringenden Sturm, schlendern sogar wieder erste Touristen durch die prunkvolle Anlage.

Nur wenige Meter von diesem Wahrzeichen entfernt befindet sich das Büro der Nationalen Liga für Demokratie (NLD). Sie ist die Partei der Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi, die seit Jahren in Haft ist oder unter Hausarrest steht. 1990 gewann die NLD mit überwältigender Mehrheit die letzten freien Wahlen im Land. Sie bekam 59,8 Prozent der Stimmen, doch die Generäle ignorierten das Resultat und steckten viele Oppositionelle ins Gefängnis.

Das Büro der NLD ist ein unscheinbarer kleiner Bau, auf seinem Dach wehen drei Fahnen: die neue burmesische Nationalflagge, die alte Flagge des Landes und die der Opposition - ein gelber Pfau in Angriffshaltung. Ab und zu kommen Menschen in die Parteizentrale. Sie schleppen Säcke mit Hilfsgütern für die Sturmopfer herein. Die NLD will Hilfe organisieren, wenn schon die Regierung bislang so wenig getan hat. Die Besucher huschen gleichsam durch die düstere Pforte, sie wollen nicht gesehen werden. Denn gegenüber, an einem kleinen Verkaufsstand, lauern die Spitzel des Regimes: unscheinbare junge Männer in Wickelröcken, die mit kleinen Kameras ausgerüstet sind und jeden Besucher fotografieren.

»Es ist absurd«, klagt Win Naing, der dem neugegründeten Hilfskomitee der Partei angehört, »die Regierung hat drei Wochen lang nichts getan, uns aber untersagt sie, Hilfe in das Krisengebiet zu bringen. Alles, was wir tun, geschieht im Verborgenen.« Er zieht eine Packung aus der Schublade, es sind vitaminreiche Kekse, die die australische Regierung gespendet hat. Doch diese Notnahrung hat die Überlebenden der Sturmkatastrophe nie erreicht, Win Naing fand sie auf dem Schwarzmarkt.

Er selbst könnte einiges tun. Denn eigentlich ist er Arzt, doch er darf nicht mehr praktizieren, seit die Junta ihm vor einigen Jahren die Approbation entzogen hat: Opposition heißt in Burma schnell Berufsverbot. Wenn er schon als Mediziner nicht eingreifen kann, versucht Win Naing wenigstens, Hilfslieferungen zu koordinieren und sie auf unauffälligen Wegen ins Irrawaddy-Delta zu bringen.

Unten im Büro türmen sich Berge von Spenden. Aktivistinnen aus der Frauensektion der Partei sortieren sie: ein Packen Kleider, ein Haufen Reis, dazu etwas Speiseöl. Es sind einfache Parteimitglieder, Nachbarn, die die Sachen vorbeibringen. Der Sturm hat die Menschen zusammengeschweißt. Sie verdienen nicht mehr als 20 Euro im Monat, und doch versuchen sie, einiges davon für die leidenden Landsleute abzuzweigen.

Immer mehr Leute kommen aus den überfluteten Gebieten und suchen bei der NLD Unterstützung. Ma Zin Mai Myint, 30, beispielsweise, eine abgemagerte junge Frau aus der Stadt Bogale. Acht ihrer zehn Familienmitglieder sind im Sturm umgekommen, darunter ihr achtjähriger Sohn. Ihr Mann sitzt seit Jahren im Gefängnis: Er hat für die Oppositionspartei gearbeitet. Nun hat sie niemanden mehr, der ihr hilft.

Weil es internationalen Organisationen bislang untersagt gewesen war, im Delta zu arbeiten, bekamen nach Schätzungen der Helfer nur 20 bis 30 Prozent der Bedürftigen überhaupt ein wenig Unterstützung. Erst nachdem Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon vergangenen Freitag endlich Junta-Chef Than Shwe an dessen Regierungssitz Naypyidaw aufsuchen durfte, lenkten die Militärs ein. Sie kündigten an, nun alle ausländischen Helfer einreisen zu lassen.

»Die Regierung hat weiter Angst vor einer Öffnung«, glaubt Win Naing, »aber gleichzeitig braucht sie das ausländische Geld - das erklärt dieses ewige Hin und Her.« Trotz aller Beteuerungen, die Behörden würden mit dem Elend im Land selbst fertig, sei der Staat schlicht und einfach pleite: »Die Junta hat das ganze Geld für ihre neue Urwald-Hauptstadt verplempert.«

Genau deswegen gibt sich auch der Unicef-Vertreter optimistisch. Der Nepalese Ramesh Shrestha hat sein Büro im 14. Stockwerk des vornehmen Traders-Hotel mitten in Rangun. Von hier oben hat man einen beeindruckenden Blick über die goldenen Pagoden und die verfallenen Gemäuer aus der britischen Kolonialzeit. »Kein Land kann sich heutzutage komplett abschotten«, sagt Shrestha: »Die Tatsache, dass hochrangige Uno-Vertreter hier mittlerweile willkommen sind, ist ein gutes Zeichen.« Und dann meint er: »Vielleicht erleben wir gerade den Beginn einer neuen Zeit.« THILO THIELKE

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